Der Ludwigsburger Gastronom Christoph Rieger trennt sich von seinem urigen Lokal „Allgäu“. Der Abschied fällt ihm nicht leicht.
Ganz hört Christoph Rieger nicht auf – aber er nimmt Abschied von seinem Kultlokal „Allgäu“ gegenüber vom Residenzschloss in Ludwigsburg. Der 58-Jährige konzentriert sich vom 1. Juni an auf seine Gastronomie im Hohenecker Heilbad. „Da zählte ich zu den Jüngsten“, sagt der knitze Wirt mit einem Augenzwinkern. Auch wenn er sich noch drahtig fühle, spüre er, es sei Zeit kürzer zu treten.
Fachkräftemangel und hohes Pensum zehren am Wirt
Das leidige Thema Fachkräftemangel hat auch das „Allgäu“ eingeholt. Zwei seiner Mitarbeiterinnen hielten ihm schon seit 25 Jahren die Stange und stünden im Alter von um die 65 Jahren vor dem Ende ihrer Berufstätigkeit. Zwei Lokale gleichzeitig zu führen, habe sich in den vergangenen Jahren als immer anstrengender erwiesen. Eine Sechs-Tage-Woche mit einem Pensum von jeweils zwölf Stunden zehre auch an ihm.
Wirt und Koch – diese Rollen hat Christoph Rieger seit einem Vierteljahrhundert in der Barockstadt gleichermaßen lebendig und kreativ ausgefüllt. Auf sein Stammpublikum könne er nach wie vor zählen, erklärt der Allgäu-Wirt, der seine Gäste stets begrüßt, bevor er in sein eigentliches Reich, der Küche entschwindet. Wenn er Schnitzel oder Rostbraten klopfe, die Feuerflamme im verbrennenden Fett auflodere oder der Duft des aus dem Allgäu angelieferten Käses den Gastraum erfüllt, dann fühlt sich Rieger ganz in seinem Element.
Schnuppern in andere Berufe – am Ende tiefe Freude als Gastronom
Auf die Idee, das Lokal aufzumachen, kam Christoph Rieger nach seiner Ausbildung im Landgasthof Hirsch in Stetten im Remstal. „Da war ich schon 25, mein Vorgesetzter 17 – ich lernte Demut.“ Sich vorher als Steinmetz zu versuchen, im Kinderheim Zivildienst zu leisten und ein Studium im Bibliothekswesen in Stuttgart zu beginnen, sieht Rieger im Nachhinein nicht als Umwege, sondern als Wege, die ihm halfen, am endgültigen Beruf tiefe Freude zu empfinden.
Der Anfangsfunken im ehemaligen Szenelokal „S 35“, das viele wegen der Lage an der Bundesstraße am Blühenden Barock nur „Stau“ nannten, habe er erhalten, sagt der Wirt. Natürlich habe er die Kneipe mit seiner gut bürgerlichen Küche in die Mitte der Gesellschaft gerückt, doch sei es ihm immer wichtig gewesen, es mit Lesungen oder anderen Kulturveranstaltungen, wie dem Mordsdinner, lebendig zu halten. „Die Gaststätte ist für mich immer auch eine Bühne gewesen.“ Er werde auch weiterhin mit der Gruppe Q-Rage Veranstaltungen bestreiten, in einem anderen Rahmen.
Kostümiert im Ludwigsburger Residenzschloss unterwegs
Auch sonst hat sich der gebürtige Ulmer in der Kulturstadt Ludwigsburg einen Namen gemacht. Mit seiner Erlebnisgastronomie hat Rieger die Kultureinrichtungen kulinarisch befruchtet, sodass sie sinnenhaft erlebbar waren. Mehr als 2000 Veranstaltungen und private Feiern stemmte Rieger mit seinem Team. So etwa im Barockschloss, wo er 13 Jahre lang kostümiert Führungen mit Speis und Trank begleitete. „Dann kam Corona, und das Programm wurde auch später nicht mehr in der alten Form wiederbelebt.“
Nicht nur im eigenen Saft schmorte Christoph Rieger, als es darum ging, im Kino Caligari rund 200 Film-Matinéen passend mit einem Drei-Gänge-Menü zu begleiten. Experimentierfreudig ließ er sich immer wieder etwas Landestypisches einfallen, um im Foyer etwa 50 Gäste auf zwei schnell aufgestellten Bankreihen zu überraschen. Nur einmal, da merkte er, dass er an seine Grenzen stieß. „Es waren japanische Gäste dabei – ihre Komplimente waren so auffallend wohlwollend, dass es mir echt weh tat.“
Die Küche Umbriens zieht Rieger besonders an
Bewandert ist der Ludwigsburger in der Küche Umbriens. „Dort gibt es fantastische Trüffel“, sagt der Italienliebhaber, der dort oft mit seiner Frau den Urlaub verbringt und unter anderem die gehaltvollen Trasimeno-Linsen zu schätzen weiß.
Die Literatur wird für Christoph Rieger weiter eine große Rolle spielen. „Ich lese täglich eineinhalb bis zwei Stunden“, sagt das Mitglied der Deutschen Schillergesellschaft. Ohne Kochen werde es aber auch in Zukunft nicht gehen. „Ich könnte mir vorstellen, noch mit 80 in der Küche zu stehen.“