Seit Mitte Oktober arbeiteten Restauratorinnen, hier Maria Prochniak, an alten Wandmalereien der Martinskirche. Sie sind eine Besonderheit in der Region. Foto: Gottfried Stoppel

Vier Restauratorinnen haben in wochenlanger Geduldsarbeit seltene Malereien im Kirchenschiff der Martinskirche in Waiblingen-Neustadt gereinigt und gesichert – unter Verwendung teils ungewöhnlicher Werkzeuge.

Skalpell, Tupfer, Watte, Spritzen – zur Behandlung ihres betagten Patienten, der Martinskirche in Waiblingen-Neustadt, haben Martina Fischer und ihr dreiköpfiges Team allerlei medizinische Instrumente und Gerätschaften auf einem Tisch parat. Seit mehreren Wochen arbeitet sich die freiberuflich tätige Restauratorin aus Mutlangen mit ihren Kolleginnen Susanne Kulzer, Friederike Fischer und Maria Prochniak Zentimeter für Zentimeter entlang der Wände des Kirchenschiffs. Die vier Expertinnen restaurieren und sichern mit viel Geduld und Fingerspitzengefühl die rund 600 Jahre alten Wandmalereien, die dort erhalten geblieben sind und die Martinskirche zu einer Besonderheit machen.

 

Über dem Torbogen des Kirchenschiffs ist Jesus als Weltenrichter zu sehen. Außerdem verewigten die unbekannten Maler, die in Neustadt um das Jahr 1420 ihre Pinsel schwangen, die Erlösten und die Verdammten des Weltgerichts auf den Wänden. Diese Szenen dürften die Kirchenbesucher des Mittelalters ziemlich beeindruckt haben. Denn Bilder konnte sich zu dieser Zeit nur ein Bruchteil der Menschen leisten, Farben waren ein Zeichen großen Reichtums.

An letzteren hätten die Maler in Neustadt nicht gespart, sagt Martina Fischer. Sie und ihr Team haben zahlreiche Pigmentspuren an den Wänden des Kirchenschiffs entdeckt, zum Beispiel in Ocker, kräftigem Rot und leuchtendem Blau. „Die Kirche war sehr farbenprächtig gestaltet“, sagt die Restauratorin, die im Jahr 2016 schon einmal in der Martinskirche tätig war – damals restaurierte sie die Malereien im Chor von 1300.

Die Restaurierung bringt manche Überraschung

Der Farbenrausch ist zwar Vergangenheit, doch da die Restauratorinnen die Malereien nun in mühseliger Arbeit von uralten Schmutzschichten befreit haben, wirken die erhaltenen Darstellungen wieder viel intensiver. Bei der Säuberung stieß das Team auch auf manche Überraschung. So hat sich gezeigt, dass die Maler den Heiligenscheinen mit einer Blattmetallauflage einen goldenen Schimmer verpassten. Und die Gewänder der Figuren wurden nach dem Malen mittels Schablonen zusätzlich mit Mustern verziert. Das war wegen der Schmutzschicht nicht mehr zu sehen gewesen.

Dreck, der sich im Lauf der Jahrhunderte durch die Nutzung, das Beheizen und insbesondere aufgrund der Luftbewegung durch die Orgelpfeifen angesammelt hat, entfernen die Expertinnen mit speziellen, wenige Zentimeter großen Schwämmchen aus Latex, die sie vorsichtig auf die Wandmalereien drücken. Die Schmutzpartikel bleiben am Schwamm haften und können so schonend von der Wand abgenommen werden. Die Schmutzschicht auf dem Schwamm rubbeln die Frauen dann an einer Muskatreibe ab.

Mit einer Kanüle wird Füllstoff injiziert

Auch manches andere wird zweckentfremdet. „Man findet immer mal wieder etwas Neues, was man als Werkzeug nutzen kann“, sagt Maria Prochniak und gewährt einen Blick in die Utensiliensammlung, zu der auch Schaschlikspieße, Glasfaserstifte, ein Handrührgerät und viele Kosmetikschwämmchen gehören, die eigentlich zum Auftragen von Make-up verwendet werden. Diese werden wie die Latexschwämmchen auf die Malereien gepresst und kommen in der letzten Reinigungsstufe zum Einsatz.

Das Reinigen der Motive war allerdings erst der zweite Schritt bei den aufwendigen Restaurierungsarbeiten. „Die Hauptmaßnahme war die Injektion der Hohlstellen“, erklärt Martina Fischer. An etlichen Stellen habe sich der bemalte Putz vom Mauerwerk gelöst, wodurch die Bemalung in Gefahr geriet. Mit ihrem Team hat sie daher zunächst die Wände Stück für Stück in Augenschein genommen und durch vorsichtiges Klopfen geprüft, wo sich Hohlstellen befinden. „Wir haben mehr Hohlstellen gefunden als vermutet“, sagt Franziska Fischer. Sie und ihre Kolleginnen haben jede einzelne kartiert und dann behandelt. „Wir haben an diesen Stellen dispergierten Kalk injiziert.“ Dazu nutzte das Team medizinische Spritzen, deren Kanülen es primär dort einführte, wo bereits Risse waren. Die Einstichstelle wurde mit einem Tupfer bedeckt, damit keine Flüssigkeit austreten konnte. „Wir haben bis zu 100 Milliliter eingespritzt“, erzählt Franziska Fischer und Maria Prochniak ergänzt: „Das braucht viel Übung.“

Chor und Kirchenschiff sind nun eine Einheit

Der große Aufwand hat sich gelohnt. „Jetzt passen der 2016 restaurierte Chor und das Kirchenschiff zusammen“, sagt der Pfarrer Joachim Bauer zufrieden. Die wegen der Arbeiten ausgebaute Orgel werde derzeit gereinigt, statt Halogenlichtern bekomme die Martinskirche eine LED-Beleuchtung: „Das ist viel schonender für die Malereien.“ Alles in allem musste der Förderverein rund 150 000 Euro aufbringen, sagt dessen Vorsitzende Elke Brück-Seiler. Eine 40 000-Euro-Spende der Eva Mayr-Stihl Stiftung habe viel geholfen. Nun hoffen alle, dass der Patient Martinskirche frühestens in 20 Jahren wieder einen Gesundheitscheck benötigt.

Den ersten Gottesdienst in der frisch restaurierten Kirche hält Joachim Bauer an Heiligabend, 24. Dezember, ab 22 Uhr.