Kritisiert die Stadt Stuttgart schaqrf: Torben Greve Foto: StN

Die Menschen schätzten die Fernbusse, sagt der Chef des Unternehmens MeinFernbus.de, im Stuttgarter Rathaus scheine man aber was dagegen zu haben. Torben Greve (39) fordert im StN-Interview ein vernünftiges Konzept. Ein Fernbusbahnhof nur am Flughafen reiche nicht.

Stuttgart - Die Menschen schätzten die Fernbusse, sagt der Chef des Unternehmens MeinFernbus.de, im Stuttgarter Rathaus scheine man aber was dagegen zu haben. Torben Greve (39) fordert ein vernünftiges Konzept. Ein Fernbusbahnhof nur am Flughafen reiche nicht.
Herr Greve, Sie haben geschäftliche Kontakte zu vielen Städten. Wo steht Stuttgart auf der Rangliste Ihrer Lieblingsstädte?
Stuttgart nimmt ganz klar den letzten Platz ein. Das ist die Problemstadt Nummer eins für uns. Wir sind sehr unzufrieden mit der grundsätzlichen Situation, auch mit der ­Zusammenarbeit.
Warum enttäuscht Stuttgart Sie so sehr?
Stuttgart hat kein Fernbuskonzept. Die Stadt will eigentlich den öffentlichen Verkehr fördern, unnötigen Individualverkehr verringern und den Umweltschutz stärken, aber Fernbusse will sie nicht haben. Dabei gehören die Fernbusse zum öffentlichen Verkehr und sind nicht mehr wegzudenken. Außerdem kommen über 80 Prozent unserer Fahrgäste mit öffentlichen Verkehrsmitteln zur Fernbushaltestelle. Deswegen braucht es eine vernünftige Verknüpfung, kein ­Ignorieren der Fernbusse.
Sie fühlen sich in eine Sackgasse gelotst?
Als der Zentrale Omnibusbahnhof beim Hauptbahnhof wegen Stuttgart 21 geschlossen wurde, hat man uns zuerst einen Ersatz in Bahnhofsnähe avisiert. Dann wurden wir auf einen Bushaltestreifen beim Rotebühlplatz verwiesen. Dann wieder zum Arnulf-Klett-Platz, wo die Stadtrundfahrten starten. Daraufhin ließ die Stuttgarter Straßenbahnen AG wissen, das gehe nicht. Aber im Busbahnhof in Vaihingen sei ein Bussteig für uns frei. Wir nahmen dort den Betrieb auf.
Und bald klemmte es auch dort.
Wenig später wollte uns die Stadt am liebsten nur noch in den Interimsbusbahnhöfen Zuffenhausen und Obertürkheim sehen. Jetzt müssen wir sogar beim Verwaltungsgericht klagen, damit wir in Vaihingen für den genehmigten Busbetrieb die Abfahrtszeiten verändern und den Takt mit Hilfe von zusätzlichen Bussen verdichten dürfen.
Die Stadt hat Sicherheitsbedenken: Mehr Fernbusbetrieb könne Fahrgäste beim Ein- und Aussteigen oder Passanten gefährden, außerdem würde mehr Zubringerverkehr für chaotische Verhältnisse sorgen. Diese Vorsicht ist doch ehrenwert, oder nicht?
Sogar mit einem höheren Abfallaufkommen am Busbahnhof wird gegen unsere Wünsche argumentiert. Dass die Zufahrt durch Pkw versperrt würde. Oder dass die Kapazität von Bussteigen nicht ausreiche. Das ist aus der Luft gegriffen. Außerdem könnte die Stadt mit Haltverbotsschildern und Kontrollen selbst dagegen angehen. Wir wollen nur flexibel weiterentwickeln, was uns im Grundsatz seit acht Jahren genehmigt ist. Die Stadt schiebt Sicherheitsbedenken vor, aus unserer Sicht will sie uns rausdrängen. Sie bremst uns systematisch aus. Die Menschen mögen unser Angebot zwar außerordentlich, die Stadt Stuttgart scheint aber etwas gegen den Fernbus zu haben.
Kann es sein, dass Sie einfachnur kompromisslos sind?
Außer in Stuttgart haben wir bisher immer Lösungen gefunden. Auch dort, wo es zunächst schwierig war wie in Köln. In Stuttgart waren wir bereit, mehr als bisher auf Zuffenhausen zu setzen, wenn man Vaihingen für problematisch hält. Jetzt heißt es, auch in Zuffenhausen gehe es zu eng zu. ­Dabei hatte die Stadt den Interimsbusbahnhof dort selbst eingerichtet. Der Bezirksvorsteher und die Bevölkerung seien dagegen, heißt es. Wir sind auch für Zuffenhausen in ein Widerspruchsverfahren gegangen, weil uns die Genehmigung für eine vor eineinhalb Jahren beantragte Linie versagt wird.
Wie erklären Sie sich die Haltung der Stadtverwaltung?
Ich glaube, in der Stuttgarter Verwaltung hat man Angst vor den Bürgern, die in der Nähe der Haltestellen wohnen. Deshalb traut man sich nicht, ein Konzept zu ­entwickeln.
