Drehtag für die Serie „Dr. Klein“ in der Mercedes-Benz-Arena: Julian Schmieder (am Ball) spielt den schwulen Profi Jens Vogler – die Komparsen sind Bezirksligaspieler aus Esslingen Foto: Lichtgut/Kovalenko Foto:  

Im Jahr zwei nach Hitzelspergers Outing hat sich beim Fußball wenig geändert. Schwule Profis sind weiterhin ein Tabu – nur nicht in der TV-Serie „Dr. Klein“. Das ZDF hat am Freitag in der Mercedes-Benz-Arena Schräges zum Thema Toleranz gedreht. Nach dem VfB-Absturz nehmen Fernsehleute und Panik-Udo das Stadion in Beschlag

Stuttgart - Ein KSC-Fan, der auf dem VfB-Rasen zum schwulen Kicker wird – in einer schrägen Serie wie „Dr. Klein“ ist alles möglich. Am Freitag hat die Bavaria-Filmproduktion, die fürs ZDF die dritte Staffel der Kinderarztserie mit ChrisTine Urspruch in der Titelrolle dreht, morgens um 5.30 Uhr für einen Tag die Mercedes-Benz-Arena annektiert.

Beim Training am Nachmittag (die Komparsen sind Bezirksligaspieler aus Esslingen) scheint die Sonne idyllisch auf den Stadionrasen, als sei die Fußballwelt hier noch in Ordnung. Der in Karlsruhe geborene Julian Schmieder, der den schwulen Fußballer mimt, erzählt in einer Drehpause, dass er ein KSC-Trikot mitgebracht hat. Könnte ihm ja Glück bringen fürs Derby in der neuen Zweitliga-Saison. „Da oben im Gästeblock werd’ ich sein“, sagt der 36-Jährige und zeigt auf die Gegentribüne. Außerdem habe er schon mal „ne Rauchbombe für unser Auswärtsspiel versteckt“. Haha!

Ach ja, daheim in Karlsruhe habe man den letzten Spieltag der Bundesliga bejubelt, gibt er zu. Gegenseitige Schadenfreude gehört zur Tradition von VfB und KSC. Die Serie „Dr. Klein“ aber will nicht in Wunden bohren. Deshalb tritt Schmieder als stotternder Profi Jens Vogler für den FV Stuttgart in Weiß-Rot ohne roten Brustring an – das Filmteam hat sogar ein eigenes Logo für den fiktiven Verein machen lassen.

Schmieder spielt den Quotenschwulen. Ein Schwuler ist im ZDF-Vorabend gut für die Quote. Wir erinnern uns: Als es 2014 losging mit der Serie, die politisch unkorrekt sein will, gab’s heftige Proteste, weil der Sender ankündigte, man wolle mit „Exoten wie Schwulen“ zeigen, wie „normal das Anderssein“ sei. Nach der ersten Staffel stieg „Tatort“-Star Miroslav Nemec aus, der als homosexueller Chefarzt mitgeholfen hatte, dass eine Stuttgarter Produktion, die ohne die sonst üblichen Fördergelder des Landes auskommt, mit vier Millionen Zuschauern eine Superquote schaffte.

Bernd Gnann spielt den Fußballmanager

Seitdem ging die Quote runter. Können die Wirrungen des Fußballers Vogler, der erst eine „Spielerfrau“ präsentiert, bevor er sich doch zu sich bekennt, sie wieder etwas nach oben treiben?

Das Set ist sehr groß. Nicht nur auf dem Rasen wird gedreht, sondern auch in Katakomben der Mercedes-Benz-Arena, in den Gästekabinen und vor einem draußen extra aufgestellten Kiosk . Laut Drehbuch hat sich Vogler zur Tarnung seiner sexuellen Präferenz mit der spleenigen Schwester von Kinderärztin Dr. Klein angefreundet. Die hat vom Manager des Fußballers – gespielt von Bernd Gnann – Karten für die VIP-Loge bekommen. Wie es dabei drunter und drüber geht, ist Ende des Jahres im ZDF zu sehen (gesendet werden 13 neue, fantasiereiche Folgen freitags um 19.25 Uhr).

Drunter und drüber geht es in der Realität schon jetzt beim VfB. Trotz allem: ein Problem weniger hat der Verein, wie Mark Friedrich findet, der Vorsitzende des schwulen VfB-Fanclubs Stuttgarter Junxx. Das Outing des Ex-Nationalspielers Thomas Hitzelsperger habe sich positiv ausgewirkt, sagt Friedrich. Anfeindungen würden die 90 Mitglieder seines Clubs nicht mehr erleben. Sie seien in der VfB-Welt anerkannt.

Hitzelsperger war die große Nachricht im Profisport – doch keine weiteren Outings folgten, worüber sich Friedrich wundert. Die Kettenreaktion von weiteren schwulen Spieler, die sich bekennen, blieb aus. In der Gesellschaft ist es heute Standard, sich nicht mehr negativ über Homosexualität zu äußern.Nur der Fußball scheint ausgenommen. Weil er das letzte Reservat für vermeintlich „richtige Männer“ ist?

Nicht so sehr an den Schmähgesängen der Fans liegt es, dass sich keine Spieler outen, glaubt Schauspieler Julian Schmieder. „Fussballstars sind wandelnde Werbeverträge, die im Fokus der Öffentlichkeit stehen“, sagt er, „sie schleppen eine Entourage an Beratern, Managern, Besserwissern mit, die sicherlich von so einem Schritt abraten.“

Schwuler VfB-Fanclub plädiert für Hitzelsperger

Der Vorsitzende der Stuttgarter Junxx blickt nach vorn. Und freut sich auf die „Herausforderungen“ in der zweiten Liga. Sein Fanclub wird weiterhin die Spiele besuchen. Für die Zukunft seines Vereins gibt er folgende Parole aus: Holt den Hitzelsperger! In den Aufsichtsrat des VfB wünscht er ihn. Als Präsidenten favorisieren die Junxx den früheren VfB-Spieler Hermann Ohlicher.

Nur keine Panik in Liga zwo. Bereits zwei Tage nach dem Dreh für „Dr. Klein“ fahren die ersten Trucks in der Mercedes-Benz-Arena vor – für den Tour-Auftritt von Udo Lindenberg. Am 28. Mai singt er seinen neuen Song „Durch die schweren Zeiten“ im Stadion im Neckarpark bestimmt auch für den VfB: „Es geht nicht immer geradeaus / Manchmal geht es auch nach unten.“

Nie zu spät, erklärt uns der 70-Jährige darin, sei es, um „noch mal durchzustarten“. Wo hinter all den schwarzen Wolken wieder gute, ja geile Zeiten warten. Recht so, Udo! Daran glauben wir doch gern!

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: