Handy-Apps wie etwa Tiktok werden von Jugendlichen als sehr wichtig eingestuft. Abseits von Medien, steht der persönliche Kontakt auf Platz der Lieblingsbeschäftigungen. Foto: imago/Westend61/ Eugenio Marongiu

Gefühlte Distanz, schwierige Sprache und falsche Formate – etablierte Medien erreichen junge Erwachsene kaum mit Nachrichten, wie zwei Studien zeigen. Überraschend ist jedoch, wie ein altes Medium sich konstant in der Beliebtheitsskala oben hält.

Nie gab es so viele Möglichkeiten sich digital zu informieren, sich unterhalten zu lassen und zu kommunizieren. Die Angebotsvielfalt, was Medien, Formate, Blogs, Chat- und Streamingoptionen angeht, ist enorm groß. Dieses Überangebot hat neben sehr vielen Vorteilen auch Schattenseiten. Angesichts der Flut an Informationen und Quellen ist es zunehmend schwierig geworden, Nachrichten zu bewerten und einzuordnen. So ist es um die Medien- und Informationskompetenz der Bürgerinnen und Bürger in Deutschland nicht gut bestellt, wie bereits mehrere Studien gezeigt haben. Zwei Untersuchungen, die Ende 2023 veröffentlicht wurden, beleuchten, wie es speziell um das Medienverhalten von jungen Erwachsenen steht. Einblicke in eine junge Gesellschaftsschicht, die die digitale Medien stark nutzt und gleichzeitig teilweise einen unzuverlässigen Umgang mit Informationen aufweist.

 

Viele Möglichkeiten zur Nutzung und Teilnahme

Die allgemeinere der beiden Studien ist die seit 1998 jährlich erscheinende Reihe JIM (Jugend, Information, Medien), die den Medienumgang von 12- bis 19-Jährigen in den Blick nimmt. Sie untersucht, welche Medien Jugendliche wie nutzen und wie sich dieses Verhalten im Laufe der Zeit entwickelt und will zur „Versachlichung der oftmals emotional geführten Debatte um die Mediennutzung der jungen Generation beitragen“. Dafür wurden bei der letzten Erhebung 1200 Jungen und Mädchen in Deutschland befragt. Wenig überraschend schlägt sich die enorme Zunahme und Vervielfältigung des Medienangebots seit 1998 auch auf die heutige Nutzung nieder. So nutzen etwa 99 Prozent der Befragten ein Smartphone, ebenso haben 99 Prozent der Befragten zuhause Zugang zu einem Computer. 86 Prozent der Kinder und Jugendlichen nutzen Videostreaming, knapp 80 Prozent Musikstreaming, wohingegen 30 Prozent Zugang zu einem Zeitschriften-Abo und 40 Prozent Zugang zu einem Tageszeitungsabo in der Familie haben.

Internet und Musik sind am beliebtesten

Wie in den letzten Jahren haben die Internetnutzung und das Musikhören den höchsten Stellenwert in der Freizeit von Zwölf- bis 19-Jährigen. 95 Prozent sind regelmäßig online, 90 Prozent hören mindestens mehrmals pro Woche online Musik. Das Smartphone ist mit deutlichem Abstand das meistgenutzte Gerät (98 Prozent). Am Tag verbringen Jugendliche im Schnitt rund 224 Minuten online, in Chats, auf Musik- oder Videoplattformen, beim Spielen, auf Social-Media-Plattformen oder mit Suchmaschinen. Zudem nimmt das Fernsehprogramm weiterhin eine wichtige Rolle ein.

Überraschung: Bücher (abseits des Schulalltags) werden laut der Studie etwa noch genauso häufig gelesen wie vor 25 Jahren: Mehr als ein Drittel der Befragten gibt an, täglich oder mehrmals die Woche in der Freizeit in einem Buch zu lesen. Und wenn es um die beliebteste Freizeitaktivität abseits von Medien geht, steht das Treffen von Freunden weiterhin auf Platz eins.

Jugendliche informieren sich über aktuelle Nachrichten im Familienkreis

Die detaillierte und mehr als 80 Seiten umfassende JIM-Studie weist zum Beispiel die wichtigsten Apps (Whatsapp auf Platz eins, gefolgt von Instagram, Tiktok, Youtube und Snapchat) auf und hat die Jugendlichen nach Lieblingssendungen, sexueller Belästigung im Netz, den Umgang mit KI-Diensten, Informationen und Nachrichten gefragt. Auf die letzten Punkte wird, auch mit Blick auf die zweite Studie, nun genauer eingegangen.

