Wow-Wohnen statt Lost Place: Shirin Frangoul-Brückner will den Bunker in der Sickstraße in Stuttgart in ein Mehrfamilienhaus umbauen. Foto: LICHTGUT/Max Kovalenko

Aus Lost Place wird Wow-Wohnen: Die Architektin Shirin Frangoul-Brückner kauft einen Stuttgarter Bunker und baut ihn in ein Mehrfamilienhaus um. In Stuttgart werden Wohnungen dringend benötigt – doch die Baugenehmigung steht seit 18 Monaten aus.

Ob der Bahnhof von Paul Bonatz wirklich schöner wird, wenn er mal fertig umgebaut worden ist, wer weiß. Den Zügen wird es egal sein, ob sie oben oder unten halten. Ziemlich sicher schöner wird ein anderer Bau des Stuttgarter Architekten, der im Stuttgarter Osten in der Sickstraße steht und der nun eine Verwandlung anderer Art mit einer neuen Nutzung erfahren wird.

 

Paul Bonatz hat während des Zweiten Weltkrieges einen Hochbunker als Schutzraum für die Raitelsbergsiedlung entworfen, 15 mal 15 Meter Grundfläche mit Natursteinkleid. 1941 wurde er in Betrieb genommen. Er fungierte später dann auch als Notunterkunft und als Funkzentrale, heute steht er leer. Noch. Jetzt hat sich Shirin Frangoul-Brückner, die Geschäftsführerin des Atelier Brückner als Bauherrin des Bunkers angenommen.

Das Atelier ist auf die Konzeption und Gestaltung von Szenografien spezialisiert, also Architektur, die sich nach den inhaltlich nötigen Themen eines Hauses richtet. Bei der Ausstellungsgestaltung im Besonderen geht es um die Planung dessen, wie ein Museum beispielsweise bespielt wird und wie dessen Inhalte vermittelt werden.

Suche nach einem besonderen Objekt

In Stuttgart hat das Büro auch mit der Umgestaltung – und inszenatorischen Planung – der Stuttgarter Wagenhallen viele Auszeichnungen erhalten. Jüngst wurde der Showroom eines chinesischen Herstellers für Elektroautomobile in der Calwer Passage eröffnet, da hat das Büro die Konzeption der „Pioneer Stores“ in Deutschland – Stuttgart macht den Anfang – gestaltet.

Wiewohl Shirin Frangoul-Brückner mit ihrem Büro Atelier Brückner also in der ganzen Welt vielfältigste Projekte betreut, war die Architektin auf der Suche nach einem „kleineren, besonderen Projekt“, einer neuen Herausforderung. Sie stieß auf jenen Bunker, der im Besitz der Stadt war und gar nicht weit entfernt von der Villa Berg steht, die inzwischen ebenfalls vom Büro Brückner saniert, umgebaut, und erweitert werden soll. Man darf gespannt abwarten, welches Gebäude früher fertig wird.

Shirin Frangoul-Brückner hat den Bunker vor neun Jahren gekauft und will ihn umbauen. Seit eineinhalb Jahren wartet sie auf die Genehmigung des Bauantrages. Foto: Tom Mauerer

Shirin Frangoul-Brückner: „Ich fand die Idee interessant, dem Gebäude eine neue Nutzung und Identität zu geben. Den ehemaligen militärischen Charakter bewahren wir und geben ihm einen zusätzlich zivilen, indem wir zwei Fassaden erhalten und zwei Fassaden einen transparent offenen Ausdruck verleihen.“

Für den Bunker, den sie 2014 gekauft hat, ist der Plan, was genau daraus werden soll, bereits fertig. „Bei so einem Projekt sind die Vorarbeiten besonders intensiv“, sagt die Architektin. „Wir haben gut und vertrauensvoll mit den zuständigen Fachplanern der Ämter zusammengearbeitet und die Pläne immer wieder angepasst.“

Der Bauantrag liegt seit eineinhalb Jahren beim Amt

Das Gebäude könnte schon fast fertig sein, doch immer noch liegt der Bauantrag im Amt. Schon seit eineinhalb Jahren. Shirin Frangoul-Brückner formuliert es diplomatisch: „Ich weiß, es gibt viele Bauanträge, die die Stadt prüfen muss, doch schön wäre schon, wenn unser Baugesuch bald bearbeitet würde.“ Nicht nur, weil Termine in Vorverträgen mit Handwerksfirmen auch nur befristet gelten. Und in der Tat umso schöner wäre das, da in der Stadt Wohnraum knapp ist und der Bunker immerhin einen kleinen Teil dazu beiträgt, dieser Knappheit etwas zu entgegnen.

