Marie Theres Relin mit ihrem Ex-Mann und Vater ihrer Kinder Franz Xaver Kroetz in München – mit ihm zusammen hat sie kürzlich ein Buch geschrieben, das innerhalb weniger Wochen zum Bestseller wurde. Foto: Karin Rocholl

Die Schauspielerin und Autorin Marie Theres Relin spricht im Interview in München über ihre Mutter Maria Schell, das Älterwerden, ihren Ex-Mann Franz Xaver Kroetz, Gleichberechtigung und ihre Wut über den Umgang mit ihren Missbrauchsenthüllungen über ihren Onkel.

Das Münchner Café Roma in der Maximilianstraße: Draußen Armani, Cartier, Dior, drinnen 50er-Jahre-Charme, schickes Publikum und ab und zu der bayerische Ministerpräsident. Marie Theres Relin kam schon als Mädchen ins Roma, sagt sie. Die Tochter von Maria Schell hat gerade mit ihrem Ex-Mann Franz Xaver Kroetz zusammen einen Bestseller geschrieben.

 

Frau Relin, in Ihrem Buch nennt Ihr Ex-Mann Sie einmal den Che Guevara der Hausfrauen – wie kommt er darauf?

Ich habe 2002 eine Internetseite namens Hausfrauenrevolution gegründet. Das hat prompt Tausende Klicks bekommen, die Medien berichteten. Ich brauchte eine Mailadresse und entschied mich für cheguevara@hausfrauenrevolution.com.

Was wollten Sie revolutionieren?

Damals war ich 35, hatte drei Kinder, einen 20 Jahre älteren Mann, und ich habe gemerkt, ich habe keine Rente oder berufliche Aussichten, und in der Ehe ist es sehr schwierig. Ich fand vieles ungerecht. Da habe ich mir einen Beruf erschrieben. Mit dem heutigen Fazit übrigens: Es hat sich seither nichts geändert.Frauen, die Kinder bekommen, haben es schwer.

Kroetz und Relin 1988 Foto: Karin Rocholl/©

Ein bisschen hat sich schon getan: Heute gibt es Elterngeld, Anspruch auf Kitaplätze, Frauenquoten.

Man braucht sich nur das neu gewählte bayerische Kabinett anzuschauen. Wenn von 18 Ministern vier Frauen sind, wo bleibt da die Frauenquote? Das ist sehr rückschrittlich. Die Frauen sind zu Hause mit den Kindern, und dort haben sie keine Absicherung.

Sie schreiben, Sie sind in Ihrem Leben oft ausgenutzt worden – wieso?

Wir haben eine männerdominierte Gesellschaft. Laut Gesetz sind Männer und Frauen zwar gleich – sind sie aber nicht. Weil es beispielsweise nicht den gleichen Lohn für die gleiche Arbeit gibt. Man ist als Frau ein Störfaktor, ist abhängig, da wird man ausgenutzt.

Hat dieses Empfinden vielleicht auch mit der Frauengeneration zu tun, der man angehört?

Darf ich Sie fragen, wie alt Sie sind?

Ich werde bald 40.

Da gehören Sie einer Generation an, die vielleicht schon etwas andere Männer hat. Trotzdem gehen die doch auch kaum in Elternzeit. Es braucht Frauenquoten, damit Frauen überhaupt eine Position kriegen. Während der Pandemie wurden Familien vergessen, und Frauen fielen zurück in die 50er Jahre. Es gab mehr häusliche Gewalt.

Sie sind ja keine normale Frau – berühmte Familie, Künstlerinnenkarriere. Trotzdem haben Sie diese Hausfrauen-Erfahrungen gemacht?

Meine berühmte Familie hat mir nichts gebracht. Ich glaube, ich bin durchaus die normale Frau von nebenan.

Sie sind aber sicher anders aufgewachsen und anders geprägt als die meisten.

