Ludovic Magnin ist seit Februar 2018 Trainer des Schweizer Erstligisten FC Zürich. Foto: dpa

Der ehemalige VfB-Spieler Ludovic Magnin spricht im Interview über den neuen Stuttgarter Sportvorstand Thomas Hitzlsperger, die kritische Lage bei seinem Ex-Club und seinen Mentor Lucien Favre.

Stuttgart - Ludovic Magnin ist als Trainer noch immer so, wie man ihn aus seiner Zeit als Spieler beim VfB Stuttgart kennt: lustig, lässig, lebensfroh. Das zeigt sich auch im Interview mit dem Coach des FC Zürich vor dem Duell des VfB bei seinem anderen Ex-Club Werder Bremen an diesem Freitag (20.30 Uhr).

Herr Magnin, der Bremer Claudio Pizarro ist ein Jahr älter als Sie und schießt noch Tore in der Bundesliga – haben Sie Ihre Karriere zu früh beendet?

Nein. Das muss jeder für sich selbst wissen. Dafür wird Claudio Pizarro nie Trainer einer Profimannschaft mit 39 sein (lacht). Man muss spüren, wenn der Moment gekommen ist. Claudios Fähigkeiten waren immer deutlich höher als meine, deshalb kann er so lange mithalten.

Lassen Sie uns über ihre beiden deutschen Ex-Clubs sprechen. Sie waren einst drei Jahre bei Werder Bremen und dann dreieinhalb Jahre beim VfB Stuttgart, für wen schlägt Ihr Herz im direkten Duell an diesem Freitag mehr?

Das ist eine schwierige Frage. Mit Thomas Hitzlsperger, Mario Gomez und Christian Gentner kenne ich zumindest beim VfB noch zwei, drei Leute, aber sonst wird es da langsam auch weniger. Das sind zwei Vereine, die beide in meinem Herzen sind, und ich würde mich nicht für einen entscheiden wollen, weil ich in beiden Vereinen Großartiges erlebt und sensationelle Menschen kennengelernt habe.

Sie wurden mit beiden Clubs deutscher Meister. Zu Ihren Spielerzeiten Anfang des Jahrtausends zählten sie noch zu den besten in der Bundesliga, spielten stets oben mit. Warum ist das heute nicht mehr so?

Ich denke, das hat unterschiedliche Gründe. Man kann nicht die gleichen Fehler ausmachen. Man hat gemerkt, dass Werder Bremen nach der Ära von Trainer Thomas Schaaf Zeit gebraucht hat, um sich zu finden.

Wo sehen Sie beim VfB die Probleme, dass er erneut gegen den Abstieg kämpft?

Von weitem ist das schwierig zu beurteilen. Seit ich als Trainer tätig bin, habe ich gelernt, dass es ärgerlich ist, wenn Leute aus der Ferne ihre Meinung zu Problemen abgeben, die nicht die interne Wahrheit kennen. Von außen ist zu sehen, dass viel Geld in junge Spieler investiert wurde. Wenn du das machst, musst du bereit sein, dir die eine oder andere Saison Zeit zu geben, um etwas aufzubauen. Das Problem in der Bundesliga ist, wenn du dann in Abstiegsgefahr kommst und tatsächlich absteigst. Du musst ein gutes Maß finden, etwas aufzubauen und trotzdem Erfahrung in der Mannschaft zu haben, um die Klasse zu halten.

Was sind Ihre besten Erinnerungen an die Zeit in Stuttgart?

Wir haben in den dreieinhalb Jahren zweimal Champions League gespielt, waren Deutscher Meister, haben das Pokalfinale leider verloren. Die beste Zeit war sicherlich die Meistersaison. Der Titel hat für mich auch einen höheren Stellenwert als der in Bremen, weil ich dort wenig gespielt habe und in Stuttgart im besten Fußballalter und fester Bestandteil der Mannschaft war. Der beste Moment war sicher der Autocorso in Richtung Schlossplatz, das wird mich ein Leben lang begleiten. Das Schöne ist: Jedes Mal, wenn ich nach Stuttgart zurückkomme, spüre ich die extreme Dankbarkeit der Menschen für die Emotionen und Glücksmomente, die wir damals der ganzen Stadt beschert haben.

Uns ist auch in Erinnerung geblieben, dass Sie mal den Sportwagen des damaligen VfB-Torwarts Raphael Schäfer bei Autoscout im Internet unter seiner Handynummer angeboten haben.

Aber wissen Sie was das Problem ist?

Nein, was denn?

