Ein Jahr nach der Zinswende stellt sich für Bankkunden die Frage: Was habe ich eigentlich davon? Ein Vergleich lohnt sich, denn unsere aktuelle Auswertung zeigt: Beim Tagesgeld sind inzwischen wieder lukrative Zinsen drin – zumindest zeitweise.
Im Kampf gegen die hohe Inflation hat die Europäische Zentralbank (EZB) die Leitzinsen in historisch beispiellosem Tempo angehoben. Im Euroraum liegen sie nun bei 4,0 Prozent, und an diesem Donnerstag dürften die Währungshüter weitere 0,25 Punkte drauflegen – so wird es zumindest an den Finanzmärkten erwartet. Die gute Nachricht: Der aggressive Kurs, mit dem sich die EZB gegen den Preisanstieg stemmt, zeigt langsam Wirkung. Die schlechte Nachricht: Der Wirtschaftsausblick ist mau und wird durch eine straffere Geldpolitik freilich nicht besser.
Viele Geschäftsbanken knausern noch
Die Notenbanker müssen einen heiklen Balanceakt meistern, indem sie die verbleibenden Inflationsrisiken einhegen, ohne durch zu hohe Zinsen die Konjunktur abzuwürgen und einen dauerhaften wirtschaftlichen Abschwung herbeizuführen. Für Bankkunden stellt sich jedoch noch eine andere Frage: Was habe ich eigentlich von der Zinswende? Denn auch ein Jahr nachdem Notenbankpräsidentin Christine Lagarde und ihre EZB-Kollegen das Ruder bei den Leitzinsen herumgerissen haben, knausern viele Geschäftsbanken weiter beharrlich bei Tages- und Festgeldangeboten.
„Auch nach mittlerweile acht Leitzinserhöhungen in Folge bietet ein beträchtlicher Teil der Banken Sparern auf dem Tagesgeldkonto noch immer überhaupt keine Verzinsung“, sagt Oliver Maier, Geschäftsführer von Verivox. Zwar haben dem Vergleichsportal zufolge fast alle Kreditinstitute ihre Negativzinsen nach dem Wegfall der EZB-Strafzinsen auf Bankeinlagen vor einem Jahr zügig abgeschafft. Dennoch zahlten von insgesamt 738 Banken in der jüngsten Verivox-Auswertung 141 – also rund ein Fünftel – Tagesgeldanlegern keine Zinsen.
Banken bekommen von der EZB 3,5 Prozent Zinsen
Am weitesten verbreitet sind Nullzinsen der Analyse nach unter den regionalen Genossenschaftsbanken, also den örtlichen Volks- und Raiffeisenbanken sowie den PSD- und Sparda-Banken. Von 350 von Verivox ausgewerteten Instituten dieser Bankengruppe wiesen 80 für eine Anlagesumme von 10 000 Euro einen Tagesgeldzins von 0,00 Prozent aus. Somit bietet in diesem Sektor beinahe ein Viertel der Banken keine Zinsen. Aber auch bei 58 von 309 Sparkassen gingen Tagesgeldanleger leer aus. Von den 79 bundesweit aktiven Banken in der Auswertung zahlten hingegen nur drei keine Zinsen aufs Tagesgeld.
Von 2014 bis zur Zinswende im Juli 2022 war der sogenannte Einlagenzins der EZB negativ, sodass Geschäftsbanken Strafzinsen auf ihre Guthaben bei der Zentralbank zahlen mussten. Inzwischen ist die Lage jedoch eine völlig andere: Geldhäuser, die überschüssige Mittel bei der EZB parken, erhalten zurzeit 3,5 Prozent Zinsen. Finanzanalysten rechnen damit, dass die Notenbank den Einlagenzins am Donnerstag abermals anhebt, und zwar auf 3,75 Prozent. Warum halten sich gerade Sparkassen, Volks- und Genossenschaftsbanken dann bei Zinsangeboten so zurück?
Gibt es Kundenabwanderung bei regionalen Kreditinstituten?
„Grundsätzlich passen wir unsere Anlagezinsen immer möglichst zeitnah an die aktuellen Marktveränderungen an“, hieß es von der Sparda-Bank Baden-Württemberg auf Nachfrage. Ob dies möglich sei, werde wöchentlich überprüft. Die Kundenbeziehung sei wegen des genossenschaftlichen Modells grundsätzlich eine andere als bei den Internetbanken, die mit hohen Zinsen locken, sagt Sprecher Gunter Endres von der VR-Bank Ludwigsburg. Das Verhältnis sei „stärker von Treue geprägt“. Bedenken, dass Kunden zur Konkurrenz abwandern, gebe es nicht. Spürbar umgeschichtet würden Mittel von Sparern bislang lediglich intern, etwa von Tagesgeld zu besser verzinstem Festgeld. „Mittelabfluss ist derzeit kein besorgniserregendes Thema“, sagt Endres.
Ähnlich äußert sich Isabel Kurz, Pressesprecherin der Kreissparkasse Ludwigsburg. Es gebe keinerlei Kundenabwanderung, im Gegenteil: Tatsächlich habe ihr Haus zuletzt Zuflüsse verzeichnet. Die Zinswende sei jedoch durchaus ein Thema, das die Kunden beschäftige: „Es wird verstärkt Beratung dazu angefragt“, sagt Kurz. Sie betont zudem, dass der Blick aufs Tagesgeld verkürzt sei und ihre Bank eine Reihe von Zinsprodukten anbiete.
Niemand muss sich mehr mit Nullzinsen zufriedengeben
Fest steht, dass sich niemand mehr mit Nullzinsen zufriedengeben muss und durch Bequemlichkeit oder Loyalität gegenüber Banken viel Geld verschenkt werden kann. In Zusammenarbeit mit dem Finanz- und Verbraucherportal Biallo bieten wir einen aktuellen Überblick über die lukrativsten Tagesgeldangebote. In unserer Tabelle finden Sie die aktuellen Zinssätze sowie den Ertrag, den eine Anlage von 10 000 Euro über ein Jahr abwerfen würde. Zu beachten ist dabei allerdings, dass die günstigeren Zinsen oftmals nur für begrenzte Zeit gelten – nach Ablauf der Garantiephase ist meist wieder der Basiszins gültig. Mitunter gibt es auch Beschränkungen bei den Anlagebeträgen und andere Vorbedingungen.
Wer sich nicht alle paar Monate nach neuen Angeboten umschauen will und längere Zeit auf sein Geld verzichten mag, kann natürlich auch auf Festgeldkonten setzen. Laut Verivox-Auswertung sind hier bei zweijähriger Laufzeit zurzeit im Schnitt immerhin Zinsen von 2,96 Prozent zu holen. Im Jahresvergleich haben sich die Zinsen dem Vergleichsportal zufolge fast vervierfacht: Anfang August 2022 lagen sie noch bei 0,82 Prozent. Mit durchschnittlich 2,20 Prozent bei den Sparkassen und 2,27 Prozent bei den örtlichen Genossenschaftsbanken hinken die regionalen Kreditinstitute auch beim zweijährigen Festgeld deutlich hinterher.