Ins Pflegeheim gehen alten Menschen häufig erst, wenn die Pflege zu Hause gar nicht mehr klappt. Foto: dpa/Oliver Berg

Lange rechnete man in Stuttgart für die nächsten Jahre mit einem hohen Mangel an Pflegeheimplätzen. Nun geht man davon aus, dass die Zuwächse an Pflegebedürftigen vor allem die Nachfrage nach ambulanten Hilfen erhöhen wird.

Noch vor wenigen Jahren hatte man den Eindruck, wegen der demografischen Entwicklung gerate die Landeshauptstadt in der stationären Pflege absehbar in eine schwere Mangellage. Bis 2030, so hieß es, würden in Stuttgart rund 2000 Pflegeheimplätze fehlen. Zumal wegen der Landesheimbauverordnung bald nur noch Einzelzimmer zulässig sind und Doppelzimmer abgeschafft werden müssen.

 

Doch das war einmal. In der jüngsten Kreispflegeplanung verbreitet die Verwaltung ein anderes Bild. Darin heißt es, es sei „davon auszugehen, dass die Bedarfe in der stationären Langzeitversorgung bis zum Jahr 2035 bereits mit der bestehenden pflegerischen Infrastruktur gedeckt werden können“. In Zahlen: Im August des Vorjahres standen in Stuttgart insgesamt 4856 stationäre Pflegeplätze zur Verfügung, in mehr als zehn Jahr werde der Bedarf bei geschätzten 4789 Heimplätzen liegen, also geringer sein. Und dies, obwohl durch die Umsetzung der Landesheimbauverordnung nochmals 250 Plätze durch die Umwandlung von Doppelzimmern in Einzelzimmer wegfallen werden.

Für diese Wende gibt es Gründe: Zum einen habe man auf die sogenannte Status-Quo-Berechnung des Kommunalverbands für Jugend und Soziales (KVJS) umgestellt, sagt Stuttgarts Sozialbürgermeistern Alexandra Sußmann (Grüne), „mit dem Ministerium abstimmt“. Als Referenzjahr gilt 2021, vorausgesetzt wird, „dass pflegebedürftige Menschen die Leistungsarten 2035 so in Anspruch nehmen werden wie 2021“, heißt es im jüngsten Bericht zur Kreispflegeplanung. Dieser Wechsel in der Statistik ist begründet durch Erfahrungen der vergangenen Jahre. „Der große Teil der älteren Menschen wird daheim in der eigenen Häuslichkeit gepflegt“, sagt Alexandra Sußmann. Und sie wollen das auch, ins Heim kämen die meisten nur, wenn es nicht mehr anders geht.

Auch das zeigen die Zahlen: Der Anteil der Älteren, die in einer stationären Einrichtung gepflegt werden, ist in den vergangenen Jahren zurückgegangen, im Land vom Jahr 2017 bis zum Jahr 2021 von 24 auf 19 Prozent. Der Anteil der ambulant Versorgten stieg dagegen leicht von 19 auf 20 Prozent. Deutlicher zugenommen hat in diesen Jahren aber die Zahl derer, die Pflegegeld in Anspruch nehmen: von 57 auf 61 Prozent aller Pflegebedürftigen.

Anteil der stationären Pflege zurückgegangen

In Stuttgart lag der Anteil der stationär gepflegten alten Menschen 2021 bei 21,4 Prozent etwas über dem Landesschnitt. Zwanzig Jahre davor lag dieser Wert bei 37,8 Prozent, weitere zehn Jahre später immer noch bei 36,2 Prozent. Die Zahl der Bewohner von stationären Pflegeeinrichtungen sei auch in Stuttgart „in den letzten Jahren kontinuierlich zurückgegangen“, heißt es im Kreispflegeplan 2035. Angesichts dieser Entwicklung stellt Alexandra Sußmann zur stationären Pflege fest: „Wir haben momentan genügend Plätze“ und in der Landeshauptstadt eine „sehr gute Versorgungssituation“.