Es ist bis heute nicht bewiesen, dass ich das war (lacht). Ich glaube, der neue Sportvorstand und ein aktueller Stürmer hatten auch etwas damit zu tun. Wir waren mehrere in der Geschichte. Das war nicht nur meine Schuld. Die ganze Schuldaufteilung ist noch nicht bewiesen. Aber ich war involviert, sagen wir so.

Sie haben einst den jüngeren Mitspielern wie Mario Gomez oder Christian Gentner Tipps gegeben, was würden Sie Ihnen und der aktuellen VfB-Mannschaft jetzt raten?

Wenn junge Spieler ankommen, musst du als älterer Spieler helfen, sie besser zu machen. So kannst du Erfolg zusammen haben. Ich habe das früher nicht überlegt gemacht, sondern aus dem Bauch heraus, das steckt in meinen Genen. Mich hatte es genervt, dass mich als junger Spieler die älteren teilweise geplagt haben, deshalb habe ich immer gerne geholfen. Der einzige Rat, den ich jetzt geben kann: dass sie Punkte machen. Das geht nur als Mannschaft. Wenn das Team als Mannschaft nicht hundertprozentig funktioniert, wenn es Neid gibt, weil einer spielt und der andere nicht, sind am Ende der Saison alle im Verein Verlierer.

Ihr Kollege Markus Weinzierl muss mittlerweile Wochenende für Wochenende um seinen Job bangen, was macht so eine Drucksituation mit einem Trainer?

Ich kann darüber nicht berichten, weil ich noch nie in der Situation war. Das wird noch kommen, das ist mir bewusst. Mit dem Druck des Abstiegskampfes, mit dem Druck der Fans, mit der Unruhe im Verein, ist es für den Trainer auf jeden Fall extrem wichtig, die Spieler trotzdem an die Leistungsgrenze zu bekommen.

Sie haben sich als Coach sukzessive beim FC Zürich vom Nachwuchs- bis zum Profitrainer hochgearbeitet. Sie sind eigentlich studierter Grundschullehrer und haben Dinge schon immer anders gemacht als andere – war es jemals ein Thema, nach Ihrer Spielerkarriere in diesen Job zu wechseln?

Wissen Sie, der Job hatte sich nach meinen 15 Jahren als Fußballprofi dermaßen geändert. Du bist nicht mehr Lehrer, sondern Erzieher. Darauf habe ich weniger Lust. Ich finde das ziemlich extrem, wie sich der Lehrerjob entwickelt hat in den letzten Jahren. Früher haben die Eltern zu Hause noch die Kinder erzogen und du hast ihnen als Lehrer in der Schule etwas gelehrt. Heutzutage bist du als Lehrer mehr als Ersatzpapa oder Ersatzmama gefordert, davon habe ich zu Hause genug mit vier Kindern (lacht).

Nach Ihrer Spielerzeit wollten Sie es erst einmal etwas ruhiger angehen lassen, das haben Sie gemacht, jetzt sind Sie wieder im Profigeschäft, was hat Ihnen gefehlt?

Der Stress. Dieses Bauchkribbeln vor den Spielen und der Adrenalinschub, den du bekommst, wenn es um etwas geht. Natürlich habe ich auch die Zeit im Nachwuchs genossen, in dem die Ausbildung im Vordergrund steht und bei Niederlagen keine Vorwürfe gekommen sind. Irgendwann merkt man aber, wenn man ein Leben lang ein Wettkämpfer war, dass man diese besonderen Gefühle wieder haben möchte im Profigeschäft, in dem es um alles oder nichts geht. Die Emotionen wie etwa beim Schweizer Pokalsieg vergangenes Jahr will ich mein Leben lang nicht missen. Dafür nehme ich den ganzen Stress gerne an.

Lucien Favre von Borussia Dortmund ist ein Vorbild für Sie als Trainer, Sie stehen in ständigem Austausch mit ihm. Woher kommt die Verbundenheit?

Das ist ein Kindheitsfreund meines Vaters, sie sind zusammen im kleinen Dorf Saint-Barthélemy aufgewachsen. Danach haben wir im Dorf daneben gelebt. Er kennt mich, seit ich 13 bin: Nach dem Ende seiner Spielerkarriere ist er immer wieder als Assistenztrainer zu uns ins Juniorentraining beim FC Echallens gekommen. Das war immer ein Highlight, wenn der große Lucien Favre da war. Seit dieser Zeit hat er an mich als Spieler geglaubt, er hat mir auch meine erste Chance im Profigeschäft gegeben. Seitdem sind wir in Kontakt geblieben. Wir vertrauen uns gegenseitig blind, wir wissen, was wir aneinander haben. Es ist ein Vorteil, so jemanden zu haben, der eigentlich 30 Jahre Vorsprung auf dich hat.

