Klaus Herrmann nach der Wahl in der Gaststätte „Zum Urigen“. Foto: factum/Weise

Was sagt eine Location über den Feiernden? Einiges, meinen wir – und haben die Räumlichkeiten von Gewinnern und Verlierern der Landtagswahl in einem ganz subjektiven Text gewürdigt. Unser Motto: passt schon.

Ludwigsburg – Bauernstube, urbane Location, naturnahes Vereinsheim oder das Nichts – ein Raum sagt manchmal mehr über die Kandidaten und ihre Parteien als Tausend Wahlprogramme. Da schmeißt es den alten Hasen Klaus Herrmann (CDU) nach 20 Jahren aus dem Landtag. Das Direktmandat nimmt ihm Jürgen Walter (Grüne) ab – nach Jahren, in denen es immer anders gewesen ist. Wie kommt so was? Was ist passiert? Es liegt mit Sicherheit am Landestrend, keine Frage. Aber da das Leben nicht im luftleeren Raum stattfindet, ist es aufschlussreich, genauer zu schauen, wo sich die Tragödien und Lustspiele am Sonntagabend abgespielt haben. Getreu dem Motto: Zeig mir dein Wohnzimmer und ich sag dir, wer du bist. Bauernstube „Zum Urigen“ oder MIK-Café „Zichorie“ – zwischen diesen Extremen spielt die Handlung in Ludwigsburg. Die Stadt ist schließlich die Stadt der Filmakademie. Hier lernen Regisseure, wie sich Helden inszenieren.

Blicken wir also in die bürgerliche Beiz „Zum Urigen“, wo Klaus Herrmann feiern wollte. Aber wollte er das überhaupt? Oder wusste er schon im Vorfeld, dass es düster wie die Räumlichkeiten mit ihrem Bauernstuben-Holzvertäfelungscharme werden würde an diesem Wahlabend? Hat er vielleicht schon mit Bedacht die neutrale freudlose Formel gewählt: „Ich werde ab 20.30 Uhr im Zum Urigen sein?“ Kein Wort von Feiern. Schummrig war es dort. Der Vergleich mit einer Gruft liegt in der Luft. Wird hier an der Durchfahrtsstraße nach Stuttgart gar die Volkspartei CDU zu Grabe getragen? Die Helfer jedenfalls sprechen kein Wort, während sie auf Herrmann warten. Sieht so die Zukunft aus? Düster und dunkel?

Anders ist die Atmosphäre im Museum Ludwigsburg und im Café Zichorie. Beide Räume haben strahlend weiße Wände, und doch schimmert die Vergangenheit des Gebäudes durch. Das Haus ist die Entsprechung zum grünen Werbefilm, in dem ein handwerkender Winfried Kretschmann seiner Werkstatt entsteigt, um in Businessanzug in seinem Elektro-Daimler davonzubrausen. Hell ist es hier und voll. Wenn Räume Bände sprechen, dann sieht so die Zukunft aus. Zwar stellt um 18.10 Uhr erst mal der Fernsehbildschirm mit den Hochrechnungen des SWR seinen Betrieb ein.

Aber im Foyer läuft ja noch das ZDF-Programm. Jürgen Walter gibt sich da schon mal flexibel. Wer weiß denn schon, welche Flexibilität die Koalitionsverhandlungen ihm noch abverlangen werden.

Grüne feiern zwischen Vergangenheit und Zukunft

Auf halber Wegstrecke zwischen MIK und „Zum Urigen“ feiert die liberale Stefanie Knecht im „Scala“. Für sie hat es zwar persönlich nicht gereicht, aber ihre Partei, die FDP, gehört zu den Gewinnern des Abends. Sie feiert hinter der verglasten Fassade des Theaters. Alles strahlt – so wie die Kandidatin selbst. Das Licht dringt nach draußen. Das von dem CDU-Spitzenkandidaten Wolf vielverordnete „Blinken Sie, blinken Sie“ nimmt hier andere, ein wenig subtilere Formen an. Die FDP gibt Signal: Sie können mit uns rechnen. Merke: die Location ist mit Bedacht gewählt.

Irgendwo ist Konrad Epple also doch

Und wie platzieren sich die anderen im Raum und vor allem wo? Ein weiterer Gewinner, der grüne Markus Rösler nämlich, lädt ins Unterriexinger Vereinsheim – mit Blick in die Natur – und schenkt Streuobstwiesen-Apfelsaft aus. Bodenständig. Das nennt man: identisch mit sich selbst sein. Passt schon. Dass Rösler zudem auf Tabellen seine ganz persönliche Wahlberechnung anstellt, passt ebenfalls ins Rösler-Bild.

Fabian Gramling, der Youngster und Stolz der CDU-Granden, feiert in einem Konferenzraum eines Parteikollegen. Schlicht und neutral sind die Räume. So wie der Raum bleibt der Abend lange im Ungefähren. Bis die für die gebeutelten Christdemokraten erlösende Nachricht kommt und Gramling seine Politkarriere doch noch beginnen kann.

Konrad Epple, der Christdemokrat aus Ditzingen, verkündet schon im Vorfeld, er werde nirgends sein. Da das unmöglich ist, macht er ein Angebot: Wer ihn am Wahlabend sprechen will, könne ihn um 19 Uhr vor dem Rathaus treffen, auch für ein Foto. Ahnt auch er, dass es knapp werden wird? Erst im allerletzten Moment schafft er es mit einem Zweitmandat. Zu diesem Zeitpunkt geht es schon lustig zu bei ihm. Während des Telefonats sind im Hintergrund ausgelassene Stimmen zu hören. Irgendwo ist er also doch. Gott sei Dank.

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