Ich war viel mit meiner Großmutter zusammen, der Mutter meiner Mutter. Die hat vier Kinder großgezogen, hatte wenig und machte daraus viel. Ich hätte vielleicht wie meine Mutter eine Karriere machen können, wenn ich nicht den Kroetz kennengelernt und kranke Kinder gehabt hätte. Das sag ich, ohne das zu bereuen, es so gemacht zu haben.

Haben Sie dann nicht gearbeitet, als die Kinder noch klein waren?

Gearbeitet hab ich viel, aber fürs Haushaltsgeld. Ich habe die ganze Kroetz-Dramatik mitgemacht. Familienbetrieb und nicht eingezahlt. Ich bekomme eine Rente von 720 Euro. Und ich zahle schon wieder seit 20 Jahren ein!

Es beeindruckt wohl viele, wenn Sie darüber so offen sprechen.

Mich hat neulich eine Frau aus Böblingen angerufen, die sagte: Sie haben mein Leben aufgeschrieben – interessant! Ich glaube, viele Frauen haben Angst vor Altersarmut.

Ich habe mir den Film angeschaut, den Ihr Onkel Maximilian Schell 2002 über Ihre damals schon kranke, alte Mutter gemacht hat.

Der Film war eine Schweinerei. Ich habe nicht mitgespielt, weil ich sagte, ich spiele nicht in einem Film mit, in dem das vorzeitige Ableben meiner Mutter gezeigt wird.

In dem Film wedeln die Ärzte mit Hirnscans und erklären, Maria Schell lebe in einer anderen Welt. Ihr Onkel schwingt sich zum Erzähler von Maria Schells Leben auf. Diese Selbstgerechtigkeit und die Abwertung Ihrer Mutter in dem Film – der ja zwei Bambis gewann – sind heute sehr befremdend.

Schrecklich. Meine Mutter hatte 16 Schlaganfälle und einen Suizidversuch hinter sich. Für mich war der Film richtig schlimm. Genauso wie jetzt der Umgang mancher Medien mit meiner Offenbarung im Buch, dass mein Onkel mich missbraucht hat. Mir wurde gleich vorgeworfen, ich würde einen Toten an den Pranger stellen.

Es war sicher schwer, diese Missbrauchserfahrung ein Leben lang ganz allein mit sich herumzutragen. Ihrem Mann haben Sie es ja auch erst jetzt gesagt.

Ja, aber genau das ist total üblich. Weil wir diese Täter-Opfer-Umkehr haben. Es war doch davor auch schon klar, dass mein Onkel pädophil war, aber alle schauten weg. Jetzt bekomme ich sehr viele Anrufe und werde auf der Straße angesprochen von Leuten, denen Ähnliches passiert ist. Da sind auch viele Männer dabei. Das ist erschütternd. Den Tätern passiert oft nichts, und als Opfer prägt das natürlich das ganze Leben. Man verfällt leicht wieder in die Muster.

Welche Muster sind das?

Wie Simone de Beauvoir schrieb: Man wird nicht als Frau geboren, man wird dazu gemacht. Meine Mutter hätte mir das mit dem Missbrauch nie geglaubt. Sie hat mir eine devote Männerverehrung vorgelebt. Und es war aus ihrer Sicht klar, ich sollte ein Künstlergenie heiraten, und die Kinder hatten Priorität, nicht meine Selbstverwirklichung. Ich habe viele Strickmuster mitgenommen. Das Familiengedächtnis schleppt sich von einer Generation in die nächste.

Wie ist das bei Ihren Töchtern?

Die sind Gott sei Dank unabhängig, sie haben sehr viel Hausfrauenrevolution mitgekriegt. Sie achten auf ihr eigenes Geld.

Wird man das Gerede der Mutter, das man oft so im Ohr hat, denn je los?

Wahrscheinlich nicht. Aber ich sehe meine Mutter auch in ihrer Zeit. Sie hat nichts anbrennen lassen, hat Liebhaber gehabt ohne Ende, war eine Karrierefrau, eine Spätgebärende und ein Weltstar. Sie war viel zu modern für ihre Zeit. Und sie hatte immer Männer, die keine Weltstars waren, wohlgemerkt. Deswegen hat sie daheim auch das Weibchen spielen müssen.

