Horst Heldt ist seit März 2017 der Sportchef von Hannover 96. Foto: dpa

Auch Hannovers Manager Horst Heldt blickt dem Kellerduell beim VfB am Sonntag gespannt entgegen. „Der Partie kommt eine besondere Bedeutung zu“, sagt der 49-jährige, dessen Club aktuell Vorletzter ist.

Hannover - Am Sonntag (15.30 Uhr) trifft der VfB Stuttgart im Abstiegsduell auf Hannover 96 – und damit auf den Ex-Manager Horst Heldt. Der weiß: „Das Spiel ­besitzt eine besondere Bedeutung.“

Herr Heldt, Sie wurden Anfang 2006 beim VfB ins kalte Wasser geworfen, entließen als Manager-Novize gleich Giovanni Trapattoni und holten Armin Veh. Mit Thomas Hitzlsperger trägt jetzt ein ehemaliger Mitspieler von Ihnen in Stuttgart die Verantwortung. Kann er den Job?

Davon bin ich überzeugt. Thomas hat sich ja bereits in vielerlei Hinsicht bewiesen. Er war schon als Spieler immer einer, der gerne Verantwortung übernommen hat, der seit jeher strategisch denkt. Als ehemaliger Profi kann er sich zudem sehr gut in die Gefühlswelt einer Mannschaft hineinversetzen. Als Leiter des Nachwuchsleistungszentrums hat er beim VfB schon erste Verantwortung übernommen – und ist auch im Umgang mit den Medien geschult. Von daher ist er sehr gut vorbereitet auf das, was in seiner Position jetzt von ihm gefordert ist.

Und das wäre?

Der Sportchef eines Bundesligisten zu sein, ist ein Job, der dich die ganze Woche pausenlos fordert. Man muss viele Entscheidungen von größerer Tragweite treffen – und darf davor keine Angst haben. Dazu kommt die Drucksituation, in der man sich als Entscheidungsträger eines großen Vereins automatisch befindet. Man muss lernen, damit umzugehen. Denn die öffentliche Aufmerksamkeit ist natürlich eine ganz andere, als ob ich als Spieler lediglich ein Teil des Ganzen bin. Thomas trägt jetzt die sportliche Hauptverantwortung beim VfB und steht im öffentlichen Fokus.

Hitzlsperger ist in der Liga bisher als eher leiser, analytischer Typ in Erscheinung getreten. Fehlt es ihm für den Job nicht ein wenig an Hemdsärmeligkeit?

Nein. Denn es bringt ja nichts, als HB-Männchen durch die Kabine zu laufen. Ich habe früh in meiner Karriere gelernt, dass nicht die Lautstärke entscheidend ist, sondern das, was man sagt. Als Sportchef muss man seine Antennen ausfahren, die Lage erkennen - und die Spieler unterstützen. Man kann auch mal laut sein. Aber ganz wichtig ist ein konsequentes Handeln.

Der Stuttgarter Vorgänger Michael Reschke gab am Ende indirekt zu, sich allein ein bisschen übernommen zu haben.

Auch für Thomas wird die Frage wichtig sein, wie man seine Position beim VfB ausbaut. Es soll ja noch ein Sportdirektor dazu kommen. Es ist für jeden Manager wichtig, dass man die Aufgaben auf mehrere Schultern verteilt. Einer allein kann den sportlichen Bereich eines so großen Vereins wie den VfB, Hannover 96 oder Schalke 04 nicht führen.

Apropos Schalke – auch hier ist mit Jochen Schneider jemand aus Ihrem ehemaligen Umfeld aufgestiegen. Er hat beim VfB lange an Ihrer Seite gearbeitet. Trauen Sie Schneider den Posten des Sportvorstandes bei S04 zu?

Jochen wird diese Aufgabe sehr gut hinbekommen, da bin ich mir sicher. Auch die Zeit in Stuttgart wird ihm dabei helfen. Ich freue mich sehr für ihn. Jochen hatte ja mal eine kurze Phase, als er zwischen dem Wechsel von Fredi Bobic auf Robin Dutt beim VfB die Gesamtverantwortung hatte. Von daher kennt er die Position ganz vorne. Natürlich ist der neue Job für ihn eine große Herausforderung, das sagt er ja selbst. Gerade vor dem Hintergrund der Wucht der Emotionen, die in einem Verein wie Schalke ausgelebt werden.

Auch beim VfB brodelt es. Was sind aus Ihrer Sicht die Gründe für das bisher so schwache Abschneiden der Mannschaft?

Mir steht es nicht zu, die aktuelle Lage des VfB zu beurteilen. Ich war insgesamt sieben Jahre als Spieler und Manager in Stuttgart, mit der Meisterschaft von 2007 als Höhepunkt. Natürlich habe auch ich meine Meinung zum VfB – ich kenne im Club noch viele Leute. Aber ich bin dennoch viel zu weit weg, um sämtliche Vorgänge einordnen und bewerten zu können.

Die Geduld der Fans scheint langsam erschöpft zu sein.

