Stolz auf ihre Goldmedaille: Skirennläuferin Maria Höfl-Riesch Foto: dpa

Erst war die Anspannung groß, dann die Erleichterung. Skirennläuferin Maria Höfl-Riesch hat ihr drittes Olympia-Gold gewonnen – und kann nun gelöst ihre Medaillenjagd fortsetzen.

Sotschi - Wenn es stimmt, dass es im Leistungssport nicht gerade förderlich ist, wenn man sich im entscheidenden Moment zu viele Gedanken macht, dann stand es im Grunde gar nicht gut um Maria Höfl-Riesch. Also am Montagmittag, als in Rosa Khutor der erste Teil der alpinen Kombination, die Abfahrt, beendet war, und sich die Skirennläuferin aus Garmisch-Partenkirchen auf Teil zwei vorbereitete.

Erst dachte die 29-Jährge darüber nach, was ihr Abfahrtsergebnis, ein fünfter Platz, wert sein würde. Dann stand sie auf dem Slalomhang, besichtigte die Strecke und dachte: „Puh, ist das steil.“ Und als sie wenig später im Starthaus auf das Signal wartete, losfahren zu dürfen, gingen ihr noch einmal alle wichtigen Karrierestationen durch den Kopf. „Val d’Isère, Vancouver, Garmisch, Schladming“, zählte sie später im Ziel auf, als alles ganz anders gekommen war als befürchtet.

Als Maria Höfl-Riesch nämlich den Slalom hinter sich hatte, ­verursachte nicht nur ihr Durchatmen fast einen Schneesturm. Sie wusste: Es kann reichen für eine Medaille. Drei Konkurrentinnen konnten sie im Anschluss nicht schlagen, und als auch US-Girl Julia Mancuso (am Ende Dritte vor der Österreicherin Nicole Hosp) ihre Bestzeit nicht unterboten hatte, fiel auf einen Schlag alle Anspannung ab von der – nun – dreifachen Gewinnerin einer olympischen Goldmedaille. Sie sank erst auf die Knie, schlug dann die Hände vors Gesicht, legte ihren Kopf in den Schnee – und als sie sich wieder aufgerichtet hatte, konnte sie die Tränen nicht mehr zurückhalten. Ob sie Erleichterung gespürt habe in diesem Moment, wurde sie ein wenig später gefragt. „Erleichterung?“, fragte sie zurück – und antwortete doch selbst: „Es war die zehnfache Steigerung davon.“

Die Rolle der Topfavoritin hatte Maria Höfl-Riesch doch mehr Unbehagen bereitet, als ihr lieb war. Dazu kam, dass sie sich mit der Abfahrtsstrecke von Rosa Khutor noch immer nicht so richtig hat anfreunden können. „Vor dem Slalom“, gab sie daher zu, „war ich unheimlich nervös.“ Sie spürte die Erwartungen, auch die eigenen, sie wusste um ihren Wunsch, sich mit einer Medaille gleich im ersten Rennen von Sotschi all den Druck nehmen zu wollen. Und sie wusste auch: Ein bisschen Angriff muss schon sein. Dass sie inmitten dieser Gemengelage am Ende genau die richtige Mischung gefunden hatte, nötigte vor allem Wolfgang Maier riesengroßen Respekt ab. „Sie hat das taktisch saugut gemacht“, sagte der Alpin-Chef des Deutschen Skiverbandes (DSV), freute sich über die Medaille zum Auftakt („Das nimmt uns extrem viel Druck“) und hob Maria Höfl-Riesch auf eine Ebene mit den ganz Großen dieses Sports. „Sie ist jetzt in der obersten Liga angekommen. In Deutschland war nur Katja Seizinger einst auf diesem Level.“

Drei Goldmedaillen bei Olympia, zwei Weltmeistertitel, den Gesamtweltcup auch schon gewonnen. „Wir wussten, dass Maria ein Champion ist“, sagte Tom Stauffer, der DSV-Damentrainer. Das Kombinationsrennen unterstrich diese Einschätzung erneut, weshalb der Coach aus der Schweiz Vergleiche zog mit den bisherigen Größen im alpinen Rennsport. „Jede Generation hat ihre Champions“, sagte Stauffer, „Maria ist es in ihrer Generation.“ Mit Katja Seizinger hat die Bayerin, die in Kitzbühel lebt, nach olympischen Goldmedaillen nun gleichgezogen. International liegt die Kroatin Janica Kostelic (viermal Gold, zweimal Silber) noch vor ihr. „Wahnsinn, das ist einfach top“, freute sich auch Olympiasiegerin Rosi Mittermaier, die Maria Höfl-Riesch kennt, seit diese ein kleines Kind ist, „sie hat einfach die Coolness.“ Weshalb nun klar ist: Ein Platz in der Ruhmeshalle des deutschen Sports ist für Höfl-Riesch fest reserviert. Allerdings: Das interessierte sie nur am Rande.

„Ich denke nicht so sehr an Statistiken und Ranglisten“, versicherte die 29-Jährige, „das ist nicht meine Motivation.“ Vielmehr schaue sie nur auf das nächste Rennen, die nächste zu vergebende Medaille – wovon es in Sotschi für sie theoretisch noch vier zu gewinnen gibt. Bereits am Mittwoch steht die Abfahrt an, und die Führende im Weltcup in dieser Disziplin hatte zwar auch am Montag so ihre Probleme auf der Strecke und weiß: „Da muss noch eine Steigerung her.“ Doch mit der Goldmedaille im Gepäck soll nun alles ein wenig leichter fallen. „Jetzt habe ich den Rücken frei“, sagte Maria Höfl-Riesch. Tom Stauffer war sich jedenfalls sicher: „Dieser Erfolg wird es ihr einfacher machen, noch einmal anzugreifen.“ Auch Rosi Mittermaier traut der Gold-Maria „alles zu“. Neben der Abfahrt hat die Allrounderin noch im Super-G und im Slalom echte Chancen auf ihr viertes Gold. Ob sie das anpeilt? Sie könnte zumindest drüber nachdenken.

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