Was die Angebotsplanung anlangt, macht die Sozialbürgermeisterin deutlich: Man habe bisher „ein Übergewicht bei den Heimen und einen Überfokus auf den stationären Ausbau“ gelegt. Dank einer „sehr jungen Bevölkerung“ in Stuttgart geht Alexandra Sußmann nun davon aus, dass im Segment der stationäre Versorgung der Bedarf nicht steigen wird. Grundsätzlich solle sich die Altenhilfeplanung stärker „am Wunsch der alten Menschen ausrichten, wie sie alt werden wollen“, sagt die Bürgermeisterin.

Wobei so mancher alte Mensch vielleicht doch einen Heimplatz bräuchte, aber eben keinen findet und deshalb unfreiwillig zu Hause gepflegt wird. Die Zahl der Pflegeheimplätze sei „nicht zurückgegangen, weil die Nachfrage zurückgegangen ist, sondern weil die Betreiber Plätze abgebaut haben“, sagt Florian Bommas, der Geschäftsführer des Heimträgers Diak Altenhilfe. Dies sei erfolgt wegen des geforderten Abbaus von Doppelzimmern, wegen steigender Baukosten für neue Projekte und wegen des „zunehmenden Fachkräftemangels“, so Bommas.

Das weiß man auch bei der Stadt. Man gehe davon aus, heißt es im Kreispflegeplan 2035, „dass bereits heute nicht mehr alle Menschen einen stationären Pflegeplatz oder einen ambulanten Pflegedienst finden, weshalb ihre Versorgung anderweitig organisiert werden muss“. Deshalb seien „pflegende An- und Zugehörige von zentraler Bedeutung“.

Pflegehilfen sollen wohnortnah sein

Die Angebote will man bei der Stadt künftig deshalb vielfältiger gestalten, Ziel ist ein „wohnortnaher Hilfemix“, mit dem man den „vielfältigen Bedürfnissen“ der Menschen begegnen könne. Die ambulante Pflege solle „noch stärker in den Blick“ genommen und die Versorgungsstrukturen überdies „kleinräumiger“ betrachtet werden, erklärt Lisa Killgus, die bei der Stadt zuständige Sozialplanerin.

Für den Bereich der ambulanten Pflege sieht die Stadt denn auch deutliche Wachstumsraten. Im Jahr 2021 haben in Stuttgart 4739 alten Menschen ambulante Leistungen von rund 100 Pflegediensten erhalten, das waren 22,8 Prozent aller Pflegeleistungen. 2035 wird diese Zahl laut den Schätzungen der Stadt auf insgesamt 4996 oder sogar auf 5397 Personen steigen.

Trotz der aus städtischer Sicht genügenden Heimplätzen können man sich „nicht zurücklehnen“, erklärt die Sozialbürgermeisterin. Denn angesichts der veränderten Anforderungen müsse man jetzt neue ambulante Konzepte und Angebote planen. Dazu gehören zusammen mit der Stadtplanung und den Altenhilfeträgern dezentrale, wohnortnahe Pflege-Wohngemeinschaften, mehr Kurzzeitpflegeplätze, mehr Angebote in der Tagespflege und „einfache Angebote zur Alltagsunterstützung“. Bei Bauprojekten sollen solche Pflegeangebote künftig wie in der Kita-Planung von Anfang an vorgesehen werden.

Insbesondere durch die stärkere Förderung von Pflege-WGs verspricht man sich bei der Stadt auch angesichts des Fachkräftemangels eine Erleichterung. Statt examinierter Pflegekräfte, die allerorten Mangelware sind, werden die WGs von ambulanten Pflegediensten betreut. Die Versorgung der alten Menschen rund um die Uhr aber könne dort auch von „Alltagsbegleitern“ besorgt werden, sagt Altenhilfeplanerin Lisa Killgus. Und mit entsprechendem Konzept und Bereitschaft könne manches dort auch „von Angehörigen oder von Freiwilligen abgedeckt werden“.