Der VfB ist und bleibt eben ein echter Traditionsverein, der ganz viele Emotionen weckt. Ich habe in Stuttgart sehr viele schöne Momente erlebt, der Höhepunkt war die Feier nach der Meisterschaft, als 250.000 Leute auf den Beinen waren. Es ist ein ganz spezielles Merkmal des VfB, sozusagen das Gen eines Traditionsclubs, dass stets viele Gefühle mitschwingen, egal ob es nun gut oder schlecht läuft. Der Verein lebt, auch wenn er gerade eine schwierige Phase durchmacht. Viel schlimmer wäre es doch, wenn sich die Menschen gar nicht mehr mit dem Fußball und dem VfB identifizieren würden.

In Hannover heißt es: Das Geld, das dem inzwischen beurlaubten Michael Reschke zu Saisonbeginn zur Verfügung stand, das hätte der Horst Heldt auch gerne gehabt. Stimmt das?

Für meinen Job gilt: Man muss immer mit dem klar kommen, was möglich ist. Die Fakten in Hannover sehen so aus: Wir haben im vergangenen Sommer 17 Millionen Euro auf dem Transfermarkt ausgegeben – und 17 Millionen Euro eingenommen. Dass man sich als Sportchef immer mehr Handlungsspielraum wünscht, ist klar. Ich habe mich aber nie darüber beklagt, dass andere Vereine mehr Möglichkeiten haben.

Mit Blick auf den Sonntag ist viel von einer Sechs-Punkte-Partie zu hören, der VfB könnte bei einem Sieg den Vorsprung auf ihr Team auf fünf Zähler vergrößern. Kribbelt es schon?

Natürlich besitzt das Spiel eine besondere Bedeutung – der kann man sich auch in Hannover nicht entziehen. Das Ergebnis wird für beide Clubs sehr wichtig sein, aber es wird weder den Sieger retten noch ist der Verlierer automatisch abgestiegen. Es folgen dann noch zehn Partien in der Bundesliga – und ich darf nochmal an die Meistersaison 2007 mit dem VfB erinnern: Dort haben wir – natürlich in einer anderen Lage – die letzten acht Saisonspiele allesamt gewonnen. Eine Gewissheit hat also auch nach unserem Auftritt in Stuttgart keiner. Wenn dem so wäre, würden sie auf Schalke ja bereits von der Rettung reden. Das tut dort aber keiner.

Mario Gomez hat vom Titelrennen im Tabellenkeller gesprochen. Der VfB müsse also „nur“ die Meisterschaft unter den vier Clubs holen, die sich derzeit hinten ein Schneckenrennen liefern.

Da hat Mario sicherlich Recht. Diese Konstellation beinhaltet aber auch, dass jede der vier Mannschaften noch alle Möglichkeiten besitzt, die Klasse zu halten. Das gilt für Nürnberg und Augsburg genauso wie für uns und den VfB.

Der von Ihnen als Nachfolger von André Breitenreiter geholte Trainer Thomas Doll hat bisher nicht für die Kehrtwende in Hannover sorgen können. Seine Zwischenbilanz liegt bei einem Sieg und drei Niederlagen – was stimmt Sie dennoch optimistisch?

Natürlich gibt es in unserer Lage auch Rückschläge, das ist normal. Wichtig ist, sich auf die Dinge zu fokussieren, die man beeinflussen kann. Grundsätzlich besitzt Thomas bei uns einen Vertrag, der über die Saison hinaus gültig ist – und zwar für beide möglichen Szenarien. Also auch für die zweite Liga. Dass der Klassenverbleib für uns kein leichtes Unterfangen wird, das war uns allen bereits beim Trainerwechsel bewusst. Wir sind aber komplett davon überzeugt, dass wir uns mit Thomas retten – und wir werden auch alles dafür tun, um dieses Ziel zu erreichen.

Wer hat die bessere Mannschaft – Hannover 96 oder der VfB?

Abstiegskampf bedeutet auch, dass man Niederlagen mental annimmt und verarbeitet. Aus meiner Sicht ist es also in der aktuellen Situation keine Qualitätsfrage, wer am Ende absteigt. Vielmehr entscheidet der Kopf.

Der Druck nimmt allerdings stetig zu. Wie gehen die Fans in Hannover mit dem möglichen Szenario eines zweiten Abstiegs binnen drei Jahren um?

Die Situation ist abgesehen von kleinen Nuancen ähnlich wie die in Stuttgart. Unsere Fans nehmen viel auf sich, um den Verein zu Hause und auch auswärts zu unterstützen. Viele leben den Fußball, haben sich voll und ganz dem Verein verschrieben. Also muss man als Verantwortlicher und Spieler auch mit möglichen negativen Emotionen auf den Rängen klar kommen. Allerdings sollten der Respekt und die Verhältnismäßigkeit stets gewahrt bleiben. Es heißt ja, Fußball sei die schönste Nebensache der Welt.

Gibt es von Ihnen einen Ergebnis-Tipp für das Spiel am Sonntag?

Mein Tipp ist: es geht auch nach dem Abpfiff weiter.

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