Was im Bunker entstehen wird, zeigt die Architektin in ihrem lichtdurchfluteten Büro auf einem ehemaligen Fabrikgelände in der Krefelder Straße in Bad Cannstatt am Laptop: Es entstehen auf vier Geschossen acht Wohneinheiten, darunter Mietwohnungen, die sozial gefördert sind. Auch barrierefreie Wohnungen sind darunter, im Erdgeschoss und ersten Stock finden sich dann je zwei Wohnungen, in den oberen Geschossen je eine größere Wohnung.

„Ich hätte gern noch mehr kleine Wohneinheiten eingeplant“, sagt Shirin Frangoul-Brückner, „aber die Bauvorschriften und die zu beachtenden Abstandsflächen zu den angrenzenden Grundstücken haben es nicht zugelassen. Ich muss Parkplätze ausweisen und mehr als acht Plätze lassen sich auf dem Grundstück nicht realisieren.“

So könnte der Bunker in Stuttgart als Wohnhaus aussehen. Foto: Atelier Brückner

Die Pläne sehen interessant aus. Zwei Seiten werden durch große Fensterflächen und vorgelagerte Balkone geöffnet; zudem wird aufgestockt, „dabei nehmen wir die ehemalige Firsthöhe des einstigen Zeltdaches auf.“ Bei den zusätzlichen zwei Geschossen wird die Fassadenanmutung aufgegriffen. Allerdings nicht an den selben Seiten. In der neuen Etage werden die geschlossenen Fassaden an den Seiten sein, an denen sich im Hauptgebäude die geöffneten Fassaden befinden – also ein Twist, der deutlich macht, dass hier etwas Neues hinzugekommen ist.

Wohnungen und ein Loft

Der komplette Umbau wird von Studio OLAC, dem Architekturbüro von Saida Brückner, Shirin Frangoul-Brückners Tochter, geplant und betreut. „Das neue Geschoss ist als offenes Loft mit einem eingestellten Kubus in der Mitte geplant“, ein Einbau für technische Vorrichtungen, Küche und Bad. Die hochwertig wirkende Innenausstattung setzt auf Holz in Kontrast zum Beton des Bunkers. Es kommt auf dem Boden im Loft und für die Einbauten in den Wohnungen zum Einsatz.

Die zusätzlichen Etagen entstehen in Leichtbauweise. Auch wenn man meint, ein Betonbunker müsste doch statisch problemlos ein weiteres Stockwerk tragen, sind die Fundamente damals so geplant worden, dass sie gerade so auf das Vorhandene dimensioniert sind; im Krieg verbaute man nur das Nötigste.

Doch wie macht man aus einem Bunker ein Wohnhaus? Sorgfältige Planung ist nötig und eine Spezialfirma gefragt, für die vielen Fensteröffnungen in 1,6 Meter dicken Betonwänden ist sehr schweres Gerät nötig.

Die Wohnungen sollen nicht von düsterer Bunkeratmosphäre durchweht sein, sondern hell und offen sein, zeitgemäßes Wohnen ermöglichen. „Umfangreiche Maßnahmen zur Lärmreduktion werden geplant; wir versuchen, den Beton im Inneren des Gebäudes mit schallarmen Diamantseilsägen in Kuben zu schneiden und außen schallschluckende Lärmschutzmatten an den Bau anzubringen“, sagt die Architektin.

Die an Baustellen gewöhnten Stuttgarterinnen und Stuttgarter werden nach den geschätzt zwei Jahren Umbauphase sicher sein können, dass die Umgebung durch einen sorgfältig geplanten Umbau eine Aufwertung erfahren wird.

Info

Bunker in Stuttgart
In Stuttgart gab es 23 Hochbunker, die bei Luftangriffen im Zweiten Weltkrieg Schutz boten. 18 davon existieren heute noch.