Wann muss ich mit Husten zum Arzt? Diese Frage stellen sich im Herbst viele. Foto: dpa/Christin Klose

Eine Infektion mit Corona hat vielen vor Augen geführt, wie wichtig eine funktionierende Lunge ist. Nun ist wieder Hustenzeit. Michael Kreuter weiß, wann Geplagte zum Arzt sollten – und warum Rauchen wieder mehr zum Thema wird.

Mehr als 30 000 Menschen sterben jährlich in Deutschland an einer Raucherlunge. Obwohl die Risiken des Glimmstängels lange bekannt sind. Das Thema hat aus anderen Gründen mittlerweile wieder an Wichtigkeit gewonnen, sagt Michael Kreuter, der seit Anfang Juli die neu eröffnete Klinik für Pneumologie in Ludwigsburg leitet. Warum sich Raucher nicht schämen müssen, wenn sie mehrere Anläufe brauchen um aufzuhören und was man sonst für eine gesunde Lunge tun kann, erzählt er im Interview.

 

Herr Kreuter, durch Corona hat Ihre Disziplin viel an Aufmerksamkeit gewonnen. Hätte das nicht schon früher der Fall sein müssen?

Ja, da kann ich eigentlich nur beipflichten.

Warum?

Es lohnt sich vielleicht ein kurzer Blick in die Historie. Durch Robert Koch und seine Entdeckung des Tuberkulosebakteriums – Tuberkulose ist ja vorwiegend eine Lungenerkrankung – war die deutsche Pneumologie weltweit absolut führend. Das hat aber auch dazu geführt, dass sie sich etwas abseits der anderen medizinischen Bereiche aufgestellt hat, weil die Patienten alle in Lungenfachkliniken versorgt wurden – meist außerhalb der Städte. Daher rührt das Problem, dass die Pneumologie über viele Jahre weder im Fokus der Patienten noch vieler Mediziner stand.

Dabei ist die Sterblichkeit aufgrund von Lungenkrankheiten weltweit hoch.

Leider, sogar mit steigender Tendenz. Und das Spektrum, das wir an Volkskrankheiten behandeln, ist riesengroß: Lungenentzündungen, Asthma, COPD (Anm. d. Red.: Chronic Obstructive Pulmonary Disease; deutsch: Raucherlunge) oder Lungenkarzinome. Es gibt eigentlich niemanden in Deutschland, der nicht irgendwann mal irgendwas mit der Lunge hat.

Was sind die häufigsten Ursachen für Lungenkrankheiten?

Rauchen spielt eine wesentliche Rolle. Aber es gibt noch ganz viele andere Dinge.

Zum Beispiel?

Sogenannte Systemerkrankungen wie Rheuma schlagen gerne auf die Lunge, Expositionen am Arbeitsplatz – Stichwort Asbest – oder Hobbys wie die Taubenzucht können auch Auslöser sein. Ein Mangel an Immunstoffen kann beispielsweise eine Lungenentzündung verursachen. Dann gibt es genetische Veranlagungen jeglicher Art und natürlich Allergien – man denke vor allem an Asthma. Das Spektrum ist also riesengroß.

Nochmals zurück zum Rauchen: Es ist vermutlich besser heute als morgen damit aufzuhören.

Um es positiv auszudrücken: Rauchen ist einer der Faktoren, die wir beeinflussen können. Wenn wir es schaffen, dass Leute erst gar nicht anfangen zu rauchen – oder schnell wieder aufhören, können wir viele Lungenerkrankungen verhindern.

Dabei hat sich in den vergangen Jahren und Jahrzehnten aber auch viel getan.

Eindeutig Jein. Also es hat sich viel positives getan: Im Vergleich zu anderen Ländern sind wir bei der Raucherquote deutlich besser geworden. In Spanien liegt die beispielsweise bei 50 Prozent, in Deutschland – je nach Altersgruppe – zwischen 15 und 30 Prozent. Und es fangen deutlich weniger Jugendliche überhaupt damit an.

Aber?

E-Zigaretten, Shishas, Vaporisatoren: All das wird deutlich mehr genutzt – und das erfüllt uns Mediziner mit großer Sorge. Einerseits ist das der Einstieg zur ‚richtigen’ Zigarette und andererseits gibt es Hinweise darauf – beispielsweise durch Laborversuche –, dass auch diese Dinge höchstwahrscheinlich schwerste Lungenschäden hervorrufen können.

Gibt es dazu schon Daten?