Festgestellt wurde, dass sich die Jugendlichen mit zunehmenden Alter mehr für das Weltgeschehen interessieren. Und: Über die aktuelle Nachrichtenlage informieren sie sich am häufigsten im Kreis der Familie. „63 Prozent der Befragten werden mindestens mehrmals in der Woche im Familienkreis zum Weltgeschehen informiert. Am zweithäufigsten erfahren Jugendliche laut der Studie Neuigkeiten über Nachrichten im TV/Radio und durch Gespräche mit Freunden. „Ein Drittel erfährt dies über Youtube, Tiktok (30 Prozent) und Instagram (29 Prozent). Onlineangebote von TV- und Radiosendern und vorinstallierte Newsfeeds sind für etwa jede/-n Fünften regelmäßig ein Zugang zum aktuellen Weltgeschehen, gefolgt von Nachrichtenapps (17 Prozent), gedruckten Zeitungen/Zeitschriften (15 Prozent), Onlineangeboten von Zeitungen/Zeitschriften (13 Prozent) und Snapchat (10 Prozent). Im Vergleich zu 2022 ist der Anteil an Jugendlichen, die regelmäßig über Youtube und Tiktok Aktuelles zum Weltgeschehen erfahren, angestiegen.“

Man kann durchaus betonen, dass die Befragten auch über ihre beliebtesten Apps wie Tiktok und Instagram von Nachrichten erfahren. Da hätte die Studie genauer erfragen können,über welche Quellen dies geschieht, wie es etwa beim Fernsehen und der Auflistung der Lieblingssendungen/ –serien der Fall ist. Offenkundig sind auch etablierte journalistische Formate auf diesen Kanälen unterwegs, wohlwissend, dass junge Menschen eher dort zu erreichen sind.

Bildungshintergrund ist entscheidend

Der formale Bildungshintergrund spielt bei der Information über Nachrichten eine wichtige Rolle: „So kommen Jugendliche, die ein Gymnasium besuchen, insbesondere in Gesprächen mit Familie und Freunden häufiger in Kontakt mit dem aktuellen Weltgeschehen und stoßen häufiger bei Nachrichten in TV/Radio, speziellen Nachrichten-Apps und Onlineangeboten von Zeitungen/Zeitschriften auf Informationen. Jugendliche, die eine Haupt-/Realschule besuchen, finden diese im Vergleich häufiger bei Snapchat und Tiktok“.

Das unterstreicht die zweite Studie: Sie legt einen Schwerpunkt auf die Informationsnutzung von gering informierten und wenig formal gebildeten Jugendlichen und stammt vom Leibniz-Institut für Medienforschung und dem Hans-Bredow-Institut (HBI) Hamburg. Dafür wurden Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 14 und 22 Jahren und ihr Umgang und mit Informationen, Medien und Nachrichten unter die Lupe genommen. Unter dem Titel „Verständlicher, nicht so politisch – Einblicke in die Bedürfnisse und Nutzungspraktiken gering informationsorientierter junger Menschen“ wurden im Rahmen des Deutsche-Presse-Agentur-Projektes „Use the News – Nachrichtennutzung und Nachrichtenkompetenz im digitalen Zeitalter“ Interviews geführt. Insgesamt wurden dafür 46 Jugendliche in vier deutschen Großstädten interviewt. Diese Studie hat sich gezielt auf gering informationsorientierte junge Menschen konzentriert, um deren Möglichkeiten und Interessen auszuloten, da die Macher der Studie diese Personengruppe auch mit Informationen zu erreichen suchen.

Geringes Informationsbedürfnis

Die Studie stellt fest, dass es unter jungen Erwachsenen neben der Gruppe der aktiven Nachrichtenvermeider auch eine zunehmend große Gruppe gibt, die ein geringes Interesse am aktuellen Weltgeschehen hat, kaum Informationsangebote etablierter Medien nutzt und mit journalistischen Angeboten kaum erreicht werden kann. Das Bedürfnis an Information in dieser Gruppe ist gering und hängt „mit einer wahrgenommenen Distanz zu ‚typischen‘ politikbezogenen Nachrichtenthemen zusammen; zum anderen damit, dass die Teilnehmenden in soziale Gruppen und Gefüge eingebunden sind, in denen es kaum relevant ist, Bescheid zu wissen“, heißt es. Interessant werden Themen dann wahrgenommen, wenn sie die eigene Person und Identität (Religion,Herkunft und Interessen) oder das engste Familien- und Freundesumfeld betreffen. Die Studie stellt zudem fest, dass Informationen beiläufig, passiv und fast nur über soziale Medien – Tiktok, Youtube und Instagram – wahrgenommen werden. Ähnlich wie es auch die JIM-Studie gezeigt hat.

