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Das Heimspiel gegen den VfL Bochum am Samstag muss der VfB gewinnen. "Die Drucksituation zuhause ist viel größer", sagt der Sportpsychologe Lothar Linz.

Stuttgart - Das Heimspiel gegen den VfL Bochum am Samstag (15.30 Uhr, Sky, Liga total) muss der VfB gewinnen. Das Problem: "Die Drucksituation zuhause ist viel größer", sagt der Sportpsychologe Lothar Linz.

Herr Linz, der VfB steckt in der Krise. Wie wirkt sich solch ein Druck auf die Spieler aus?

Er führt bei den meisten Spielern zu sehr großer Verunsicherung. Das führt dann dazu, dass die ganze Mannschaft wie gelähmt wirkt. In dieser Situation können Negativerlebnisse nicht mehr gut verarbeitet werden. Wenn man beispielsweise zurückliegt oder es im Spiel nicht läuft, dann denkt man schnell: "Nicht schon wieder." Und dann bekommt man Angst.

Ist es für den VfB, der es nicht gewohnt ist, gegen den Abstieg zu spielen, schwerer als beispielsweise für den VfL Bochum, der häufig um den Klassenverbleib kämpfen musste?

Es gibt Nachteile und Vorteile. Die Erfahrung zeigt, dass Vereine wie der VfB nicht überdurchschnittlich oft absteigen. Auch Dortmund stand in der vergangenen Spielzeit lange im Tabellenkeller oder Leverkusen vor einigen Jahren. Die haben am Ende trotzdem die Klasse gehalten. Die Spieler haben zwar keine Erfahrung mit einer solchen Situation. Sie haben aber trotzdem ein größeres Selbstvertrauen, weil sie wissen, dass sie eigentlich so gut sind, dass sie es schaffen. Clubs wie Bochum dagegen müssen sich viel häufiger die Frage stellen: "Haben wir überhaupt die Qualität dafür?"

Dem VfB fehlt das Selbstvertrauen. Das holt man sich durch Siege. Doch für die braucht man Selbstvertrauen. Ein Teufelskreis?

Wenn man einen Spieler fragt, sagt der: "Wir müssen einfach mal wieder gewinnen." Aber das Problem ist: Wie kommt man zu diesem "einfach mal wieder gewinnen?" So ein Sieg fällt ja nicht vom Himmel. Wichtig ist nun, dass der Trainer das Team dahin bringt, dass es wieder an sich glaubt.

Wie kann er das schaffen?

Als erstes muss er der Mannschaft helfen, der Situation realistisch ins Auge zu schauen. Er muss klar sagen: "Hier stehen wir im Moment, und das ist unsere Aufgabe." Außerdem muss er der Mannschaft Selbstvertrauen geben. Wenn das nicht über Siege geht, muss das Training die Hauptrolle spielen. Man muss den Spielern Erfolgserlebnisse verschaffen. Das funktioniert am besten, indem man viele Wettkampfformen und Torschussübungen einbaut.

Beim VfB gibt es keinen Mentaltrainer. Wer einen benötigt, muss sich selbst darum kümmern. Glauben Sie, dass ein fest angestellter Mentalcoach sinnvoll ist?

Es gibt inzwischen einige Vereine, die schon so weit sind. Langfristig gesehen wird sich das wohl etablieren. Man sieht immer deutlicher, was Drucksituationen im Profi-Fußball mit einzelnen Spielern machen können. Dann ist es leichter für Spieler, wenn es im Verein einen direkten Ansprechpartner gibt. Ein Mentalcoach oder Sportpsychologe kann übrigens auch für einen Trainer ein guter Berater sein.

Wie kann ein Mentalcoach Spielern helfen?

Es ist ein großer Vorteil, dass er mit den Spielern auf eine Art sprechen kann, wie es der Trainer nicht kann. Vor allem, weil ein Mentalcoach nicht entscheidet, wer am nächsten Samstag spielt. Auch wenn der Trainer ein gutes Vertrauensverhältnis zu seinen Spielern hat, werden sie ihm niemals alles sagen - aus Angst vor Konsequenzen.

Am Samstag spielt der VfB im Kellerduell gegen Bochum. Ist das Heimrecht ein Vorteil?

Nein, das Heimrecht ist ein Nachteil. Abstiegskandidaten punkten auswärts öfter als zu Hause, weil die Drucksituation zu Hause größer ist. Zu Hause muss man gewinnen. Bochum kann dagegen relativ frei aufspielen. Sie haben viel zu gewinnen, wenig zu verlieren. Für den VfB ist das genau umgekehrt.

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