Protest aus Pappe: Gute Ausreise nach Ungarn wünschen viele Kosovaren ihren Politikern. Der Bus steht vor dem Regierungsgebäude in Pristina Foto: dpa

Die Massenflucht ist mehr als nur Armutswanderung: Das Kosovo ist keine Elendsregion. Aberdie Menschen haben kein Vertrauen inden Staat und träumen von einembesseren Leben.

Pristina - Die Szene: eine Oda, der Empfangsraum in einem typisch albanischen Haus auf dem Land. Der Vater, den traditionellen Plis auf dem Kopf, die weiße Filzkappe, hat seine Söhne um sich versammelt. Schweren Herzens beginnt der Alte zu sprechen: „Luan ist gegangen, Astrit ist gegangen“, sagt er und seufzt: „Es ist Zeit, dass auch ihr geht!“ Dann ein Schnitt und die Stimme aus dem Off: „Geh auch du!“

Was anfängt wie ein Filmepos über die große Wanderung, entpuppt sich als Werbespot eines Mobilfunkanbieters, der zum Netzwechsel ermuntert. Der jüngste Exodus Zehntausender aus dem Kosovo ist nicht nur Anlass zu makabren Scherzen. So traurig die Gründe für die Massenflucht im Einzelnen sind: Es darf auch gelacht werden. Ein wenig Hoffnung ist immer mit dabei.

Lindita (Name ist der Red. bekannt) meldet sich jetzt immer aus Roubaix. Erst vor Tagen hat die junge Mutter aus Pristina sich bei ihrer Chefin verabschiedet, bei der sie putzen ging. Als sie im Fernsehen Leute in die Busse steigen sah, erzählt sie, hat sie ihren Bruder gebeten, seinen Schwager in Frankreich anzurufen und zu fragen, ob es dort Arbeit gäbe. „Wenn deine Leute so hart arbeiten wie du“, soll dessen Chef gesagt ­haben, „kann ich 20 von deiner Sorte brauchen.“ Da hat Lindita ihren Mann und ihre beiden Kinder gepackt und ist auch in den Bus gestiegen.

Gerüchte lassen Andrang erst an- und wieder abschwellen

Das war Anfang des Monats. Seit dem ­Wochenende herrscht am Busbahnhof von Pristina abends schon wieder gähnende Leere. Die Info-Kanäle sind kurz und persönlich, was über sie zu erfahren ist, spricht sich rasch herum. Rexhep Bajrami hat alles genau verfolgt. Der 46-Jährige, der als Freiberufler sein Auskommen hat, schüttelt den Kopf, wenn er erzählt, wie das tägliche Gerücht die Menschentrauben um die Busse erst anschwellen und dann abrupt zusammenschrumpfen ließ.

Im Fernsehen hatte es einmal geheißen, drei Monate könne man in jedem Fall bleiben. Das hätte Lindita schon gereicht. Da hätte ihr Mann in der Fabrik 7000 Euro verdient, meint sie, genug, um erst mal ins Kosovo zurückzufahren. „20 deutsche Polizisten an der ungarischen Grenze waren dann aber genug, um sie alle wieder zu entmutigen“, sagt Bajrami, der lange in Münster gelebt hat.

Das Kosovo ist keine Elendsregion. Oder es sieht wenigstens nicht so aus. Rechts und links der Straße von Skopje nach Pristina boomt es gewaltig. Lagerhäuser, Motels, Fabriken und Baumärkte reihen sich aneinander. Kommt man Pristina nahe, zieht ein Hauch von Potsdamer Platz über den Balkan. Jedes Jahr wird die Strecke zwischen den beiden Hauptstädten ein paar Kilometer kürzer – weil Pristina wieder gewachsen ist. Am Horizont, wo die Schafe weiden, steht immer wieder mal verloren ein Fabrikgebäude oder ein Wohnhaus – oft halb fertig, einfach in die Landschaft gebaut.

Die neuen Shopping-Malls am Stadtrand sind leer

Das Kosovo ist produktives Chaos. Keine Bauordnung hemmt die Eigeninitiative, auch keine Gewerkschaft. Linditas Mann verdient in guten Monaten im Security-Geschäft 300 Euro, in schlechten manchmal gar nichts. Die Preise steigen stetig, die schicken Restaurants im Zentrum von Pristina und die neuen Shopping-Malls am Stadtrand sind leer. Seit die Türken das Elektrizitätswerk gekauft haben, erzählt Bajrami, gibt es zwar weniger Stromausfälle. „Richtig gut geworden ist aber nur das Inkasso.“ Eine ­unbezahlte Rechnung – und der Strom wird abgestellt, auch im Winter, wenn die Rechnung hundert Euro teuer sein kann, weil es kalt ist und die Wohnung schlecht isoliert.

Der offizielle Mindestlohn liegt bei 170, für Anfänger bei 130 Euro – Zahlen, die kaum einer kennt. Weggegangen sind in den letzten Wochen aber nicht nur Arme. Jeder hier weiß von einem zu erzählen, der einen 650-Euro-Job gekündigt hätte, um in einen Bus zu steigen. Mangel an Initiative gehört nicht zu den Problemen des Kosovo.

Auf der abzweigenden Straße in Richtung der Kleinstadt Stime fahren die Autos Slalom, um den Schlaglöchern auszuweichen „Dabei haben sie die erst im November gebaut“, erinnert sich Bajrami. „So ist es immer: Um die Schmiergelder wieder hereinzukriegen, spart die Baufirma beim Belag“, und die geschmierte Behörde drückt ein Auge zu. Die immerhin 35 000 Menschen, die in Stime leben, sind bloß angeschmiert. Dass die Politiker und die Beamten alle Diebe sind, ist Gemeingut. Auf dem Platz vor dem Regierungsgebäude in Pristina haben originelle Leute einen Ausreisebus aus Pappmaché aufgestellt, in die Fenster Fotos des Premier- und des Außenministers sowie des Oppositionsführers geklebt und wünschen ihnen „gute Reise“.

"Politik ist hier nur noch eine Show"

„Politik“, sagt Dukagjin Gorani, Leiter des Instituts für soziale Studien, „das ist hier nur noch eine Show, gespielt von den hiesigen Diplomaten auf der einen und unseren heimischen Banditen auf der anderen Seite.“ Das Volk, sagt er, ist komplett an den Rand gedrängt und versucht nur noch, irgendwie zu überleben. Die Massenflucht wundert ihn nicht. „Das lief alles über Mundpropaganda.“ Einer geht fort, ruft aus Deutschland an und sagt: Guckt, nur mit meinem Personalausweis bin ich bis hierher gekommen! Und alle folgen.

Gorani, ein hoch gebildeter Ex-Journalist, gehörte nach dem Krieg und dem Einmarsch der Nato und der zivilen UN-Beamten nach dem Krieg 1999 zu der schmalen modernen, prowestlichen Elite. „Wir wurden nicht gebraucht, als die Ausländer mit ihren dicken Geländewagen kamen.“ Jeder „anämische EU-Buchhalter“, erzählt Gorani und redet sich langsam in Rage, „durfte seine eigene Vision pflegen“. Er selbst diente noch dem ersten UN-Sonderbeauftragten Bernard Kouchner als Berater. Gegangen ist er, als Kouchner sagte: Ich arbeite mit jedem zusammen, der auch liefert. Liefern aber, so Gorani, „das konnten nur die Banditen“.

Er setzt wie die meisten Enttäuschten ­inzwischen auf die neolinke „Bewegung Selbstbestimmung“ – deren Liebäugeln mit nationalen Empfindungen ihm aber nicht geheuer ist. „Hier wächst langsam ein Faible für Extremismus heran“, sagt Gorani. Da seien ihm die marxistischen Flausen der Bewegung immer noch lieber als Islamismus und nationalistischer Heldenkult.

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