Er zeichnete für Daimler und VW, jetzt stiehlt ihnen Murat Günak mit E-Auto die Schau.

Stuttgart - Mit Hochdruck arbeiten Automobilfirmen weltweit an serienreifen Elektroautos. Der Designer Murat Günak will alle überholen - und 2011 mit der Mia das erste Elektromobil für weniger als 20000 Euro auf den Markt bringen.

Der Erfinder und sein Produkt passen zusammen. Günak ist eher klein, fast schüchtern blickt er in die Redaktionsrunde. Obwohl der 52-Jährige zu den Top-Autodesignern Deutschlands gehört und unter anderem den Mercedes-SLK, den Maybach und den Golf V entscheidend geprägt hat, kennt ihn außerhalb der Branche kaum einer.

Kein Wummern, kein Gestank - Mia in der Stadt

Der Mia geht es ähnlich: 2011 soll das E-Mobil zunächst in einer Kleinserie von 5000 Stück auf den Markt kommen, von der Front bis zum Heck streckt sich der Dreisitzer auf wenig mehr als Smart-Länge. Ausgerechnet mit einer solchen Box auf Rädern will Günak die Elektromobilität auch in Deutschland entscheidend voranbringen.

Und zwar leise. Als E-Auto ohne Kolben, Tank und Auspuff hört man von Elektroautos wie der Mia lediglich das Rollen ihrer Räder. Leise tritt auch ihr Designer auf. Günak wählt seine Worte sorgsam, ruhig trägt er seine Visionen vor. Auf Starallüren verzichtet er ebenso wie auf die Krawatte, lieber rückt er die eigene Person sogar aus dem Rampenlicht heraus. So will der ehemalige VW-Chefdesigner auch nicht mit seinem früheren Arbeitgeber um die Vorherrschaft bei der Elektromobilität buhlen.

Gegenüber den großen deutschen Autobauern mit einer Million Verkäufen im Jahr "sind wir winzig", gibt sich Günak bescheiden. Seine Mia Electric wolle aber "versuchen, einen Beitrag zur Mobilität zu leisten, wir wollen einen Anstoß geben und einen Anfangspunkt setzen". Es wäre nicht das erste Mal, dass aus Kleinem Großes entsteht. Die wackeligen Bilder und schwachen Akkus der ersten Laptops habe anfangs auch jeder belächelt, sagt der Designer. Und heute werden mehr tragbare Computer verkauft als Tisch-PCs.

Elektroauto ist ein neues Fahrgefühl

Dass strombetriebenen Automobilen ein ähnlicher Höhenflug beschieden ist, daran lässt Günak keinen Zweifel. Elektroautos zu fahren "macht wirklich wirklich richtig Spaß", sagt Günak. "Sie geben Gas, und das Ding geht ab ohne irgendeine Unterbrechung." Ein geringes Gewicht ist für ihn das oberste Prinzip bei der Konstruktion eines Elektromobils, die Mia wiegt mit 650 Kilogramm halb so viel wie ein VW Polo. "Das ganze Auto wirkt agil, wie ein Gokart. Wer damit fährt, merkt erst mal, was für eine Schwere er sonst mit sich mitträgt." Hinzu kommt der günstige Unterhalt. Für 100 Kilometer Fahrt muss Strom für derzeit 1,20 Euro getankt werden. "Das ist auch eine Art Lustfaktor", sagt der Designer, "dafür können Sie öfter mal ins Kino gehen."

Während große Teile der Auto- und Zuliefererindustrie reine Elektromobile noch für lange Zeit als teures Nischenprodukt sehen, glaubt Günak, dass die Kunden aufs Elektroauto warten. Zwar schafft die Mia in der Grundausstattung nur rund 100 Kilometer mit einer Batterieladung und fährt damit zwar zum Einkaufen und zur Arbeit, aber nicht in den Urlaub. Das muss sie aber auch nicht, meint Günak. Vor allem junge Leute interessierten sich immer weniger für viele PS und einen großen Tank. "Ich bin noch in einer Generation aufgewachsen, die Menschen in tollen und teuren Autos automatisch als erfolgreich und besonders angesehen hat, bei den jungen Leuten kippt das um." Für sie zählten vielmehr Umweltverträglichkeit und praktischer Nutzen. In Günaks Zukunftsvision werden Park- und Möbelhäuser, aber auch Arbeitgeber irgendwann zwangsläufig Steckdosen installieren, "wenn sie wollen, dass die Leute zu ihnen kommen".

