Das Mariani-Klavierquartett hat im Mozartsaal mit Brahms und Martinu das Publikum zum Staunen gebracht.
Bach ist unkaputtbar. Sogar in schlechten Darbietungen, und abstrusesten Arrangements erkennt man Substanz und Struktur. Aber Mozart? Seine Musik ist einfacher, durchsichtiger; sie singt. Da will jeder Ton wertgeschätzt werden. Diese Musik ist empfindlich. Ihre Interpreten brauchen einen geradezu paradoxen Zugriff, müssen gleichzeitig sehr genau spielen und sehr frei, gleichzeitig wissend und naiv. Das ist wohl mit dem Spruch gemeint, Mozart sei zu leicht für Kinder und zu schwer für Erwachsene.
Musikalische Kommunikation gut eingeübt
Im Stuttgarter Mozartsaal hat am Mittwochabend das Mariani-Klavierquartett Mozarts zweites Klavierquartett (in Es-Dur) gespielt, und mit gutem Grund war der Applaus danach nur schwach. Dem hier ausgesponnenen launigen Dialog zwischen Klavier und Streichern fehlte ein Quäntchen Leichtigkeit, der Flügel klang zu laut, im Ton zu direkt. Das Larghetto, einer von Mozarts allerschönsten langsamen Sätzen, gestaltete das Ensemble mit farblich fein abgetönten Klängen, aber dem opernhaften Rondo-Finale fehlten oft Atem und weite Spannung.
Dann aber: Bohuslav Martinu. Viele, viele Noten und maximaler Effekt. Den vor Energie nur so sprühenden Eingangssatz gibt das Mariani-Klavierquartett als blank poliertes, dabei nie steril wirkendes Virtuosenstück: mit rhythmisch geschärfter Motorik, durchsetzt mit den Martinu-typischen Trillerkaskaden, sehr präzise koordiniert. So etwas gelingt nur Ensembles, die ihre musikalische Kommunikation gut eingeübt haben. Bei dem Pianisten Gerhard Vielhaber und den Streichern Philipp Bohnen, Barbara Buntrock und Peter-Philipp Staemmler ist das der Fall – das 2009 gegründete Mariani-Klavierquartett ist eine der wenigen festen Formationen ihrer Art. Das hört man auch bei den sehr genau ausgeleuchteten Streichtrio-Passagen im Adagio. Sie gipfeln in einem Pianissimo-Schluss, dem der hier ziemlich arbeitslose Pianist am Ende nur noch zwei getupfte Sahnehäubchen aufsetzen darf. Zum Ausgleich sorgt er im Finale für einen Folklore-Groove, der fast jazzig anmutet, und die Vollstimmigkeit des Stücks erinnert daran, dass Martinu 1942 eigentlich eine neue Sinfonie hatte schreiben wollen.
Das Quartett bringt die Zuhörenden zum Staunen
In Johannes Brahms‘ drittem Klavierquartett bringt das Mariani-Quartett das Publikum dann gleich mehrfach zum Staunen. Erstens, weil sich hier der frühe Brahms schlüssig mit dem mittleren versöhnt (die ersten beiden Sätze entstanden in der Zeit der unglücklichen Liebe zu Clara Schumann, die beiden folgenden erst in den 1870er Jahren, also zwei Jahrzehnte später) – mit einem ergreifenden Andante-Satz als Scharnier. Und zweitens, weil das Allegro-Finale auf engstem Raum Apotheose und Verzweiflung, Auf- und Zusammenbruch, Choral und resignierende chromatische Abwärtsbewegung zusammenführt. Die Beklemmung, die der ungewöhnliche Schlusssatz auslöst, weicht erst bei der Zugabe, dem schwärmerischen langsamen Satz aus Schumanns Klavierquartett. Bei der Uraufführung 1842 saß, ach ja, Clara Schumann am Klavier.