Die Weitspringerin hat bei den Olympischen Spielen in Tokio Gold geholt, am Ziel ist sie deshalb aber nicht. Sie will sich weiterentwickeln – als Athletin und als Mensch. Und zugleich nimmt sie, was den Klimawandel angeht, die Politik in die Pflicht.
Stuttgart - Malaika Mihambo ist die beste Weitspringerin der Welt, die frisch gekürte Sportlerin des Jahres in Deutschland – und zugleich eine sehr reflektierte Persönlichkeit. Das zeigt ihr Blick auf ein ganz besonderes Jahr.
Frau Mihambo, Sie sind Olympiasiegerin, Weltmeisterin, Europameisterin – und trotzdem ist Fortschritt eines Ihrer Lieblingswörter. Warum?
Weil mich dieses Wort und seine Bedeutung antreibt.
Inwiefern?
Ich möchte nicht nur weiter springen und als Athletin vorankommen. Es ist mir sehr wichtig, mich auch als Mensch zu entwickeln.
Als Weitspringerin stehen Sie ganz oben. Wie viel Luft bleibt da noch?
Das Ziel, das mich motiviert, ist weniger ein äußeres wie der nächste Titel oder der nächste große Sieg. Denn da könnte man schon zur Erkenntnis kommen, dass es jetzt ausgereizt ist (lächelt).
Sondern?
Für mich steht beim Sport die innere Meisterschaft im Fokus. Es geht darum, mich selbst zu meistern, Körper und Geist in Einklang zu bringen, die bestmögliche Leistung abzurufen. Und gleichzeitig bin ich sehr neugierig, wo mich dies hinführen kann, wo meine Grenzen sind. Der große Vorteil ist, dass ich mich diesen Zielen voll widmen kann, ganz unabhängig davon, was ich schon erreicht habe.
Wohin wollen Sie sich als Mensch entwickeln?
Fortschritt in dieser Hinsicht bedeutet, mich selbst besser kennenzulernen – auch meine Ängste und die negativen Gedanken, die man gerne mal ausblendet und die einen davon abhalten, die beste Version seiner selbst zu sein. Ich versuche, die Dinge, die mich belasten, zum Beispiel auch aus der Kindheit, hinter mir zu lassen und stattdessen am Erlebten zu wachsen.
„Wir brauchen den großen, systemischen Wandel“
Sind Sie ein politischer Mensch?
Ja.
Sie spielen die Hauptrolle im Werbespot eines großen Autoherstellers, auch dort geht es um Fortschritt. Wie wichtig ist es für uns als Gesellschaft, nicht stehen zu bleiben?
Sehr wichtig. Das Problem dabei ist, dass die Politiker in ihren Strukturen gefangen sind. Der Zeithorizont der meisten handelnden Personen beschränkt sich auf vier Jahre, das reicht für große gesellschaftliche Fortschritte nicht aus. Dabei müsste die Politik gerade bei den größten Krisen unserer Zeit, dem Klimawandel und der Zerstörung der Umwelt, schnell neue, langfristig gültige Maßstäbe setzen.
Sie studieren Umweltwissenschaften, sind tief drin im Thema. Was würden Sie der Politik raten?
(Überlegt) Es gibt viele Ansatzpunkte. Am wichtigsten aus meiner Sicht ist, dass die Externalitäten einen Preis bekommen müssen, der von denen bezahlt wird, die sie verursachen.
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Wie nachhaltig leben Sie selbst?
Ich trinke zum Beispiel Leitungswasser statt Wasser aus Plastikflaschen, kaufe regionale Bioprodukte, beziehe Ökostrom und versuche, Flugreisen zu vermeiden. Die Nachhaltigkeit des Individuums zählt enorm viel, natürlich muss jeder tun, was er kann.
Aber?
Unterm Strich sind das Kleinigkeiten. Letztlich brauchen wir den großen, systemischen Wandel. Deshalb müssen wir Menschen vor allem eines tun – der Politik klarmachen, was für uns wichtig ist: eine intakte Umwelt. Noch sind wir weit entfernt von einer klimagerechten Welt.
„Die längsten Minuten in meinem Leben“
Sie sind eine sehr nachdenkliche, reflektierte Frau. Wissen Sie noch, was Ihnen am 3. August vor Ihrem letzten Sprung im Olympiastadion in Tokio durch den Kopf ging?
Sehr viel. Es war ein superintensiver Wettkampf, der uns Athletinnen alle sehr ermüdet hat, weil wir uns auf unglaublich hohem Niveau zentimeterweise aneinander vorbeigeschoben haben. Das war sehr ungewöhnlich. Vor meinem sechsten Versuch bin ich dann schon zufrieden gewesen, weil klar war, dass ich mindestens Dritte bin und mein Minimalziel erreicht habe. Ich hatte das Gefühl, dass es mir an nichts fehlt.
Und dann folgte eine echte Punktlandung.
Stimmt. Ich wusste, dass ich die Chance auf noch mehr habe – die wollte ich unbedingt nutzen. Es ist mir dann gelungen, diesen Moment richtig zu genießen.
Sie haben die Sieben-Meter-Marke geknackt und sind damit auch in Führung gegangen.
Das war ein unglaubliches Gefühl des Glücks und der Dankbarkeit. Gleichzeitig war ich aber auch unzufrieden.
Unzufrieden?
Ja. Ich hatte das Brett nicht getroffen, habe viele Zentimeter verschenkt. Ich wusste, dass ich noch zu schlagen bin. Es folgten ein paar bange, sehr lange Minuten – die längsten in meinem Leben.
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Das Warten hat sich gelohnt: Es gab Gold!
Was umso wertvoller war, weil es kein einfaches Jahr gewesen ist, in dem mir wie zum Beispiel 2019 alles leicht von der Hand ging. Vor Tokio habe ich viel an mir gezweifelt.
Warum?
Ich hatte Probleme mit dem Anlauf, er war nicht so stabil wie erhofft. Eines kann ich allerdings sagen: Den Glauben an mich selbst habe ich trotzdem nie verloren, die Schwierigkeiten haben mich stärker gemacht und die mentale Kraft, die ich ohnehin schon hatte, noch einmal wachsen lassen. In der Beziehung ist es wichtig, bedingungslos hinter sich selbst zu stehen.
Was hilft Ihnen dabei?
Meditation und Selbstreflexion sind wichtige Dinge, die mich als Athletin, aber natürlich auch als Mensch, antreiben. Tokio war auch deshalb ein wichtiger Ort, weil ich gesehen habe, dass der Weg, den ich für mich gewählt habe, der richtige ist. Das war eine besondere Erfahrung.
„Ich bin noch dieselbe Person, die ich vor dem Olympiasieg war“
Hat der Olympiasieg Ihr Leben verändert?
Nein. Dieser Erfolg steht vielmehr für meine innere Reise, das innere Wachsen. Deshalb ändert sich durch diese Medaille für mich persönlich sehr wenig. In meinem Selbstbild bin ich noch genau dieselbe Person, die ich bereits vor dem Olympiasieg war.
Sie haben alle drei großen Titel gewonnen. Was kommt jetzt für Sie?
Es geht um technische Feinheiten, um meine Sprintfähigkeit, um die Rückkehr zum stabilen Anlauf. Und um Weiterentwicklung auf allen Ebenen. Das treibt mich an. Titel sind nur eine Art zu messen, wie groß der Fortschritt ist, den ich gemacht habe.