35 Jahre beim VfB – Loni Braun, die „Mutter der Kompanie“. Foto: privat

Fünf Präsidenten und 31 Trainer haben unter ihr gedient. Als sie 1981 anfing, begann der Siegeszug. Im Sommer vergangenen Jahres ging VfB-Chefsekretärin Loni Braun in Rente – und der VfB stieg prompt ab.

Stuttgart - Loni Braun aus Korb war beim VfB Stuttgart mehr als nur Chefsekretärin. Furchtlos und treu war sie die Mutter der Kompanie. Fünf Präsidenten und 31 Trainer haben unter ihr gedient. Als sie 1981 anfing, begann der Siegeszug, mit Meistertiteln und Europacupendspielen. Im Sommer vergangenen Jahres ging die Perle aus dem Remstal in Rente - und der VfB stieg prompt ab. Fünfunddreißig Jahre hat sie den VfB durchgebracht. Braun war im Cannstatter Klubhaus der gute Geist im Zentrum der Macht, als Chefsekretärin, Allzweckwaffe und Tausendsassa, jedenfalls ist Wirbelwind kein ausreichender Ausdruck für diese Frau. Drei deutsche Meistertitel und den DFB-Pokal hat der VfB unter ihrer Schirmherrschaft gewonnen und zwei Europacupendspiele erreicht.

Brauns Rückblick auf ihre Zeit beim VfB im Video:

Ein Leben ohne Loni? Es ist, als ob man dem VfB den Brustring nimmt. Der Stuttgarter Sportjournalist Bruno Bienzle, ein langjähriger beruflicher Wegbegleiter der Remstälerin, hat es in würdige Worte gefasst, er schrieb ihr zum Abschied: „Sie waren die einzige Konstante beim VfB, und die einzige, auf die das Vereinsmotto zutrifft: Furchtlos und treu.“ So hat sie den Laden zusammengehalten, als Mutter der Kompanie und rechte und linke Hand ihrer Chefs, hat allen den Rücken freigehalten und nicht jeden neugierigen Griffelspitzer gleich durchgestellt. Klaus Schlütter war als „Bild“-Reporter im richtigen Leben der liebste Mensch – „aber wissen Sie“, sagt Loni, „wie der mich einmal genannt hat?“

Wie?

„Vorzimmerdrache!“

Die Drächin im Ruhestand lacht. Denn der Fluch war nicht bös gemeint, sondern der augenzwinkernde Ritterschlag eines langjährigen Bewunderers ihrer taffen Art, die VfB-Bosse notfalls abzuschotten gegen lästige Anrufe. Wenn ihr erster Herr und Gebieter, der große Gerhard Mayer-Vorfelder, an lustlosen Tagen weder für den Papst noch für die Bildzeitung zu sprechen war, sagte sie ins Telefon: „Der Chef ist im Landtag.“

Verjährt. Notlügen zählen nicht. Was am Ende zählt, sind die Verdienste, und als Loni Braun letzten Juni im „Collegium Wirtemberg“ in der Rotenberger Kelter verabschiedet wurde, war das „Who is Who“ des VfB komplett vertreten, bis auf die Toten und glaubhaft Entschuldigten. Jogi Löw war als Bundestrainer verhindert, denn es war gerade EM, „aber er hat mir“, freut sich Loni, „einen netten Brief geschrieben.“

Was hat Jogi Löw im Brief geschrieben?

Die Antwort sehen Sie im Video:

Löw war VfB-Trainer in den Neunzigern und einer der 31 Trainer, die sie hat kommen und gehen sehen. Beim Abschiedsfest war auch Armin Veh da, der letzte Meistertrainer von 2007. Arm in Arm haben er und sein damaliger Präsident Erwin Staudt „nochmal ihre obligatorische Zigarette zusammen geraucht, das war früher Ritual“, erzählt Loni.

Früher. Sie weiß alles, sie war immer dabei, als einzige. Fünf Präsidenten hat sie hinter sich gelassen, Mayer-Vorfelder, Haas, Staudt, Mäuser und Wahler, dazu den Finanzchef Ruf, die Manager Schäfer, Hoeneß, Rüssmann, Briem, Heldt, Schneider, Bobic und Dutt. Die lange Latte der Trainer haben wir bereits erwähnt. Der erste war Jürgen Sundermann. „Wenn ich morgens ins Büro kam“, sagt Loni, „saß er immer da und hatte bereits den Kaffee gekocht.“

