Preisregen für Macher der Netflix-Serie „Dark“ Wir gucken nicht so gerne „Tatort“

Von Gunther Reinhardt 

Jantje Friese und Baran bo Odar schauen lieber „Twin Peaks“ und skandinavische Serien als deutsche Krimis und haben sich die erste deutsche Netflix-Serie „Dark“ ausgedacht. Jetzt wurde die Mysteryserie mit gleich sieben Grimme-Preisen ausgezeichnet.

London - Die Drehbuchautorin Jantje Friese und der Regisseur Baran bo Odar sind die kreativen Köpfe, die hinter der ersten deutsche Netflix-Serie „Dark“ stecken. Diese wurde jetzt mit gleich sieben Grimme-Preisen ausgezeichnet. Geehrt werden die Showrunner Odar (Regie) und Friese (Drehbuch), sowie die Darsteller Louis Hofmann, Oliver Masucci und Angela Winkler, Udo Kramer für das Production Design und Simone Bär für das Casting. Die Verleihung des Grimme-Preis findet am 13. April im Theater der Stadt Marl statt. Vor dem Start der Serie hatten wir Friese und Odar in London getroffen.

Frau Friese, Herr Odar, die Serie „Dark“ ist ein düsteres, geheimnisvolles Ungetüm, das durch die Zeit reist, von verschwundenen Kindern und geheimnisvollen Experimenten erzählt – und irgendwie so gar nicht wie eine deutsche Serie aussieht.
Odar: Ich bin ein deutscher Regisseur, der in Deutschland mit einem deutschen Kameramann und deutschem Licht dreht. Doch offenbar sind die Leute der Auffassung, die Marke Deutsch habe gefälligst hässlich und trist auszusehen. Fritz Lang und Friedrich Murnau kamen aus Deutschland und haben bombastische Bilder geschaffen: Wir haben die spektakuläre Hollywood-Optik erfunden. Ich finde es schade, dass das verloren gegangen ist.
Friese: Die Frage ist ja, was ist deutsch, und wie empfindet man deutsche Realität? Ich glaube schon, dass unsere Perspektive deutsch ist.
Filmemacher in Deutschland wagen sich allerdings nur selten und ungern an Genrestoffe heran. In „Dark“ erzählen Sie aber eine Mystery-Thriller-Story.
Odar: Von Netflix kam klar die Ansage: Bitte macht was Eigenes. Etwas, was Deutschland so noch nicht gesehen hat. Klar hätte man auch einfach nur eine Crime Show oder etwas Historisches mit Nazis, DDR oder so machen können. Mich nervt es aber, dass es in Deutschland eben nur diese zwei Varianten zu geben scheint. Mir fehlen hier das High-Quality-Drama und Genresachen wie ein richtiger Thriller oder Sci-Fi. Stattdessen gibt es immer nur Krimis. Wir gucken nicht so gerne „Tatort“, und wollten so was auch nicht machen.
Friese: Wir haben nicht diese Schere im Kopf, dass wir ein deutsches Publikum bedienen müssen. Schon „Das letzte Schweigen“ und „Who Am I“ sind gut im Ausland angekommen. Wir wollen universelle Geschichten erzählen. Geschichten, die jemand in Asien oder Südamerika auch versteht. Warum auch nicht? Die Skandinavier machen doch vor, wie es geht.
Tatsächlich wirkt „Dark“ ein bisschen wie ein Mix aus einem skandinavischen Krimi und der Mystery-Serie „Stranger Things“ .
Odar: Ja, wir mögen die skandinavischen Sachen sehr. „Dark“ ist auf jeden Fall mehr mit diesem Genre, das man Nordic Noir nennt, verwandt, als mit „Stranger Things“. Auch weil wir alle unsere Bücher schon geschrieben hatten, als „Stranger Things“ herauskam. Und wir sind auf jeden Fall finsterer. Die Serie heißt nicht zufällig „Dark“. Bei uns gibt es nicht die ulkige 1980er-Jahre-Nostalgie und dieses Durcheinander, wenn die Kids alle auf einmal reden.
Friese: Wenn, dann sind wir der düstere europäische Bruder von „Stranger Things“.
Und warum sind skandinavische Serien so viel besser als deutsche?
