Historische Litfaßsäule am Königsbau im Herzen der Stadt Foto: picture alliance/arkivi

Seit 164 Jahren sind sie fester Bestandteil deutscher Großstadtkultur – und bei Werbekunden nach wie vor beliebt. Doch die Litfaßsäule hat als Werbeträger noch längst nicht ausgedient.

Stuttgart - In Stuttgart ist es seine Firma, die Ilg Außenwerbung GmbH und Co. KG, die alle klassischen Litfaßsäulen, auch Allgemeinstellen oder Allgemeinanschläge genannt, in Stuttgart bewirtschaftet. 600 davon gebe es in der Stadt, sagt Kai Ilg. Die Stadtverwaltung selbst spricht sogar von 620. Die Allgemeinstellen stehen Kulturtreibenden und Wirtschaftskunden gleichermaßen zur Verfügung. Mehrere Kunden können gleichzeitig darauf werben. Darin unterscheiden sie sich von den sogenannten Ganzsäulen, einer modernen Spielart der Litfaßsäule, die stets nur einem Kunden vorbehalten sind. 370 Stück gibt es von ihnen im Stadtgebiet, bewirtschaftet werden sie von der DSM Deutsche Städte Medien GmbH, die zur Kölner Ströer-Gruppe gehört.

30 Kultursäulen gibt es in der Stadt

Darüber hinaus hat die Stadt vor etwa 20 Jahren noch spezielle, geförderte Kultursäulen ins Leben gerufen. Davon gibt es im Stadtgebiet 30 Stück. Auf ihnen dürfen ausschließlich ortsansässige Kulturtreibende werben. „Sie sind Sonderfälle. Das Alte Schauspielhaus weist sie den Kultureinrichtungen zu. „Die haben dann eine feste Fläche, auf der sie das ganze Jahr lang ihr Plakat anbringen können“, sagt Kai Ilg. Indirekt ist seine Firma auch für die Kultursäulen zuständig. „Wir plakatieren sie im Auftrag vom Alten Schauspielhaus.“

Die klassischen Litfaßsäulen hingegen gehörten seinem Betrieb, der sie vermarktet und plakatiert. Als Werbeträger seien Litfaßsäulen noch immer sehr beliebt, je nachdem, welche Zielgruppe man ansprechen wolle. „Wer Menschen in Wohngebieten erreichen will, für den ist die Litfaßsäule die einzige Möglichkeit zu werben“, sagt Ilg. Denn laut Baurecht sei sie der Einzige dort zugelassene Werbeträger. Gebucht wird meist im Netz. Das heißt: Wer werben will, macht dies gleich auf einer großen Anzahl von Säulen, nicht nur auf einer.

Ein A-1-Plakat kostet einen Euro am Tag

Wer wo wirbt, ist auch bei Litfaßsäulen nicht zuletzt eine Frage des Budgets. Ein ­A-1-Plakat kostet einen Euro am Tag. Ein überschaubarer Preis, sollte man meinen. Weil man aber im Netz bucht und zudem stets über den Zeitraum einer Dekade, die zehn, elf Tage währt, landet man bei einem Netz von 300 Säulen schnell bei 3 000 Euro.

Es gibt aber auch die Möglichkeit, nur eine Stelle zu belegen. Das ist wesentlich billiger und kostet je nach Standort zwischen 25 und 35 Euro, maximal 40 Euro pro Tag. Der Preis richtet sich nach dem sogenannten Leistungswert, dessen Grundlage wiederum die Frequenz der Autos und Fußgänger ist, die die Säule Tag für Tag passieren.

Ilgs Unternehmen hat erst im vergangenen Jahr auch die Bewirtschaftung der Litfaßsäulen Berlins übernommen. Dort gibt es laut Senatsverwaltung gar 2 500 solcher Werbeträger. Und dort fing Mitte des 19. Jahrhunderts auch der Siegeszug der Litfaßsäule alles an. Genauer gesagt war es der 1. Juli 1855, als Erfinder Ernst Litfaß das erste Exemplar aus der Taufe hob.

Zur Erfindung gab der Kampf der Stadt gegen das allenthalben grassierende Wildplakatieren Anlass. Litfaß bot mit seinen runden Säulen ein geeignetes Rezept zur Eindämmung dieser Unart. Für die Feierlichkeiten zur Einweihung ließ er eigens eine Polka komponieren.

Litfaßsäulen haben Zukunft

Wobei Erfindung die Sache nicht ganz zutrifft. Schließlich hatte der Brite George Harris bereits 1824 eine achteckige Plakatsäule aus Holz und Metall in London patentieren lassen. Als „Harris-Säule“ fuhr sie auf einem Wagen befestigt durch die Stadt und drehte sich um die eigene Achse. Sogar über eine Innenbeleuchtung verfügte sie. Beeindrucken konnte aber auch die preußische Variante: mit einer imposanten Höhe von 3,28 Meter, 2,80 Meter Umfang und einem Schaft aus Eisenblech in Zylinder-Form machte die Litfaßsäule mächtig Eindruck – und hat sich als Werbemedium bis heute gehalten.

Das wird sich auch künftig nicht ändern, ist Kai Ilg überzeugt. „Die Litfaßsäule ist eins der letzten Massenmedien. Die Mobilität steigt, gleichzeitig kaufen die Leute weniger Zeitungen, wegen der Streamingdienste sehen sie weniger Werbespots. Das sind alles Faktoren, die gut für die Litfaßsäule sind.“

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