1981 war das, da ging es los. Sie schaffte vorher bei „Konz-Baustoffe“ im Büro, ging manchmal zum Tanzen in die Disco „Nice“ in Schwaikheim, wo auch VfB-Spieler gerne den Tag ausklingen ließen. Die führten Loni im „Piräus“ ein, einem von VfBlern gut frequentierten griechischen Lokal im Stuttgarter Westen. Einmal saß dort VfB-Finanzchef Ulrich Ruf und beendete den Abend mit der Frage: „Wollen Sie zu uns kommen?“ Noch in der alten Geschäftsstelle in der Martin-Luther-Straße in Cannstatt hat Loni angefangen „und das erste Tonband, das ich zur Abschrift bekam, vor Aufregung gelöscht.“

Die Schule Schäfer und der Palazzo Prozzo

Es war ein düsterer Altbau mit zwei Räumen. Sie tippte die Arbeitsverträge der Spieler noch auf Schreibmaschine („mit drei Durchschlägen“) und außer ihr gab es noch zwei Kartenverkäuferinnen, zwei Buchhalterinnen, drei Mitarbeiter für den Spielbetrieb, den Finanzchef Ruf und den Geschäftsführer Ulrich Schäfer. Der machte, wenn es pressierte, keine Gefangenen. „Ich ging durch die Schule Schäfer. An strengen Tagen ist er sogar in den Papierkorb gesprungen. Oder es flog ein Tacker durchs Zimmer.“

Noch im selben Jahr zog der VfB um ins neue, rot-weiße Klubzentrum auf dem Wasen, „den Palazzo Prozzo“ (O-Ton Loni), wurde dort zusehends zum Großklub und sie zu der Person, bei der alle Drähte zusammenliefen oder besser: glühten.

Für alle ein offenes Ohr

Chefsekretärin war in jenen Pionierzeiten eine facettenreiche Aufgabe. Sie koordinierte die Cheftermine, organisierte die Trainingslager, führte nebenbei die Marketing- und Presseabteilung und war zuständig für ein Mehrfamilienhaus des Klubs, „da musste ich regelmäßig die Mieten erhöhen“. Wenn Europacup war, wurde sie zum Reisemarschall für Fans und Journalisten. Sie prüfte außerdem die Tauglichkeit von Lokalitäten für die Weihnachtsfeier der Profis und sie therapierte Spieler, wenn es ihnen dreckig ging: Als Didier Six, dem französischen Dribbler, der Vertrag nicht verlängert wurde, heulte er im Flur Rotz und Wasser. Loni war da.

„Ich war auch Seelentröster“

Nicht verzagen, Loni fragen - der Wandspruch half immer. Sie ließ sich auch an ihren freien Tagen nicht lumpen und packte privat an. Als Jürgen Klinsmann zu Inter Mailand wechselte und sich eine Wohnung am Comer See nahm, „habe ich da für den Jürgen halt ein bisschen aufgeräumt“. Montags stand sie aber wieder pünktlich in Cannstatt für den VfB und Gerhard Mayer-Vorfelder parat. Der war als Präsident arbeitsaufwendig, er residierte nicht im Klubheim, sondern als Minister im Neuen Schloss. Als Kilometerfresserin fuhr sie hin und her, um seine Unterschrift für wichtige Schriftstücke einzuholen.

Panne mit Mayer-Vorfelder

Irgendwann hat sie den Chef vollends chauffiert. Morgens um sechs kam der VfB-Bus von einem Europacupspiel zurück, und Loni war nach dreitägigem Fronteinsatz als Reiseleiterin eigentlich „halba he“ , da fragte MV: „Fährscht me noch hoim?“ Cannstatt-Muckensturm liegt ja irgendwie auf dem Weg nach Korb. Doch in der ersten Kurve ist ihr Ford Escort verreckt, und ein Taxi musste her.

Loni Braun eroberte dann vollends den VfB. Mayer-Vorfelder ging als DFB-Präsident nach Frankfurt, ein neues Jahrhundert begann und Felix Magath erkannte die Zeichen der neuen Zeit als Erster. Als der Trainer zu Präsident Haas und Finanzchef Ruf wollte und sie ihm bedauernd mitteilte, dass beide nicht da waren, sagte Magath: „Es genügt doch vollkommen, wenn die Chefin da ist.“ Auch für Horst Heldt, den späteren Manager, war sie die „Chefin“, er hatte das Einschmeicheln freilich auch nötig. Denn Heldt war ein notorischer Verkehrssünder, ungeniert parkte er in der Münchner Maximilianstraße auf einer Verkehrsinsel oder seinen Porsche auf dem Standstreifen der Autobahn. Überhaupt beglich Loni zu der Zeit viele Strafzettel. 250 Euro kostete der von Giovanni Trapattoni. Der italienische Trainerguru rief sie eines Morgens aufgeregt an: „Mia Auto isse gestohle!“ Dabei war sein Daimler nur abgeschleppt worden, weil er in der Gerberstraße im absoluten Halteverbot stand.