Wenige. Mit E-Zigaretten oder Shishas ist es vermutlich wie mit normalen Zigaretten: Wenn Sie heute rauchen, merken Sie die Schäden nicht gleich morgen. Deshalb werden wir die Langzeitfolgen erst in zehn oder 20 Jahren sehen. Und was beim Shisharauchen noch hinzukommt: Weil sie häufig von mehren Personen gleichzeitig genutzt werden, können dadurch Infektionskrankheiten übertragen werden.

Hat die Pandemie dazu geführt, dass wieder mehr geraucht wird?

Ja, viele waren daheim, viele haben aus Langeweile wieder angefangen. Rauchen ist heute präsenter als vor fünf oder vor zehn Jahren – leider.

Wie lange muss ich Nichtraucher sein, damit sich mein Körper wieder erholt?

Je früher Sie aufhören, desto besser. Wenn man zwischen 15 und 20 angefangen hat und mit Mitte 30 wieder aufhört, dann ist die Wahrscheinlichkeit von Folgeschäden gering. Die Lunge hat ein gewisses Regenerationspotenzial.

Husten hat jeder mal, auch ein Nichtraucher. Trotzdem muss ich nicht gleich zum Arzt rennen. Wann ist es denn ratsam?

Ein typischer Husten nach einem Infekt ist nicht dramatisch. Wenn ein Husten länger als einen Monat bleibt, dann ist es ratsam, sich ärztlichen Rat zu holen. Wer Blut hustet, der sollte eigentlich sofort zum Arzt. Und immer dann, wenn Luftnot aufkommt.

Schmerzen in der Brust bedeuten nicht automatisch ein Problem mit der Lunge?

Ich würde es andersherum formulieren. Die meisten denken bei Schmerzen in der Brust zuerst an einen Herzinfarkt. Das ist zwar auch tatsächlich die häufigste Ursache, aber Schmerzen in der Brust hat man auch bei Asthma, bei einer Raucherlunge oder bei einem Pneumothorax, einem Einreißen der Lunge. Das kommt übrigens auch häufiger bei Cannabiskonsumenten vor.

Apropos Cannabis: Viele Konsumenten sind der Meinung, dass es weniger schädlich ist, wenn sie die Blüten oder das Harz nicht mit Tabak strecken. Stimmt das?

Allgemein lässt sich dazu sagen: Junge Leute rauchen zwar weniger stark, dafür mehr Cannabis. Und das ist mindestens genauso schädlich. Es reichen zwei, drei Joints am Tag – teils sogar wenige in der Woche, um massive Lungenschäden hervorzurufen. Ich habe Lungen gesehen, die waren sehr viel stärker beeinträchtigt als bei jemandem, der über 40 Jahre Zigaretten geraucht hat.

Wie gewöhnt man sich das Rauchen am besten ab?

Mindestens neun von zehn Rauchern brauchen Unterstützung bei der Entwöhnung. Es muss nicht nur ‚Klick’ machen, das ist ein Mythos. Mit dem Rauchen aufzuhören, das ist wirkliche etwas langwieriges. Wenn man irgendwann wieder zur Zigarette greift, darf man sich nicht frustrieren lassen. Oft braucht es mehrere Anläufe. Und da gibt es gute Angebote: von Praxen, von Rehazentren, auch online. Aber man kann das gut schaffen, mit Hilfe oft leichter.

Was kann man denn fernab vom Nicht-Rauchen tun, damit die Lunge gesund bleibt?

Ich bin großer Fan von körperlicher Aktivität, egal ob man eine geschädigte Lunge hat oder nicht. Genauso wie Singen und Blasinstrumentespielen. Und das zweite ist, wenn eine Indikation besteht, können in vielen Fällen Impfungen helfen.

Lungenarzt mit Leidenschaft für die Musik

Person
 Michael Kreuter leitet seit dem 1. Juli die neue Klinik für Pneumologie am Klinikum Ludwigsburg, die es seit dem Frühjahr gibt. Zuvor war der 50-Jährige leitender Oberarzt an der größten Lungenfachklinik Europas, der Thoraxklinik am Universitätsklinikum in Heidelberg. Studiert hat er in Marburg. Im Besonderen beschäftigt sich der gebürtige Koblenzer mit seltenen Lungenkrankheiten. Kreuter ist verheiratet, seine Leidenschaft gehört der Musik.

Benefizkonzert
 Im Herbst haben es Menschen mit chronischen Lungenerkrankungen häufig besonders schwer. Beim Benefizkonzert „BlechArt meets Lunge Ludwigsburg“ in der Friedenskirche Ludwigsburg am 23. Oktober um 17 Uhr soll darauf aufmerksam gemacht werden. Michael Kreuter spielt gemeinsam mit seinen Kollegen vom Blechbläser-Ensemble. Der Eintritt ist frei, Spenden, die chronisch Erkrankten zugutekommen, sind willkommen.