Haben das Konzept mitentwickelt: die Einrichtungsleiterin Skali Zimborski und der Pflegedienstleiter Emanuel Papoutsis, Foto: Lg/Christoph Schmidt

In Plieningen ist nun das erste LSBTIQ*-freundliche Pflegeheim in Stuttgart eröffnet worden. Queere Menschen – ob lesbisch, schwul oder transgender – treffen hier auf queersensible Pflegekräfte. Der Träger will damit auch ein Zeichen setzen.

Für einen Witwer ist es ganz normal, sich im Pflegeheim das Foto der geliebten Ehefrau ans Bett zu stellen. Doch was, wenn der geliebte verstorbene Partner ein Mann war? Dann bleibt das Foto vielleicht aus Sorge vor Diskriminierung im Nachtschränkchen. Im neuen Pflegeheim der Paritätischen Sozialdienste (Pasodi) im Wohnquartier Steckfeld in Plieningen sind solche Ängste unbegründet. Die Einrichtung, die an diesem Montag feierlich eröffnet wurde, ist das erste LSBTIQ*-freundliche Pflegeheim Stuttgarts. „Wir bieten einen diskriminierungsfreien Raum“, verspricht der Pasodi-Geschäftsführer Frank Ulrich. Gerade in der heutigen Zeit, in der homophobe Stimmungen wieder auf dem Vormarsch seien, erachtet er es als „wichtig, ein Zeichen zu setzen.“

 

Ein Regenbogenbanner hängt am Balkon. Sobald die Fahnenmasten stehen, wird stets eine Regenbogenflagge gehisst sein. Hier im neuen Haus wolle man das eigene Einstehen für Vielfalt und Toleranz, das in allen ihrer zehn Pflegeheime gelebt werde, klar sichtbar machen, sagt Ulrich. Der Vorteil: nur queersensible Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die hinter dem Konzept stehen, gehörten im Seniorenzentrum Steckfeld zum Team. So werde den Bewohnern die Sorge vor Diskriminierung genommen.

45 stationäre Plätze und 26 Wohnungen im betreuten Wohnen

Probleme, Personal zu finden, hätten sie keine, erzählt die Einrichtungsleiterin Skali Zimborski, die bei allen Einstellungsgesprächen über die Ausrichtung gesprochen hat. „Das hat niemanden abgeschreckt, im Gegenteil“, sagt Zimborski. Sie hat das Konzept mit Pflegedienstleiter Emanuel Papoutsis und Ulrich entwickelt.

Queerfreundliches Pflegeheim heißt übrigens nicht, dass die sexuelle Orientierung ein Aufnahme- oder Einstellungskriterium wäre. Eine entsprechende Auswahl nehme man nicht vor, sie wollten auch keine Schwerpunkteinrichtung sein, betont Ulrich.

An diesem Dienstag zieht der erste Bewohner ein, sukzessive folgen weitere Belegungen. Hierfür wolle man sich bewusst Zeit nehmen. Insgesamt bietet das Pflegeheim 45 stationäre Plätze, hinzu kommen 26 Wohnungen im betreuten Wohnen und drei Kurzzeitpflegeplätze.

Eine Generation, die sich verstecken musste

Für die Stadt Stuttgart sei das Projekt „eine absolute Bereicherung“, sagt Sozialbürgermeisterin Alexandra Sußmann. Sie ist sich sicher, dass es viele Menschen gibt, für die dieses Angebot „genau das richtige sein wird“. Die Vorständin Sozialpolitik des Paritätischen Wohlfahrtsverbands, Uta-Micaela Dürig, erinnerte bei der Eröffnung zudem daran, dass Homosexuelle, die heute im Seniorenalter sind, einer Generation angehörten, die sich wegen ihrer sexuellen Orientierung ein Leben lang verstecken mussten. „In ihrem letzten Lebensabschnitt können sie jetzt in Würde und frei altern“, sagt Dürig.

Auch das Zentrum Weissenburg begrüßt die Eröffnung: Spezifische Angebote seien noch rar, heißt es dort auf Anfrage. Die Zielgruppe in Stuttgart umfasse mindestens 60 000 Menschen. „Für einen Bruchteil davon gibt es nun einen Ort, an dem sie darauf hoffen können, sich nicht verstecken oder verstellen zu müssen, wenn sie auf die Hilfe und Unterstützung anderer Menschen angewiesen sein werden“, schreibt der Vorstand.