Mia: Gänzlich grün mit Strom aus dem Windpark

Solch eine Mobilitätszukunft einzuläuten, ist für eine so kleine und so junge Firma wie Mia Electric ein ehrgeiziges Ziel. Dennoch ist Günak überzeugt, dass dies nur einem Pionier und keinem Automobilschwergewicht gelingen kann. "Als wir die Mia entwickelt haben, haben wir mit einem weißen Blatt Papier angefangen", sagt der Designer. Ein Elektro- statt eines Verbrennungsmotors verändere die Auto-Architektur komplett. Nur wer unabhängig und jungfräulich an die Entwicklung herangehe und "nicht an bestehenden Markenwerten gemessen werden kann", könne etwas gänzlich Neues erschaffen.

Zum Beispiel ein weibliches Elektroauto namens Mia, was im Italienischen Besitz anzeigt und "meine" oder "meines" bedeutet. Ein schönes Wortspiel, findet Günak, nicht weniger ungewöhnlich kommen die Würfelform, der einzelne Vordersitz und die Schiebetüren daher. Als ob das nicht visionär genug wäre, gehen Günak auch nach dem geplanten Mia-Start Mitte 2011 die Ideen nicht aus. Denn um ein E-Mobil gänzlich schadstofffrei zu fahren, muss der Strom dafür aus regenerativen Quellen stammen. Gemeinsam mit den neuen Besitzern der Mia Electric - dem saarländischen Pharmaunternehmer Edwin Kohl und dem Essener Energieberater Conenergy - will Günak Mia-Fahrern irgendwann Anteilsscheine an einem Windpark anbieten. "Die Stromindustrie hat unheimlich viele Ideen, nur die Autos gibt es noch nicht", sagt Günak.

Der Designer kann auch bissig werden

Dieser Vorwurf schließt den Designer mit ein. Bei seinem Versuch, einen Hybridsportwagen zu bauen, ging Günak vergangenes Jahr das Geld aus. Den Mindset getauften Wagen sieht er zwar nicht als gescheitert an, gebaut wurde er bis heute aber nicht. Hätte die Mia in Edwin Kohl nicht einen neuen Investor gefunden, wäre ihr am ursprünglichen Geburtsort unter dem Dach des französischen Karosseriebauers Heuliez womöglich das Gleiche widerfahren.

Wer jedoch den Starttermin infrage stellt oder mutmaßt, dass große Autobauer wie BMW und Volkswagen mit ihren für 2013 angekündigten Elektromobilen die Pionierin Mia abhängen könnten, erlebt plötzlich einen anderen Günak. Es werde "zu viel geredet und zu wenig getan", schimpft er. Statt Autos auf die Straße zu bringen, debattiere die Branche über immer neue, weitere Reichweiten der Batterien. Nicht nur diese "Aufrüstung von Zahlen" vergeude Expertenwissen. "Tausende Ingenieure und Hunderte Designer werden eingesetzt, um eine Zierleiste noch ein bisschen schöner zu machen oder vier statt drei Auspuffe anzubringen. Wenn nur ein kleiner Teil anfangen würde, ein Elektroauto auf die Straße zu bringen, wären wir alle ein Stück weiter."

Günak: "Ich fahre gerne schnell"

Günak spricht zwar viel über Emotionen beim Autokauf, seine eigenen Gefühle über die Trägheit der Branche scheinen ihn aber selbst ein wenig zu erschrecken. Man solle ihn nicht falsch verstehen, bittet der 52-Jährige, "ich liebe Autos, und ich fahre auch gerne schnell". Seiner Meinung nach werden sich verschiedene Formen der Mobilität künftig abwechseln, auch er fährt den Prototyp der Mia bisher nur in Frankreich, wo das Auto gebaut wird. Das soll sich ändern. Glaubt man Günak, werden die Mia nicht nur wegen ihres günstigen Anschaffungspreises von unter 20000 Euro immer mehr Menschen ihr Eigen nennen wollen.

Die ersten Autos sind für Mitarbeiter der Pariser Stadtverwaltung und der Kohl Pharma-Gruppe reserviert, besser als im Flottenbetrieb könne keine Marke für sich werben, sagt Günak. Das habe er von Mercedes gelernt, dessen Premiumqualität viele Menschen das erste Mal als Taxi-Passagier kennengelernt haben. Spätestens als Günak kurz darauf selbst in ein Mercedes-Taxi steigt, sind die Autobranche und der Elektro-Pionier wieder versöhnt.

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