Aber ein Konzept hat die Stadt doch. Sie will den kompletten Fernbusverkehr am Flughafen bündeln, wenn der neue Fernomnibusbahnhof dort Ende 2015 oder Anfang 2016 fertig ist. Warum akzeptieren Sie das nicht?
Wir werden den Flughafen natürlich anbinden, aber nicht als einzige Haltestelle in Stuttgart. Für Fernbusse, die von Norden kommen, ist das eine Randlage. Ohne Halt in Zuffenhausen müssten Fahrgäste, die nach Stuttgart wollen und die Stadt schon sehen, um Stuttgart herumfahren und dabei vielleicht lange im Stau stehen. Endlich am Flughafen angekommen, müssten manche dann wieder mit anderen Verkehrsmitteln zurückfahren zu ihrem eigentlichen Ziel. Das ist ein Unding. Deshalb möchten wir auch künftig Zuffenhausen als eine von zwei Haltestellen in Stuttgart haben. Das anzubieten wäre ein vernünftiges Konzept der Stadt. Darüber sollte offen diskutiert ­werden.
Sie möchten eine zweite Haltestelle, aber können Sie die auch erzwingen?
Der Busbahnhof am Flughafen wurde vor der Liberalisierung des Personenfernverkehrs Anfang 2013 und vor dem Boom der Fernbusbranche geplant. Die elf Bussteige werden gar nicht ausreichen. Dort sollen ja auch Expressbusse, Linienbusse und Busse des regionalen Verkehrs halten. Es wird viel zu eng zugehen. Das weiß man auch im Rathaus. Aber man handelt nach dem Motto: Augen zu und durch.
Wenn es zu wenig Platz gibt, bleiben halt Fernbusbetreiber auf der Strecke, oder nicht?
Die gesetzliche Grundlage ist so, dass man Fernbuslinien und Fernbushaltestellen nur aus Gründen der Verkehrssicherheit versagen kann, sofern einige formale Voraussetzungen erfüllt sind, nicht aus politischen Gründen. Das gilt sogar für die Innenstadt. Aber weiter rein wollen wir gar nicht fahren. Am Beispiel von Obertürkheim haben wir schnell gelernt, dass wir nicht versuchen sollten, mit den Bussen durch den Stuttgarter Kessel zu fahren. Wir wollen nur den zweiten Halt am nördlichen Rand von ­Stuttgart.
Was ist, wenn die Stadt Stuttgart das zu verhindern weiß?
Im äußersten Fall suchen wir im nördlichen Bereich von Stuttgart ein Grundstück, auf dem wir mit einem privaten Investor einen privaten Busbahnhof errichten. Stuttgart ist extrem wichtig als wirtschaftliches und touristisches Zentrum und auch als Studentenstadt. Das Fahrgastaufkommen ist zu hoch, um Stuttgart die nächsten zehn Jahre vom Fernbusnetz abzuhängen. Das werden wir also nicht machen. Aber Alleingänge sind eigentlich nicht unser Stil. Wir möchten lieber mit der Stadt pragmatisch zusammenarbeiten.
Wieso kamen Sie und die Stadtverwaltung dann bisher partout nicht zusammen?
Im August 2013 gab es ein erstes Gespräch. Aber damals ist im Grunde nur der Versuch unternommen worden, uns auf die Allein­lösung Flughafen einzuschwören. Seither gab es mehrere weitere Treffen mit der Verwaltung, aber passiert ist nichts.
Stimmt die Chemie einfach nicht?
Wir haben es ja mit netten Leuten zu tun, aber die Sache ist sehr anstrengend. Die ­Zuständigkeit ist lang nicht geklärt worden. Wir erhalten Briefe mit wechselnden Inhalten. Es gibt keine zuverlässigen Aussagen, keinen verantwortlichen Partner, keine Transparenz und keine Planungssicherheit für uns. Angesichts der notwendigen Vorläufe brauchen wir aber Planungssicherheit – sonst haben wir nachher Busse geordert, aber wir streiten immer noch um die Linie.
Wenn Sie den Prozess um den Vaihinger Busbahnhof­ verlieren sollten, werden Sie vielleicht demütiger.
Wir werden diesen Prozess nicht verlieren. Die Richter werden erkennen, dass die für die Genehmigung zuständigen Behörden in Karlsruhe einfach die falsche Argumentation der Stadt Stuttgart übernommen ­haben. Unser Erfolg vor Gericht wird in ganz Deutschland klarmachen, dass man den Fernbusverkehr nicht einfach aus politischen Gründen ausbremsen kann.
Vielleicht erledigt sich die Sache anders. Die ersten Fernbusunternehmen sind schon im Insolvenzverfahren angekommen. Vielleicht streichen auch Sie bald die Segel?
Dass einzelne Anbieter den Betrieb einstellen, war abzusehen. Aber der Fernbusmarkt wird nicht verschwinden. Wir sind zurzeit der Marktführer und werden in diesem Jahr voraussichtlich einen kleinen Überschuss erwirtschaften. Wir wollen die Nummer eins in der Branche bleiben und auch künftig weitere große und kleine Städte in unser ­Liniennetz einbinden und unsere Fahrpläne noch weiter verdichten.
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