Maria Schell und Tochter Marie Theres Relin im Jahr 1973 Foto: imago/Wolfgang Kühn

Jetzt haben Sie Ihre Geschichte erzählt – ist das auch Selbstermächtigung? Die eigene Geschichte so in die Hand zu nehmen?

Ich habe eigentlich vieles schon 2011 in „Meine Schells“ erzählt, nur damals wollte das keiner hören. Wenn ich beschrieben habe, wie meine Mutter sagte: Wenn’s den Franzl zweimal gäb, tät ich einen davon heiraten, fanden das alle süß. Sie sagte auch: Wenn du stirbst, kümmer ich mich um den Franzl. Und ich habe beschrieben, wie mein Onkel oft zu mir sagte: Ich werde den Papst um Genehmigung bitten, dass Onkel und Nichte heiraten dürfen. Das fanden alle süß. Auch dass mein Papi Aktzeichnungen von mir machte, fanden alle süß.

Da hat Metoo auch etwas verändert.

Aber bei Metoo ging es viel um Promis und wenig darum, was in den normalen Familien alles passiert. Für viele Missbrauchsopfer ist es eine wahnsinnige Tortur, überhaupt zu beweisen, was ihnen widerfahren ist.

Im Buch bezeichnet der Kroetz Sie öfter als Dampfnudel oder als hinterfotzig. Warum lassen Sie sich das gefallen?

Ich habe auch Schnappatmung bekommen. Der Kroetz muss selber doch seinen Bauch einziehen! An mir hat er immer schon rumgemäkelt. Das ist nicht schön. Ich bin jetzt halt 57 – und eine Frau. Männer fühlen sich mit Mitte 50 ja erst in der Blüte ihres Lebens.

Im Buch geht es oft darum, dass Sie nicht mehr jung oder schön oder dünn genug seien. Finden Sie das wirklich?

Mir ist das im Grunde wurscht. Aber auch das wollte ich thematisieren. Von außen wird immer noch zu viel Druck auf Frauen ausgeübt, schön und jung zu sein. Wenn Sie hier ins Café Roma reinkommen, sehen Sie lauter Frauen mit Botoxlippen. Dieses Schönheitsideal ist einfach Quatsch.

Sie schreiben: „Nur wegen dem bisserl Sex kommt mir kein Mann mehr ins Haus“ – warum denn nicht?

Weil ich keine Abhängigkeit mehr will. Selbst wenn ich mich schwer verlieben würde. Einen Lover zu haben ist etwas Schönes, aber dann Tschüss.

Sowohl der Kroetz als auch Sie sind sehr selbstironisch im Buch. Ist ein Geheimnis langjähriger Liebe zu wissen, welche Zumutung man auch selber ist?

Ja, das ist sehr wichtig, den Fehler nicht nur beim anderen zu suchen. Und dass man innerhalb der Beziehung deutlich sagt, was man möchte und was nicht, Grenzen zieht. Dann muss man sich am Ende vielleicht gar nicht trennen.

Zur Person

Leben
 Marie Theres Relin, 57, ist Schauspielerin und Autorin. Sie ist die Tochter der Schauspielerin Maria Schell und des Regisseurs Veit Relin und die Nichte von Schauspieler Maximilian Schell. Relin war von 1992 bis 2006 mit dem Autor und Schauspieler Franz Xaver Kroetz („Kir Royal“) verheiratet. Mit ihm hat sie zwei Töchter und einen Sohn. Sie lebt in Wasserburg am Inn und auf Teneriffa.

Buch
 Zusammen mit Kroetz hat Relin kürzlich das Buch „Szenen keiner Ehe“ (dtv, 320 Seiten, 25 Euro) veröffentlicht, in dem beide ihre Perspektive auf einen Roadtrip von Teneriffa nach Deutschland und das gemeinsame Leben schildern.