Michael Fassbender in Justin Kurzels „Machbeth“-Verfilmung Foto: studiocanal

Ohne der Komödien und Tragödien William Shakespeares gäbe es viele unserer Lieblingsfilme und Lieblingsserien nicht. Doch an ihm kann man sich zwischen den Shakespeare-Jahren auch die Zähne ausbeißen – wie Justin Kurzels „Macbeth“-Film zeigt.

Stuttgart - Nach dem Shakespeare-Jahr ist vor dem Shakespeare-Jahr. Kaum hat man sich von all den Hamlets, Othellos, Lears, Richards und Romeos und ­Julias erholt, die einem das Jahr 2014 zu Shakespeares 450. Geburtstag ­beschert hat, da naht schon die nächste Shakespeare-Welle: Jährt sich doch 2016 der Todestag des Dramatikers, Dichters und Schauspielers zum 400. Mal.

Aber eigentlich ist jedes Jahr ein Shakespeare-Jahr. Denn seine Werke sind unkaputtbar, sie lauern einem immer und überall auf – im Kino, in Fernsehserien, ­Comics, Videospielen, auf großen wie auf kleinen Bühnen. Man kann Shakespeare singen, tanzen, ihn zur Teeniekomödie, zum Science-Fiction-Drama machen oder – wie im Fall von Justin Kurzels „Macbeth“-Film, der seit diesem Donnerstag im Kino zu sehen ist – in einen Schottland-Bildband verwandeln.

Fassbender verwechselt sich mit Mel Gibson in „Braveheart“

Die Highlands sahen nie schroffer aus als in Kurzels „Macbeth“. Michael Fassbender stapft als frierender, grimmig dreinblickender und mit wildem Bart ausgestatteter Macbeth durch diese karge Landschaft, angestachelt von den kruden Weissagungen der drei Hexen („Wenn der Wirrwarr ist zerronnen / Schlacht verloren und gewonnen“) und seiner ehrgeizigen Frau (Marion Cottilard) wird er zum Königsmörder, kommt selbst auf den Thron, wird aber – Achtung, Spoiler-Alarm! – am Ende untergehen und herausfinden, dass die Prophezeiungen zwar wahr waren, ihn aber trotzdem ausgestrickt haben.

Davor verwechselt er sich ab und zu mit Mel Gibson in „Braveheart“, stürzt sich in Schlachten, die Adam ­Arka­paws Kamera in Superzeitlupe martialisch in Szene setzt. Die meiste Zeit aber versuchen Fassbender und der Rest des Ensembles es mit den Shakespeare-Versen in Sachen Dramatik und mit der schroffen Landschaft der Highlands aufzunehmen – und scheitern. Denn Kurzel gelingt es nicht, dem Stoff Leben einzuhauchen.

Schon Polanski ist an „Macbeth“ gescheitert

Er ist in seinem Versagen aber in guter Gesellschaft. Im Jahr 1971 hat sich auch schon Roman Polanski am „Macbeth“ die Zähne ausgebissen. Polanski verfolgte mit der nihilistischen Tragödie aber vor allem therapeutische Ziele, verarbeitete mit dem Film den Mord an seiner Frau Sharon Tate.

Den besseren „Macbeth“ gibt es derzeit im Fernsehen zu sehen. Die Polit­serie „House of Cards“ verlegt Shakespeares Tragödie vom schottischen Hochland nach Washington, DC. Der Intrigant und Mörder Frank Underwood (Kevin Spacey), der es bis zum US-Präsidenten bringt, und seine eiskalte Frau Claire (Robin Wright) sind unschwer als Macbeth und Lady Macbeth zu erkennen.

Macbeth in Weißen Haus, König Lear ist Chef eines Musikimperiums

„House of Cards“ ist nicht die einzige Serie, die auf einer Shakespeare-Tragödie beruht: Durch das Drama „Empire“, das von einem erkrankten Musikmogul erzählt, der sein Plattenimperium unter seinen drei ­Söhnen aufteilen will, schimmert „König Lear“. Und als ausgesprochen raffinierte „Hamlet“-Adaption erweist sich die TV-Serie „Sons of Anarchy“. In Kurt Sutters Serie heißt ­der zaudernde Held nicht Hamlet, sondern Jax Teller. Er ist nicht Prinz von Dänemark, sondern Stiefsohn des Anführers einer Rockerbande. Doch auch in der mit Drogen und Waffen handelnden Gang gibt es eine Königin Gertrude und einen König Claudius, die Jax’ ­Vater auf dem Gewissen haben. Solche Serien machen deutlich, dass Shakespeares Mord-, Verschwörungs- und Rachedramen nie aus der Mode kommen.

Auch weil kein Autor so sehr wie dieser ­dazu verführt, frei mit seinen Texten, seiner Sprache, seinen Dramenplots umzugehen. Rund um Shakespeares 400. Todestag am 3. Mai 2016 darf man noch mit vielen neuen An- und Enteignungen rechnen. Doch Shakespeare ist robust. Er verkraftet Arno Schmidts komplexes Opus magnum ­„Zettel’s Traum“, das sich auf den „Sommernachtstraum“ bezieht, ebenso wie Cole Porters Musical „Kiss Me, Kate“, eine ­Vulgärversion von „Der Widerspenstigen Zähmung“, in der es heißt: „Schlag nach bei Shakespeare, bei dem steht was drin! /Kommst du mit Shakespeare, sind die ­Weiber gleich ganz hin.“

Shakespeare als Dichter-Popstar

Tatsächlich durfte Shakespeare selbst im Kino ja auch schon mit Gwyneth Paltrow rumknutschen („Shakespeare In Love“) und gilt als Dichter-Popstar, dessen „Romeo und Julia“ der Archetypus aller tragischen ­Liebesgeschichten ist. Der Literaturwissenschaftler Harold Bloom hat die Teenie­tragödie sogar zum „einflussreichsten Werk der Weltliteratur“ ernannt. Adaptionen reichen von Gottfried Kellers Erzählung ­„Romeo und Julia auf dem Dorfe“ über Gershwins Musical „West Side Story“ bis zu Songs von Lou Reed, den Decemberists, Tom Waits oder den Dire Straits.

Alles andere als altertümlich klangen Shakespeares Verse im Kino zum Beispiel auch in Kenneth Branaghs hyperrealistischen Schlachtenepos „Heinrich V.“ (1989), der ein Vorbild für Kurzels „Macbeth“ gewesen sein dürfte, oder in Baz Luhrmans von der Videoclip-Ästhetik geprägten Gangsterdrama „Romeo + Juliet“ (1996).

Ein zeitlos schönes Shakespeare-Update ist auch Joss Whedon mit „Viel Lärm um nichts“ (2012) gelungen. Der Fantasy-Experte hatte in einer Drehpause von „Marvel’s The Avengers“ seine Lieblingsschauspieler – darunter Nathan Fillion aus „Castle“ oder Amy Acker aus „Dollhouse“ – in sein Haus eingeladen, um sie dort Shakespeare-Verse aufsagen zu lassen. Der sparsam inszenierte Schwarz-Weiß-Film gefällt als konzentriertes Kammerspiel. Nebenbei führt Whedon noch vor, dass der Krieg der Geschlechter keine Erfindung Hollywoods ist, sondern dass Shakespeares Komödie als Vorbild eines Genres gelten kann, das später Screwball-Comedy genannt wurde.

Experte für Teenie-Komödien

Weil der Geschlechterkampf bereits in der Pubertät beginnt, werden Shakespeares Komödien auch immer wieder gerne in Teeniestoffe verwandelt: „Der ­Widerspenstigen Zähmung“ war 1999 die Vorlage der Komödie „Zehn Dinge, die ich an dir hasse“, in der Heath Ledger und Joseph ­Gordon-Levitt ihre ersten großen Rollen spielen. „Ran an die Braut“ (2001) macht aus „Ein Sommernachtstraum“ mit Kirsten Dunst in der Hauptrolle ein Highschool-Musical. Und „She’s The Man – Voll mein Typ“ (2006) mit Amanda Bynes basiert auf „Was ihr wollt“.

Neben „Romeo und Julia“ ist es aber vor allem „Hamlet“, der die Popkultur immer wieder beschäftigt. Dieser verwandelt sich mal in „Disneys Lustigen Taschenbüchern“ in Donald Duck, mal in den „Calvin & Hobbes“-Comics in einen grünen Brei, der den „Sein oder nicht sein“-Monolog aufsagend verhindern will, von Calvin aufgegessen zu werden. Hamlet irrt durch „Die Simp­sons“, „South Park“ und sogar „Star Wars“. Und im Videospiel „Mass Effect“ wird „Hamlet“ von Aliens aufgeführt, die so langsam sprechen, dass das Stück mindestens 14 Stunden dauert.

Das klingonische Original

Und dann gibt es ja noch diese legendäre Szene aus dem Film „Star Trek VI: Das unentdeckte Land“: Beim Umtrunk im Raumschiff Enterprise spricht Klingonen-Kanzler Gorkon den Toast: „ Auf das unentdeckte Land – die Zukunft.“ Natürlich erkennt Spock das Zitat. „‚Hamlet‘, Akt 3, erste Szene“, sagt er – und der Klingone erwidert spöttisch: „Sie werden Shakespeare erst dann richtig verstehen, wenn Sie ihn einmal im klingonischen Original gelesen haben!“

„Macbeth“ ist in Stuttgart im Kino Atelier am Bollwerk zu sehen.

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