Wenn am Ende der Drehbuchvorstellung ein Förderpreis verliehen wird, hat sich die Reise für die Filmstudenten doppelt gelohnt Foto: Joseph Akwasi

Stunden voller Herzklopfen haben Ludwigsburger Filmstudenten bei der Berlinale verbracht. Für zwei Teams hat sich das Pitchen, das Speed-Dating in der Branche, besonders gelohnt.

Ludwigsburg/Berlin - Was ins Auge sticht: Die lila Akkreditierungsbändchen, die man hier um den Hals trägt. Ein Krokuslila wie beim Evangelischen Kirchentag. Eine muntere, blonde Frau läuft zwischen den Ankömmlingen mit einer Klangschale in den Kinosaal. Trotzdem – an diesem Dienstag findet keine spirituelle Veranstaltung statt. Mitten im Diplomatenviertel Berlins, in der Landesvertretung Nordrhein-Westfalen gibt es einen Empfang. Studenten aller staatlichen Filmhochschulen Deutschlands treffen auf Gäste aus der Filmbranche.

Die Frau mit der Klangschale ist Stefanie Gödicke, Produktionsstudentin an der Filmakademie in Ludwigsburg, ganz in schwarz, die langen Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden. Sie gehört zu dem Organisationsteam aus Studenten.

Pitchen ist eine Art Speed Dating

An Stehtischen und in Sitzecken sitzen die jungen Filmemacher. Auf den ersten Blick ein normaler Branchentreff. Doch dieser Dienstag bedeutet für viele junge Filmstudenten eine Chance. Eine Chance, wahrgenommen zu werden, bemerkt zu werden auf dem vielfältigen, teilweise auch unüberschaubaren Filmmarkt. 54 Projekte wurden ausgewählt, Fachleuten vorzustellen. Vorstellen bedeutet hier, seinen Film, sein Drehbuch vor 200 im Kinosaal versammelten Menschen zu pitchen. Pitchen ist eine Art Speed Dating, nur eben auf beruflicher Ebene und auf einer Bühne. Nach vier Minuten ein Gong. Der nächste bitte. Für den Gong ist Stefanie Gödicke zuständig. Und dafür hat sie die Klangschale.

Tillman Isken, Drehbuchautor an der Ludwigsburger Filmakademie ist der erste an jenem Morgen. Seine Idee möchte er vorerst nur in Filmkreisen besprechen – zu jung, zu frisch sei die Idee, sagt er. Aufregung sieht man dem 24-jährigen kaum an. Am Ende von Iskens vierminütiger Drehbuchvorstellung kommt zum ersten Mal die Klangschale zum Einsatz. Entgegen jeder Erwartung ist Isken froh, der Erste an jenem Morgen zu sein: „Wenn du erst den ganzen Tag den anderen zuhören musst, steigt wahrscheinlich die Aufregung.“

Förderpreise werden am Abend vergeben

Gepitcht wird den ganzen Tag, von kurzen Pausen unterbrochen. Drei Förderpreise im Wert von 3000 Euro werden am Abend vergeben, dieses Jahr gestiftet von UFA Fiction, sowie der Fox New Talent Award von Twenty Century Fox Deutschland im Wert von 5000 Euro. Unter den Jurymitgliedern ist auch Joachim Kosack, Geschäftsführer der UFA Fiction und Professor an der Filmakademie in Ludwigsburg. Er trinkt Kaffee, lehnt gelassen auf dem Holzstuhl. Ein Pitch ist für Kosack gelungen, wenn die Geschichte und der, der sie dann erzählt, verschmelzen. „Wenn man das Gefühl hat, jemand würde sich ein Bein abhacken lassen, nur damit dieser Film entsteht“, sagt Kosack: Für das Filmemachen braucht es Leidenschaft.

Auch die jungen Filmemacher nutzen die Pausen für Gespräche. Über Projekte. Über Geld. Über zukünftige Zusammenarbeit. Die Ludwigsburger Regiestudentin Luzie Loose, die mit zwei Projekten vertreten ist, sucht für ihr Diplomprojekt „Schwimmen“ nach finanzieller Unterstützung und Kooperationen. Loose – schlank, blass, roter Lippenstift, dunkle Haare – erzählt in ihrem Film von einer Mädchenfreundschaft in Zeiten der medialen Selbstdarstellung. Die Zeiten des Heranwachsens ist für sie ein spannendes Thema. „Ich will ein authentisches Bild der Jugendlichen zeichnen.“ Ihr ruhiger, authentischer Pitch ist erfolgreich. Am Stand der Akademie wird öfter nach Loose gefragt. Ein kleiner Erfolg.

Spannung vor der Jury-Entscheidung

Schließlich ist es 16.30 Uhr, die Pitches sind vorbei. Die Jury zieht sich zurück. Spannung unter den Studierenden: Wer wird ein Preisgeld abgreifen? Zwei Stunden dauert es bis zur Antwort. Es gibt für die Filmakademie zwei Überraschungen. Die Jury zeichnet „Elja“ aus, ebenfalls ein Filmakademie-Stoff. Ein Flüchtlingdrama, erzählt 376 nach Christus, als die Hunnen die Goten vertrieben und diese Schutz bei den Römern suchten. „Weltgeschichte ist Migrationsgeschichte. Dies ist unserer Beitrag zur aktuellen politischen Debatte“, so das Team, bestehend aus Janosch Kosack, Willi Kubica, Julia Deumling und Theresa Bacza. Dies beeindruckte die Jury.

Frank Kayan, Marc Vogel, Christian Günzler und Amadeus Erlemann bekommen für ihre Filmidee „Kanackidei“ den Fox New Talent Award. Worte finden sie danach keine. Sprachlosigkeit. Nur ein überraschtes „Danke“, als ihnen der überdimensionale Scheck für die Filmentwicklungsförderung überreicht wird. Am Ende wird, bei Wein und Kölsch, in den Abend hinein gefeiert und die Klangschale eingepackt.

Bis zum nächsten Jahr. Wenn die Filmstudenten zum zehnten Mal antreten.

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