Auf der Freiluftbühne Killesberg überzeugt Melissa Etheridge trotz mancher Längen und Redundanzen als versierte und unprätentiöse Rocklady.
Es gibt Künstler, bei denen liegen halbe Welten zwischen ihrer Bühnenpersönlichkeit und ihrem privaten Ich. Bei Melissa Etheridge ist das alles ganz anders. Auch als Musikerin stellt sie nichts dar, verzichtet auf jedwede Maskeraden und ist nichts mehr und nichts weniger als ganz sie selbst – „This is M.E.“ heißt nicht umsonst und schön beziehungsreich eines ihrer Alben. Und auch bei ihrem Gastspiel auf dem Killesberg zeigt sie sich am Mittwochabend gänzlich unprätentiös und warmherzig und gibt auch sehr Persönliches von sich preis – etwa, wenn sie über ihre erfolgreich besiegte Krebserkrankung spricht.
Genau für diese nahbare und mätzchenfreie Gangart lieben sie auch die zweitausendfünfhundert Fans in der Freiluftbühne. Und natürlich für ihre Musik: Ausgiebig zeigt die 61-Jährige aus Kansas, zu welch ausdrucksstarker Virtuosin auf der elektrischen wie auf der akustischen Gitarre sie in über vierzig Karrierejahren gereift ist, demonstriert ihre kernige, vom Leben gegerbte Rockstimme, spielt facettenreich Mundharmonika und macht ganz am Schluss ihres knapp hundertzwanzigminütigen Konzerts sogar am Schlagzeug eine passable Figur. Sehr viel mehr kann man von einer Künstlerin kaum erwarten.
Temperamentvolle zweite Hälfte
Allerdings zeigt Melissa Etheridge auf dem Killesberg auch, wie sich derlei Tugenden bisweilen in ihr Gegenteil verkehren können. Dann verabreichen die Chefin und ihre dreiköpfige Band nämlich schlicht etwas zu viel des Guten, lassen die Instrumentalparts überreichlich ausufern, ziehen die Spannungskurve ihres Auftritts durch redundante Saiten- und Rhythmusspielereien eher nach unten als nach oben. So braucht es schon einen kernigen Bluesrock-Stomper wie „Nervous“, um nach einer recht verhaltenen ersten Konzerthälfte erstmals richtig Schwung in diesen Abend zu bringen.
Songs wie der Grammy-ausgezeichneten Hit „Come to my Window“ sowie die Zugaben „Bring me some Water“ und „Like the Way I do“ sorgen aber schließlich doch noch für einen deutlich temperamentvolleren zweiten Showabschnitt sowie unterm Strich für zwei mit viel Applaus bedachte Stunden Rock im Park.