Am Klinikum in Winnenden soll eine Abteilung für Maßregelvollzug entstehen. Das sorgt für Diskussionen. Foto: Gottfried Stoppel

Was bedeutet es, im Maßregelvollzug therapiert zu werden? Ein 45-jähriger Patient aus dem Zentrum für Psychiatrie Weinsberg berichtet von seinen Erfahrungen – und was ihm nach der Flucht von vier Mitbewohnern im September 2021 durch den Kopf gegangen ist.

Es wäre so einfach gewesen. Er hätte nur durch das offene Fenster klettern und sich abseilen müssen. Dann wäre er frei gewesen. Vier seiner Mitbewohner haben an jenem Dienstag, 22. September, diesen Weg gewählt. Sie haben mit einem Metalltisch die Panzerglasplatte aus einem Flurfenster gedrückt und sich mit Hilfe von drei aneinander geknoteten Bettüchern in die Freiheit abgeseilt. Ein weiterer Mitbewohner floh Tage später als Trittbrettfahrer. Thommy Müller entschied sich dagegen. „Alle reden nur von den Kollegen, die ausgerissen sind, aber keiner sieht uns – die zwanzig anderen, die geblieben sind“, sagt der 45-Jährige, der in Wirklichkeit anders heißt.

 

Er ist wegen Körperverletzung verurteilt worden

2013 hatte er sich in einem Streit mit einem Nachbarn provozieren lassen und einen Schuss auf diesen abgegeben. Ein Jahr später ist er wegen Körperverletzung zu einer Haftstrafe von vier Jahren und neun Monaten verurteilt worden. Hätte er diese Haft im Strafvollzug abgesessen, wäre er im September des vergangenen Jahres längst frei gewesen – selbst wenn er keinen Strafnachlass bekommen hätte. Doch darüber dachte er nicht nach, als er vor dem offenen Fenster stand.

Der psychiatrische Gutachter hatte im Prozess damals geraten, Müller im Maßregelvollzug unterzubringen, wo die Therapie im Vordergrund steht. Und darüber ist er bis heute sehr froh – auch wenn es bedeutet, dass er noch eine ganze Weile lang nicht unabhängig sein wird. Als Jugendlicher habe er zusammengerechnet schon neun Jahre in Haft verbracht. „Da verpasst du viele Dinge.“ Und gelernt habe er dort nichts. „ Hier dagegen wird dir Vertrauen entgegengebracht, und dafür musst du dich beweisen“, sagt er. „Du hast es also selbst in der Hand.“ Er ist sich sicher: „Wenn ich hier raus bin, werde ich mit anderen Menschen klar kommen – weil ich hier, anders als in der Haft, auch die ganze Zeit mit ihnen zu tun habe.“

Die Arbeitstherapie steht im Mittelpunkt

Als er verurteilt worden sei, habe er noch nicht viel über den Maßregelvollzug gewusst. „In den Haftanstalten hörst du nur Schlechtes“, sagt er. „Aber da sitzen ja auch nur die, die rausgeflogen sind.“ Aufgrund der Therapieerfahrung in seiner Jugend habe er aber begriffen: Das könnte einen Versuch wert sein.

Am Anfang werden die Patienten acht Wochen lang nur beobachtet. Dann setzen sich alle Beteiligten zusammen. Bei dieser Konferenz wird das therapeutische Programm festgelegt. Dann beginnt die Arbeitstherapie. Thommy Müller fing damals in der Schreinerei an. Sein erster Auftrag war ein Bett. „Für mich war es etwas Besonderes, ein Möbel mit meinen eigenen Händen zu bauen – etwas, was ein anderer wirklich braucht.“

Er ist zum zweiten Mal hier – nach einem Rückfall in die Drogensucht

Je länger sich ein Patient bewährt, desto mehr Freiheiten bekommt er. Thommy Müller darf sich inzwischen frei auf dem Gelände bewegen. „Das mag jemand von außen wie eine Kleinigkeit vorkommen“, sagt er. Für ihn dagegen ist es wichtig. „Du musst dir hier alles erarbeiten, und manchmal sogar immer wieder.“ Auch er hat Rückschläge erlebt. Nach dem ersten Maßregelvollzug ist er in Freiheit rückfällig geworden, nahm wieder Drogen, es folgte eine Krisenintervention. Jetzt befindet er sich in der zweiten Runde.

Ein Rückfall in die Drogensucht kann das Aus bedeuten. In seinem Fall sei dem Richter aber klar gewesen: Die Chance, dass er es im zweiten Anlauf schafft, ist groß. Was auch daran liegt, dass er während seiner Zeit im Maßregelvollzug geheiratet hat und Vater geworden ist. Sein Sohn ist inzwischen sechs Jahre alt. Der Junge, der gerade eben eingeschult worden ist und dessen Fußballtrainings er am Spielfeldrand regelmäßig verfolgt, ist sein ganzer Lebensinhalt. Er motiviert ihn, es dieses Mal besser zu machen.

Der Weg aus der kriminellen Parallelwelt war weit – und der Druck hoch

Demnächst wird Thommy Müller in eine betreute Wohngemeinschaft wechseln, in der er bis März 2024 unter Aufsicht lebt. Jedes Mal, wenn er die Wohnung verlässt, muss er aufschreiben, wohin er geht. Auch danach wird er noch nicht ohne Kontrolle leben. Er wird zunächst noch fünf Jahre unter richterlicher Führungsaufsicht stehen, und regelmäßig Drogenscreenings machen müssen. Erst wenn er auch das anschließende Wohlverhaltensjahr ohne Zwischenfälle absolviert hat, ist er ganz auf sich gestellt.

Ihn belastet die Aussicht auf so viel Kontrolle nicht, im Gegenteil. „Ich brauche das schon noch, diesen sicheren Rahmen“, sagt der 45-Jährige, der Kranführer gelernt hat. Der Weg aus der kriminellen Parallelwelt, in der Normen keine Gültigkeit für ihn hatten, war weit. Und der Erwartungsdruck, der mit Hochzeit und Geburt des Kindes einherging, sei groß gewesen. Daran sei auch seine Ehe zerbrochen. „Als Geschiedene sind wir aber jetzt ein super Team“, sagt Müller.

Träume für die Zeit nach dem Maßregelvollzug hat er nicht. „Ich hab bitter gelernt, dass es nicht gut ist, so weit im voraus zu denken. Ich mach jetzt lieber einen Schritt nach dem anderen.“ Dabei denkt er vor allem an seinen Sohn. „Ich hoffe, dass er ein guter Junge wird, ein guter Bürger. Und dass er auf seinem Lebensweg nicht die falschen Abzweigungen nimmt, so wie ich.“