Wie Staudt einmal die Schranke am Klubhaus durchfuhr

Der schlimmste Leichtfuß unter den Verkehrssündern des VfB war Präsident Staudt. Irgendwann hatte der 14 Punkte in Flensburg, und als er trotzdem noch witzelte („Jetzt habe ich mehr Punkte als der FC Bayern“), spuckte der Vorzimmerdrache Feuer: „Erwin, bei aller Liebe, aber ich nehme Deine Punkte nicht auf mich!“ Als nächstes fuhr Staudt am Klubhaus die Schranke durch. Aber Loni konnte ihm nie böse sein, „er war lustig und immer gut drauf.“ Jeden Wunsch las sie Staudt von den Augen ab, von der Wohnungssuche für neue Spieler bis zum Matratzentest mit Paola Trapattoni in einem Möbelhaus in Waldrems. „Plötzlich hat sie sich draufgelegt, und es ging derart auf und ab, dass ich dachte: Mein lieber Giovanni...“

Was macht ein Mädchen für alles sonst noch?

„Telefonieren“, sagt Loni Braun. Sie konnte es auf zwei Ohren gleichzeitig. Als VfB-Reporter wurde ich einmal Zeuge, wie sie Kassandra Verlaat am Apparat hatte, die mit ihrem Frank, dem alten VfB-Libero, ein Spiel besuchen und ihren Hochzeitstag in Stuttgart feiern wollte. „Ich schau für euch nach einem Hotel“, sagte Loni und mit dem anderen Ohr buchte sie gleichzeitig die Skiausfahrt der VfB-Geschäftsstelle nach Schruns.

„Ich hatte“, sagt sie, „für alle ein offenes Ohr.“

Auch das kann ich dick unterstreichen. Vor zwei Jahren riss mir die Achillessehne, dummerweise in Amerika. Man will sich dann lieber daheim operieren lassen, doch das Telefonat mit dem ehemaligen VfB-Arzt Thomas Frölich schlug fehl. Dafür war Loni da und sagte: „I ruf z`rück.“ Und fünf Minuten später, nach Rücksprache mit den VfB-Physiotherapeuten, telefonierte sie die Erste-Hilfe-Verhaltensregeln nach Amerika durch, verordnete den unverzüglichen Kauf und das fachgerechte Anlegen von Stützstrümpfen und Mullbinden und gab grünes Licht für den Transatlatikflug. Nach der Landung in Echterdingen ging es direkt zur Kernspintomografie, zwei Tage später war OP - und ohne großes Hinken bin ich inzwischen wieder in der Lage, den steilen Anstieg zum Biergarten im Korber Schützenhaus zu bewältigen.

Der Biergarten am Korber Schützenhaus

„Hier oben bin ich oft“, sagt die rüstige Rentnerin. Auf dem Hanweiler Sattel mit dem „Rund´rum aktiv-Park“ geht sie gerne mit der Tochter, dem Sohn und den vier Enkeln spazieren („Auch als Oma wird es mir nie langweilig“) - und mit Hund Bruno, den sie an den langen Leine führt wie früher beim VfB ihre Chefs.

Zu denen, die sie mag und die nicht gestorben sind wie MV, hält sie ohne Rücksicht auf ihren Ruhestand weiter Kontakt. Das von Manfred Haas ins Leben gerufene Gansessen im „Roten Löwen“ von Rechberg „haben wir bis heute beibehalten“, sagt sie. Mit Erwin Staudt ist sie befreundet und auch Bernd Wahler schließt sie in ihr Nachtgebet ein. Als der vor drei Jahren Präsident wurde, wollte sie eigentlich aufhören, denn unter Vorgänger Gerd E. Mäuser hatte sich das Betriebsklima im Klubheim dem Gefrierpunkt genähert. „Nur vor Dir hat er Angst“, sagte VfB-Finanzmann Axel Wehrle zu Loni und machte sich als Geschäftsführer in Richtung 1. FC Köln aus dem Staub. Auch sie hatte genug. Aber Wahler bat: „Loni, mach weiter.“

Remstäler halten zusammen. Also ging die Korberin mit dem Schnaiter noch drei Jahre durch dick und dünn - und schwindelte, wenn das Telefon klingelte, notfalls furchtlos und treu: „Der Chef ist nicht da.“

Diesen und weitere Texte finden Sie auch im Landluft Magazin der Agentur Zeitenspiegel Reportagen.

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