Journalistische Informationsangebote werden nicht genutzt. Wohingegen einzelne Social Media Content Creators wie etwa Herr Anwalt oder Rezo die Rolle einer Informationsquelle einnehmen. Das ergab auch auch die JIM-Studie, die genauer beleuchtet hat, warum Influencer bei den jungen Nutzerinnen und Nutzern ein hohes Maß an Vertrauen genießen. Nicht nur das: „Für jede/-n Vierte/-n fühlt sich das Verhältnis zu den Influencer*innen, denen sie folgen, wie eine Freundschaft an. 18 Prozent möchten selbst einmal diese Laufbahn einschlagen“, heißt es bei JIM. Allgemein bevorzugen die Befragten der zweiten Studie Kurzvideos trotz eines gewissen Misstrauens gegenüber sozialen Medien aufgrund von „Fake-Accounts“ und „Fake Inhalten“.

Außerdem, so das Ergebnis, wüssten die Jugendlichen kaum, was Journalismus ist: „Der Journalismus-Begriff ruft überwiegend negative Emotionen wie Desinteresse und Assoziationen mit Fake-News oder Paparazzi hervor.“ Nachrichten in klassischen Medien werden kritisiert, weil sie übertrieben seien und wenig differenziert. Die Teilnehmenden wünschten sich von Journalismus eine neutrale Darstellung, Meinungsvielfalt, Verständlichkeit und Begegnung auf Augenhöhe. Bislang erfüllen das am ehesten soziale Medien wie Tiktok, resümiert die Studie.

Zwar hat diese Untersuchung nur eine sehr kleine Personengruppe ganz gezielt ausgesucht und befragt, doch stellt sie dar, dass die Interviewten sich in ihrer Altersgruppe, mit ihren Themen sowie ihrer Herkunft und Lebenswelt entsprechenden Problemen und Anliegen in den klassischen Medien nicht repräsentiert fühlen. Dass sie geschriebene Texte generell weniger interessant, ansprechend und verständlich finden als kurze Videos, die Sprache auf etablierten Nachrichtenkanälen häufig unverständlich ist und das Gefühl einer von etablierten Medien vorgegebenen Meinung vorherrscht.

Impulse für Bildungseinrichtungen und Medienhäuser

Ausschnitte aus den Interviews verdeutlichen das beispielhaft: „(...) die wenigsten Zeitungen werden eben für uns junge Leute gedruckt. Und ich glaube, die wenigsten Videos werden für die alten Rentner produziert, so.“

Und: „Also, erstens, ich bin ehrlich, wenn ich zum Beispiel jetzt einfach so eine Zeitschrift sehe und sehe schon so viel Text, da bekomme ich gar keine Lust, weiterzulesen. Dann gucke ich mir lieber ein Video an. Da gucke ich lieber ein Video an, geht viel schneller, als das alles zehnmal durchzulesen, dann vielleicht zu verstehen. (...) Weil, ich kapiere nicht direkt, was in dem Text steht.“

Die beiden Studien sind unterschiedlich angelegt und können nicht verglichen werden. Die Ergebnisse sollten von Bildungseinrichtungen und Medienhäusern jedoch wahr- und ernstgenommen werden, liefern sie doch Einblicke in teilweise unerreichte Gesellschaftsschichten und können Impulse und Anknüpfungspunkte zeigen, der Informationsmüdigkeit, Überforderung und dem schwindendem Vertrauen gegenüber der Nachrichtenwelt gezielt und ernsthaft entgegenzuwirken. Ein wichtiger Baustein für eine funktionierende Demokratie sind informierte und mündige Bürgerinnen und Bürger – auch und vor allem junge.

Verschiedene Recherchen

JIM-Studie
Für die JIM-Studie wurden vom 30. Mai bis zum 9. Juli 2023 1200

Jugendliche in Deutschland zwischen zwölf und 19 Jahren befragt. Die meisten von Ihnen gingen in dem Zeitraum zur Schule. Herausgegeben wird sie vom Forschungsverbund Südwest (mpfs), getragen von der Landesanstalt für Kommunikation Baden-Württemberg (LFK) und der Medienanstalt Rheinland-Pfalz in Kooperation mit SWR Medienforschung & Analytics. Die ganze JIM-Studie gibt es hier.

Arbeitspapier HBI
Die Studie „Verständlicher, nicht so politisch – Einblicke in die Bedürfnisse und Nutzungspraktiken gering informationsorientierter junger Menschen“ wurde im Rahmen der UsetheNews-Initiative der Nachrichtenagentur dpa angefertigt. Sie umfasst die Aussagen von 46 Jungen und Mädchen zwischen 14 und 22 Jahren aus Hamburg, Bottrop, Nürnberg und Dresden und Schlussfolgerungen der Studienleitenden. Die ganze UTN-Studie gibt es hier.