Wie muss man sich die stundenlangen Telefonate mit ihm vorstellen?

Unterschiedlich. Manchmal reden wir über die Familie, unser Dorf oder sonstige Privatsachen. Oft geht es um Fußball. Ich frage ihn mit seiner großen Erfahrung nach gewissen Sachen. Als ich noch selbst in der Bundesliga aktiv war, hat er mich viel über die Gegner gefragt. Jetzt frage ich mehr. Er kann mich immer gut beruhigen, wenn ich beispielsweise zu selbstkritisch bin. Es ist gut, jemanden zu haben, der weiß, wie du spielen willst, und deinen Charakter und deine Mentalität kennt. Wir telefonieren weniger jetzt, weil wir beide viel zu tun haben, aber wir versuchen uns trotzdem ab und an zu sprechen.

Holt Favre mit Borussia Dortmund dieses Jahr die Meisterschaft?

Ich habe schon in der Winterpause auf Bayern München getippt, als Dortmund noch mehr Vorsprung hatte. Der BVB konnte viele Spiele in der Hinrunde in letzter Minute drehen. Und der Druck auf junge Spieler ist auch hoch in so einer Situation. Jetzt sind auch noch Verletzungen dazugekommen. Deswegen glaube ich, dass Bayern einen Vorteil hat. Mit Lucien als Trainer traue ich Dortmund aber natürlich auch zu, die Sensation perfekt zu machen.

Was hat Herr Favre denn dazu gesagt, dass Sie als sein Zögling auf die Bayern getippt haben – das geht ja eigentlich gar nicht!?

Er weiß ganz genau, dass das rein taktisch war – so habe ich den Druck von Dortmund weggenommen (schmunzelt).

Mit Thomas Hitzlsperger wurden Sie 2007 mit dem VfB Meister. Seit vergangener Woche ist er Sportvorstand in Stuttgart. Wie halten Sie von der Entscheidung?

Das ist seit Langem mal wieder eine sehr gute Entscheidung des VfB Stuttgart. Ich kenne Hitze, das ist jemand, den ich sehr schätze. Er war Teil meiner Clique damals in Stuttgart, wir haben uns oft getroffen.

Als was für einen Typ haben Sie ihn kennengelernt?

Das ist jemand, der extrem intelligent ist. Er hat sich schon immer mit anderen Dingen wie Fußball beschäftigt. Wenn wir mit Zeitungen wie „Kicker“, „Bild“ oder dem Sportteil der Stuttgarter Zeitung oder Stuttgarter Nachrichten gekommen sind, kam er mit „Spiegel“ oder Philosophiezeitungen. Wir haben immer darüber gelacht. Aber das zeigt, dass er eine ganz andere Sichtweise auf das Leben hat. Noch dazu kennt er den Fußball, ist menschlich einwandfrei. Er ist zu allem fähig: Er ist fähig, sehr hart zu sein. Er ist fähig, sehr locker zu sein. Er ist fähig zu lachen. Er ist fähig, ernst zu sein. Ich glaube, dass der VfB da einen sehr cleveren Schachzug gemacht hat, ohne zu beurteilen, was davor war. Ich glaube, dass viel auf ihn zukommt und er schwierige Zeiten bewältigen muss. Aber wenn es einer schaffen kann, dann Hitze.

Besteht noch eine Verbindung zu ihm?

Wenn du als Männer so etwas zusammen erlebt hast wie wir damals, dann geht das nicht weg. Dann ist das immer wie gestern, wenn man sich trifft.

Was würden Sie sagen, wenn er in der Zukunft mal anruft und Ihnen den Trainerjob beim VfB anbietet?

Momentan würde ich Nein sagen. Weil ich mich noch nicht bereit für das Ausland fühle und noch nicht mit dem fertig bin, was ich beim FC Zürich vorhabe. Aber in ein paar Jahren würde ich vielleicht Ja sagen.

Sie würden sich so eine Chance wirklich entgehen lassen?

Ja, das Nein zum jetzigen Zeitpunkt ist ehrlich gemeint. Ich traue mir zu, das als Trainer zu machen, soweit bin ich. Aber ich bin noch zu jung für die Bundesliga, die ein viel härteres Geschäft ist – man muss die Sachen Schritt für Schritt angehen.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: