Seit jeher bedient sich die Kunst der Maske: Oper, Pop, Varieté – von allem ist etwas dabei beim Maskenball auf Schloss Solitude. Edel gekleidete Gäste feiern die Verwandlung mit venezianischer Lebenslust – geheimnisvoll, sexy, extravagant.
Mit einer Maske kann sich jede und jeder neu erfinden. Sie gibt die Freiheit, anders zu sein und das Gewohnte zu verlassen. Die Maske schützt; man kann sich hinter ihr verstecken, aus dem Alltag ausbrechen – und womöglich für eine gewisse Zeit mutiger, verwegener, verführerischer sein als im wahren Leben.
Nicht erst seit Cro spielt die Maske eine wichtige Rolle beim Entertainment. In Jahrhunderten vor dem Panda-Rapper wurden Maskenbälle zu Hofe gefeiert, die für eine Nacht die herrschende Ordnung außer Kraft setzten. Der Adel schlüpfte in die Rolle des Bauern und umgekehrt. Die Kulturgeschichte der Maske ist ein ganz dicker Band.
Was in der Nacht zum Sonntag an jenem Ort passiert ist, wo’s einst Herzog Carl Eugen hat so richtig knallen lassen, hätte diesem gut gefallen. Vor über 250 Jahren feierte der Hausherr, der eine riesige Nachkommenschaft hinterließ, in seinem Lustschloss rauschende Partys. Die Ballgäste von heute werden stilvoll empfangen: Schon auf der Allee zum Schloss weisen brennende Fackeln den festlichen Weg. Wenn sich dort Fuchs und Hase treffen, um sich gute Nacht zu sagen, werden sie sich die Augen reiben und staunend erkennen: Bei so viel Lichterglanz muss was Besonderes los sein!
Wer beim Stichwort Maske seiner Fantasie Flügel schenkt, wer etwa an den Hollywood-Film „Eyes Wide Shut“ denkt, bei dem die Augen weit geschlossen sind, auf dass dekadente Orgien folgen, könnte womöglich bei der Masquerade auf der Solitude etwas enttäuscht sein. Moralisch Verwerfliches passiert hier nicht.
Gut, nackte Haut ist trotzdem zu sehen. Dafür sorgt der Varieté-Direktor Timo Steinhauer, der drei Künstler der neuen Friedrichsbau-Show „Cirque“ mitgebracht hat, die erst am kommenden Freitag Premiere feiert. Der Macho Robert Best etwa strippt beim Balancieren auf Autoreifen, plötzlich rutscht seine Hose runter, er kann sich aber so geschickt bewegen, dass sie wieder an ihren angestammten Platz zurückkehrt.
Nach ihm entblättert sich die Burlesque-Tänzerin Coco Belle so kunstvoll und verwegen, dass die eifrig mit ihren Handys fotografierenden Gäste womöglich Ärger mit Facebook bekommen, wenn sie das posten.
„Viele sehen mit Maske einfach besser aus“
Dass in dieser Nacht so viele Selfies gemacht werden, ist für manche von Vorteil, lästert ein Gast: „Viele sehen mit Maske besser aus.“ Nach dem großen Erfolg im Vorjahr haben sich Frederic Reinicke, Organisator des Benefizfestes Wasenpirsch, und Eventmanagerin Isabel Richardi mit den Solitude-Wirten Jan und Jörg Mink erneut zusammengetan. Das vhy! von Timo Hildebrand liefert den veganen Genuss, Winzer Thomas Diehl den alkoholfreien Wein zum Gewohnten und Klassischen noch dazu.
Das Programm ist noch besser als bei der Premiere im vorigen Jahr: Die DJ-Legende Uwe Sontheimer legt für die tanzwütigen Maskenträger gewohnt treffsicher auf, Mimmo And-Friends heizen ein, die Opernsänger David Krahl und Emmanuelle Chimento erheben die Gläser stimmgewaltig und auf hohem Niveau zum Trinklied aus „La Traviata“.
Ja, es gab mal eine Maskenpflicht
Vom pinkfarbenen Barbie-Ballkleid (trägt Gudrun Nopper, die Frau von OB Frank Nopper) bis zum Latexanzug mit schwarzer Schweinchenmaske, immer wieder Smoking und Glitzerroben – in dieser Nacht erstrahlt eine bunte Vielfalt der Stadt, in der sich viele was trauen. Etliche Stadt-VIPs sind unter den Masken zu erkennen, mitunter erst, wenn sie was sagen. Dabei: Modemann Winni Klenk, Festwirtin Sonja Merz, Schulleiter Konstantin Merz, Goldrun-Veranstalter Marc Wenger, Moderator Mustafa Göktas, Nelly Sigmann, die frühere Mrs. Germany, Kunsthändler Frank Zimmermann, Bauunternehmer Florian Gauder, Immobilienhändler Rainer Reddehase.
Kaum zu glauben, dass es mal eine Maskenpflicht in unserem Land gab. Nach Corona wird der Spaß an anders platzierten Masken um so lustvoller neu entdeckt. Die Stimmung bei der Masquerade ist bestens. Denn die Sehnsucht ist groß, aus der Welt der Krisen und Kriege auszubrechen, sich mit Masken in eine neue Welt zu begeben, in der man Kraft tanken und vergessen kann.