Bald herrscht in Balingen wieder freie Fahrt für alle. Foto: dpa/Bernd Weißbrod

In Balingen werden die Stickstoffdioxid-Grenzwerte seit Jahren eingehalten. Jetzt erwägt das Regierungspräsidium die Aufhebung des Luftreinhalteplans. Dürfen bald wieder Stinker in die Stadt?

Balingen - Viele haben sie von Anfang an für einen Witz gehalten. Jetzt könnte die Balinger Umweltzone als erste im Land wieder aufgehoben werden. „Wir führen entsprechende Gespräche“, sagte der Sprecher des Regierungspräsidiums (RP) in Tübingen, Dirk Abel. Gegenwärtig ist die 35 000-Einwohner-Stadt mitsamt ihren zwölf Stadtteilen für alle Fahrzeuge ohne grüne Plakette gesperrt. Zudem gilt auf der Ortsdurchfahrt des Stadtteils Endingen Tempo 30, obwohl es sich um eine Bundesstraße handelt.

 

Der Grund für die Überlegungen seien die „anhaltend niedrigen Werte“, die bei den Schadstoffmessungen des Landesamts für Umwelt (LUBW) ermittelt worden seien, sagte Abel. Nun müsse geprüft werden, ob die Umweltzone deshalb verzichtbar ist oder ob nur deren Vorgaben für die bessere Luft verantwortlich sind. „Wir würden die Aufhebung begrüßen“, sagte der Stadtsprecher Jürgen Luppold. „Wir wollen aber nicht, dass die Werte wieder nach oben schnellen.“

Als die Umweltzone kommt, ist das Problem schon gelöst

Im Jahr 2013 hatte eine vorübergehende Messung der LUBW die Verantwortlichen aufgeschreckt. Damals war an der B 27 in Endingen ein überraschend hoher Jahresmittelwert beim Stickstoffdioxid (NO2) von 45 Mikrogram pro Kubikmeter Luft ermittelt worden. Der Grenzwert liegt bei 40 Mikrogramm. Daraufhin machten sich das RP und die Stadt daran, einen Luftreinhalteplan aufzustellen. Im April 2017 trat die Umweltzone in Kraft. Möglicherweise hatte sich zu diesem Zeitpunkt das Problem aber bereits in Luft aufgelöst. Noch im selben Jahr sank der Mittelwert auf 35 Mikrogramm NO2, 2018 waren es nur noch 31, im laufenden Jahr rechnen die Experten gar mit 30 Mikrogramm. Von 2014 bis 2016 war mangels Auftrag nicht gemessen worden.

Auf das RP kommt nun einige Arbeit zu. Wie der Erlass sei auch die Aufhebung einer Umweltzone ein bürokratischer Akt, der sauber abgewickelt werden müsse, sagte Abel. Bis jetzt ist der Balinger Fall ohne Vorbild. Es seien keine weiteren Umweltzonen bekannt, die infrage gestellt würden, sagte ein Sprecher des Stuttgarter Verkehrsministeriums. Dabei liegen mittlerweile auch in Orten wie Mühlacker oder Schramberg die NO2-Werte zum Teil deutlich unter dem Grenzwert. Beim Balinger Einzelhandel wird das mögliche Ende der Umweltzone begrüßt. „Wir haben gebührenfreies Parken, da sind wir stolz darauf“, sagte Bernd Flohr vom Stadtmarketingverein. Die Aufhebung könnte in diesem Zusammenhang eine weitere kundenfreundliche Maßnahme sein und die Innenstadt stärken. Vor allem die Tempo-30-Zone in Endingen sei ein Ärgernis und produziere Staus.

Die Zahl der Stinker steigt

Bei der Stadtverwaltung gibt man sich vorsichtiger. „Die Experten raten uns, zumindest diese Tempobeschränkung zu behalten“, sagte Luppold. Ohne Umweltzone müsste sie aber rechtlich neu begründet werden. Die Freigabe der Stadt für Autos ohne grüne Plakette hält man im Rathaus hingegen für unproblematisch. Vermutlich habe der Flottenwechsel zu saubereren Autos längst stattgefunden.

Die Zahlen des Landratsamtes sprechen jedoch eine andere Sprache. So sind im Zollernalbkreis gegenwärtig 56 618 Fahrzeuge der Schadstoffklassen Euro 3 und schlechter zugelassen. Das sind sogar 1500 Stinker mehr als vor der Einführung der Umweltzone.