Applaus, Applaus: Jürgen Klopp will in die Königsklasse. Foto: dpa

Jürgen Klopp ist auch als Trainer bei den Reds Kult – und will nun gegen Hoffenheim in die Königsklasse einziehen.

Stuttgart - Es gibt in Liverpool Dutzende Fanschals mit dem Konterfei von Jürgen Klopp. Aber kaum einer symbolisiert den Kult um den Coach besser als jener, auf dem neben dem Gesicht dieser Spruch aufgedruckt ist: „Dann sah ich sein Gesicht. Jetzt bin ich ein Gläubiger.“ Der Schal ist der Renner in Liverpool.

Weil Klopp der Renner ist.

Der Trainer hat viele Gläubige beim FC Liverpool, gefühlt leistet ihm jeder Fan der Reds Gefolgschaft. Auch an diesem Mittwoch, wenn nach dem 2:1-Sieg im Hinspiel das Play-off-Rückspiel zur Champions League gegen die TSG 1899 Hoffenheim steigt (20.45 Uhr/ZDF), wird an der Anfield Road wieder die Hymne auf den Trainer gesungen: „Jürgen Klopp, Klopp, Klopp / He’s the king of the kop / Jürgen Klopp, Klopp, Klopp / He will take us to the top“. Klopp also ist der König der Tribüne und wird Liverpool an die Spitze führen.

Das und nicht weniger ist die Hoffnung an der Merseyside. Heavy-Metal-Fußball in der Beatles-Stadt, emotionaler Powerfußball der Marke Klopp. Hart, laut, schrill. Pressing und Überfallkonter ohne Ende. So soll der erste große Titel seit dem Gewinn des FA-Cups 2006 her. Liverpool, einer der großen Mythen des Fußballs, und Klopp, einer der emotionalsten Trainer, das scheint zu passen. Liverpool ist verzückt. Immer noch. Und mehr denn je. Ein Pub 500 Meter von der Anfield Road entfernt wurde kürzlich nach dem Coach, der im Oktober 2015 gekommen war, benannt. Es trägt den Namen Klopp’s Boot Room. Die Kneipe gleicht einem Altar mit Utensilien des Liverpool FC, und am Eingang steht in Lebensgröße eine Pappfigur des Mannes, um den sich alles dreht: Jürgen Klopp.

Auch in Liverpool fahren die Leute auf den Trainer ab, so wie sie es vorher auch bei Borussia Dortmund und beim FSV Mainz 05 war. Warum das so ist? Klopp (50) bleibt Klopp. Immer und überall. Wer den Mann vor einer Woche beim Hinspiel in Hoffenheim beobachten konnte, sah schnell, dass er nichts von seiner Emotionalität und seinem Draufgängertum verloren hat.

Klopp ist ein Mann für die Volksseele

Ein Mann wie ein offenes Buch. Ein Mann für die Volksseele, der die Fans mit auf eine Reise der Emotionen nimmt. Während des Spiels an der Seitenlinie. Und hinterher im Bauch der Arena, als Klopp zur Andacht bat und aus der Pressekonferenz wie fast immer eine Klopp-Show machte.

Wäre in der Coachingzone der Sinsheimer Arena ein Naturrasen ausgelegt und keiner aus widerstandsfähigem Kunststoff, der Greenkeeper hätte wohl nach dem Spiel etliche Zusatzschichten einlegen müssen. Auf und ab und hin und her tigert Jürgen Klopp, immer im Austausch mit den Spielern, seinen Assistenten und dem vierten Offiziellen. Er lobt, klatscht, fuchtelt. Schreit auf den Platz. Permanent.

Sein Rechtsaußen Mohamed Salah etwa muss 45 Minuten lang die Schimpftiraden Klopps ertragen, weil er das Pressing noch nicht verinnerlicht hat. Den vierten Offiziellen fragt Klopp gefühlt nach jeder Entscheidung nach seiner Meinung („denken Sie wirklich, dass das ein Foul war?“).

Und hinterher, auf dem Pressepodium der Sinsheimer Arena, sitzt Klopp im Scheinwerferlicht und spricht in der typischen Klopp-Rhetorik: „Ich möchte jetzt nicht Korinthen kacken, das ist mir scheißegal.“ Dann schaut er den Dolmetscher an und grinst sich eins. Und jetzt übersetz das mal! Gelächter im Raum. Die große Show. Jürgen Klopp live und in Farbe. Dabei legt sich der Menschenfänger auch mal mit denen an, die über ihn berichten und sein Bild in die Öffentlichkeit tragen. Das war schon in Deutschland so, als er einen TV-Journalisten mal einen Seuchenvogel nannte und einen anderen wegen angeblicher Ahnungslosigkeit fragte, ob er aus dem Ressort Tierfilme komme.

Auch in Liverpool eckt Klopp an. Nach dem 1:0-Sieg in der Liga zuletzt gegen Crys­tal Palace sagte der Coach, dass es eine der besten Entscheidungen seines Lebens gewesen sei, nie die englische Presse zu lesen. Das „Liverpool Echo“ hatte die Reds-Abwehr zuvor nach dem 3:3 beim FC Watford eine „chaotische Verteidigung“ genannt. So ähnlich klang das auch schon zu Jahresbeginn, als Klopp mit ­seinem Team in eine tiefe Krise rutschte. Doch Klopp weiß in schweren Zeiten nicht nur die Fans hinter sich, er hat prominente Fürsprecher. Die Clublegende Steven Gerrard etwa, der jetzt U-18-Coach bei den Reds ist, betont bei jeder Gele­genheit, dass Klopp hervorragende Arbeit leiste. Die soll jetzt gegen Hoffenheim schnurstracks in die Königsklasse führen.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: