Die Regelhüter der Formel 1 müssen eindeutige Urteile aussprechen, die einem Übeltäter auch wehtun, findet Sportredakteur Jürgen Kemmner.
Stuttgart - Wir wissen nicht, ob Michael Masi in der Nacht auf Montag gut geschlafen hat. Aber wir wissen, dass der Rennleiter des Automobil-Weltverbandes (Fia) eine verzwickte Aufgabe hat: Der Australier muss im vergifteten und unbarmherzig geführten Duell zwischen Lewis Hamilton und Max Verstappen den nüchternen, neutralen Überblick bewahren und penibel darauf achten, dass der Formel-1-Knigge auf der Piste eingehalten wird. Denselben kniffeligen Job haben die Kommissare, die die Rennen überwachen. In der Beurteilung des Geschehens haben sie einen Gedanken stets im Hinterkopf: Die WM möge auf der Strecke im Wettrennen zwischen Hamilton und Verstappen entschieden werden und nicht über am Beratungstisch gefällte Strafen.
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Diese Einstellung mag zunächst im Sinne des Sports sein, aber: Wird sie zu Maxime erhoben, zerstört sie die Werte des Fair Plays. Wenn im WM-Endspurt ein einziges Manöver über Wohl und Wehe der Kontrahenten sowie Gewinn und Verlust des Titels entscheiden kann, sind diplomatische Urteile kontraproduktiv. Die Formel 1 braucht keinen König Salomon. Im Urteil über einen Zweikampf zwischen Fahrern darf es bei der Regelbehörde nur Schwarz und Weiß geben, kein Wischiwaschi-Grau. Entweder hat einer etwas Verbotenes getan und wird bestraft – und zwar so, dass es eine spürbare Sanktion darstellt –, oder er hat sich noch im Erlaubten bewegt und bleibt straffrei. Die Regelhüter erinnern mitunter an einen Fußballschiri, der einen verwarnten Spieler nach jedem erneuten Foul warnt, er ziehe das nächste Mal Rot – es aber nie tut. Formel-1-Fahrer loten stets das Limit aus, üblicherweise in der Fahrphysik, aber natürlich genauso im Reglement. Erst wenn sie unsanft an der Bande landen oder im Kiesbett stranden, wissen sie, dass sie zu weit gegangen sind.