Friese: Ein Problem ist, dass Deutschland als TV-Markt so groß ist, dass dieser in sich selbst funktioniert. Es ist gar nicht nötig, über die Landesgrenze hinaus zu denken. In Skandinavien ist das anders. Wenn die ­Dänen nur für den dänischen Markt produzieren würden, müssten ihre Shows spottbillig sein, um sich zu rechnen.
Die Kleinstadt Winden, die das Epizentrum der Ereignisse in „Dark“ darstellt und die voller Geheimnisse steckt , könnte auch das deutsche Pendant zu dem verwunschenen Örtchen in Norden der USA sein, in dem David Lynchs Serie „Twin Peaks“ spielt.
Friese: David Lynch und „Twin Peaks“ haben uns in unserer Teenagerzeit geprägt. Diese Faszination des Abgründigen in der Kleinstadt ist ein Thema, das uns begleitet. Schließlich kommen wir beide selbst aus einer Kleinstadt. Wir haben ja auch in dem Film „Das letzte Schweigen“ schon einmal das Düstere hinter den Türen und Fassaden einer Kleinstadt bearbeitet.
Eigentlich wollte Netflix aber eine ganz andere Serie von Ihnen haben, oder?
Odar: Ja, Reed Hastings und Ted Sarandos von Netflix hatten unseren Film „Who Am I“ gesehen und haben uns gefragt, ob wir eine Serie daraus machen wollen. Wir haben dann aber gesagt, dass wir keine große Lust darauf hätten, gleich noch einmal eine ­Hackergeschichte zu erzählen. Wir machen lieber Sachen, die wir noch nie gemacht haben, weil wir uns schrecklich schnell langweilen.
Moment, da ruft der Chef von Netflix an und sagt, er hätte gerne eine Serie von Ihnen, und Sie sagen: Ach nö, wir haben kein Interesse?
Odar. Ich bin halt ein ehrlicher Mensch. Wenn ich keine Serie aus „Who Am I“ machen will, dann mache ich keine. Die Amerikaner mögen so eine Haltung.
Tatsächlich?
Odar: Ja, die haben dann gefragt, ob wir eine bessere Idee hätten. Da haben wir ihnen „Dark“ vorgeschlagen, und sie waren sofort angetan.
Auch dank des Streamingdienstes Netflix ist derzeit viel von einem Goldenen Zeitalter der Qualitätsserien die Rede – ein Trend, der bisher noch nicht so richtig in Deutschland angekommen ist. Was hat das deutsche Fernsehen bisher falsch gemacht, beziehungsweise, was macht Netflix richtig?
Friese: Man muss sich trauen, eigenständiger zu sein, eine Nische zu finden. Dann kann man sich nämlich das Publikum auf der ganzen Welt zusammensuchen. Wer nur versucht, das komplette deutsche Publikum abzugreifen, kann keine wirkliche Qualität abliefern. Nur auf die Einschaltquote, auf die Zuschauerzahlen in Deutschland zu schauen, ist nicht gut fürs Produkt.
Während Amazon mit „You Are Wanted“ und Matthias Schweighöfer offenbar die breite Masse erreichen wollte, scheint Netflix mit „Dark“ eher auf das Arthouse-Publikum zu schielen.
Friese: Ja, wir haben noch nicht aufgegeben, zu glauben, dass beides geht: dass man etwas mit einem hohen künstlerischen Anspruch produzieren kann, das trotzdem ein relativ großes Publikum erreicht. Wir wollen ja nicht nur für Kritiker produzieren oder für eine kleine Auswahl an Filmstudenten, die das vielleicht ganz cool findet.
Zum Schluss noch etwas ganz anderes: Wie ist es eigentlich, privat und beruflich ein Paar zu sein? Streiten Sie sich oft am Filmset?
Odar: Oh, ja, da gibt es viel Zoff.
Friese: Wenn wir uns streiten, werden wir sehr direkt. Da wird dann ganz schön hart diskutiert. Wenn gerade andere am Tisch sitzen, bekommen die manchmal richtig Angst. So machen wir das aber immer. Und das war noch viel krasser, als wir „Das letzte Schweigen“ gemacht haben, weil ich da hochschwanger war.

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