Eigentlich hätte man gedacht, über das Thema Mutter alles zu wissen. Wie schafft es die Mannheimer Ausstellung „Mutter!“ bloß, einen so direkt bei der Seele zu packen?
Mannheim - Vermutlich hat jeder eine solche Geschichte im Gepäck: eine Ohrfeige, eine Strafe, eine Ungerechtigkeit. Irgendwann hat die beste Mutter ihrem Kind eine ungute Erinnerung mit auf den Weg gegeben. Denn man muss sich nichts vormachen: So edel, charakter- und selbstlos wie die Jungfrau Maria sind Menschen nicht, nicht einmal, wenn sie Mutter werden.
Die Mutter ist Spielball der unterschiedlichsten Interessen
Was wurde nicht schon alles auf die Rolle der Mutter projiziert – von Politik und Psychologie, Kirche und Feminismus oder auch von den Nationalsozialisten, die zur Reproduktion des ‚deutschen Volkskörpers’ einen wahren Mutterkult betrieben. Was kann eine Ausstellung, die sich mit dem Thema Mutter befasst, da schon Neues präsentieren? Wurden die Erwartungen und Zuschreibungen, die Unzulänglichkeiten und Gemeinplätze nicht schon so vielfältig diskutiert, dass man bei dem Thema nur müde abwinken mag?
Das Thema hat mit jedem zu tun
Das Erstaunliche ist: Kaum hat man in der Kunsthalle Mannheim die ersten Schritte in der Sonderausstellung „Mutter!“ gemacht, schon hat diese Ausstellung einen gepackt. Denn auch wenn die zahlreichen Aspekte anklingen, die über Jahrhunderte hinweg mit der Mutterschaft in Verbindung gebracht wurden, vermittelt sich auch ganz unmittelbar, wie viel das Thema mit jedem von uns zu tun hat.
Joni Mitchell gab ihr Kind weg
Dass Johann Holten, dem Direktor der Kunsthalle, wieder einmal eine extrem sehenswerte Ausstellung gelungen ist, liegt vielleicht auch daran, dass seine Mutter zwei Kinder großgezogen hat, aber auch die dänische Nationalbank leitete – und damit vermittelte, dass Mutterschaft nur ein Teil der Identität ist. Was diese Ausstellung aber so interessant macht, ist, dass Holten zwei Kuratorinnen aus dem dänischen Louisiana Museum für Moderne Kunst ins Boot geholt hat, Marie Laurberg und Kirsten Degel. Dadurch kamen viele internationale Positionen zusammen – und kann man nun zum Beispiel in einer Soundbox das traurige Lied von Joni Mitchell hören, das diese ihrer Tochter widmete, bevor sie sie zur Adoption freigab.
Die fette Mutter erdrückt ihr Kind
Es ist ein Wechselbad der Gefühle. Hier die Mutter des isländischen Videokünstlers Ragnar Kjartansson, die ihrem Sohn in einer Videoarbeit abschätzig ins Gesicht spuckt. Dort die melancholischen Fotos von Miyako Ichiuchi, die Schuhe, Gebiss und Parfümflakon ihrer Mutter wie Stillleben fotografierte. Und dann der quälende Puppenzeichentrickfilm von Nathalie Djurberg, in dem eine Frau ihre fette, kranke und verwirrte Mutter hievt, hegt und pflegt – und schließlich von deren massigem Puppenleib erdrückt wird.
Dann eben einen Hund statt eines Kindes
So erzählt die Ausstellung auch viel von dem immerwährenden Ringen um Zuwendung – sowohl der Kinder als auch der Mütter – und damit des Menschen schlechthin. Viele Arbeiten lassen die existenzielle Dimension dieses Themas spüren – wie die Fotoserie von Elina Brotherus über ihre vergeblichen Versuche, durch künstliche Befruchtung doch endlich schwanger zu werden. Besagte Reihe gipfelt letztendlich in trotzig-trauriger Kapitulation. Auf dem letzten Foto hat sie einen Dackel auf den Arm und reckt den Stinkefinger: „Mein Hund ist süßer als dein hässliches Baby“.
Natürlich dürfen in einer solchen Schau die Themen Fruchtbarkeit und die Mutter als Nährende nicht fehlen. Prall und gesund ist die „Stillende Mutter“, die Paula Modersohn-Becker 1902 malte. 73 Jahre später schaut das ganz anders aus: Die Mutter auf einem Bild von Alice Neel wirkt klapprig und ausgezehrt. Mit Befremden und Misstrauen im Blick schauen „Ginny und Elisabeth“ aus dem Bild heraus, als seien ihnen beiden nicht ganz geheuer, was ihnen widerfährt. Wenn aber das schläfrige Kind auf einem Gemälde von Mary Cassat auf dem Arm der Mama entspannt wegdöst, spürt man die Innigkeit der beiden, Vertrauen und Verbundenheit.
Sexsymbol Beyoncé – trotz Zwillingen
Das befremdliche neue Leben
Als die Sängerin Beyoncé Zwillinge bekam, posierte sie für ein Foto von Mason Poole mit ihren Neugeborenen. Der blaue Schleier verrät, dass sie dabei an das Bild der Jungfrau Maria anknüpfen wollte. Beyoncé markiert allerdings klar, dass sie weiterhin Sexsymbol sein will und ihre Kinder definitiv nicht jungfräulich geboren hat. Pragmatisch hält sie die zwei Kleinen wie gestapelt auf dem Arm zwischen allerhand Stoff. Empathie sieht anders aus.
Stillassistent mit App
Aber vielleicht sind manchmal ja sogar Väter die besseren Mütter. Die queere Community und Transpersonen fordern längst, Mütterlichkeit nicht mehr auf Mütter zu beschränken und Geborgenheit und Fürsorge nicht an der biologischen Rolle festzumachen. Dazu passt trefflich der japanische Stillassistent, den man in der Mannheimer Ausstellung bestaunen kann. Eine Kunstbrust, in die sich Muttermilch füllen lässt, damit jedermann ein Kind säugen kann – und das sogar steuerbar mit Hilfe einer App.
Facetten der Mutterschaft
Appetizer
Mutterschaft hat viele Aspekte. Einen ersten Einblick geben drei Trailer, die die Kunsthalle Mannheim zur Ausstellung gedreht hat und die unter www.kuma.art/de/mutter abrufbar sind. Darunter eine Szene zum Mythos Rabenmutter, in der eine Mutter mit schreiendem Säugling auf dem Schoß sich lächelnd Ohrstöpsel in die Ohren steckt.
Info
Ausstellung bis 6. Februar, geöffnet Dienstag bis Sonntag 10 bis 18 Uhr, mittwochs bis 20 Uhr, erster Mittwoch im Monat bis 22 Uhr. adr