Von seinen bisher zwei Soloalben gab es weniger zu hören. Foto: Reiner Pfisterer/Jazz Open

Der einstige Oasis-Sänger Liam Gallagher hat am Mittwochabend mit einem nostalgieschwangeren Auftritt die Reihe der diesjährigen Jazz-Open-Konzerte auf dem Schlossplatz eröffnet.

Stuttgart - Bald zwei Dekaden ist es her, dass die britische Band Oasis ihr erstes und einziges Konzert überhaupt in Stuttgart spielte. Genau gesagt geschah dies am 28. November 2002, Austragungsort war – ältere Semester werden sich noch an diesen Venue erinnern – das Messecongresscentrum auf dem Killesberg, der Oasis-Sänger Liam Galagher trug einen reichlich unvorteilhaften Parka sowie eine grimmige Miene zur Schau, und zum Auftakt spielte die Band passenderweise ihr Stück „Hello“.

 

18 Jahre und zehn Monate später kommt Liam Gallagher am Mittwochabend auf die große Bühne der Jazz Open auf dem Stuttgarter Schlossplatz geschlendert, er trägt immer noch seinen Signature-Parka und immer noch seine grimmige Miene zur Schau und eröffnet sein Konzert mit dem Song „Hello“. „Hello, hello, it’s good to be back“ heißt es darin im Refrain, weswegen das Lied jetzt fast sogar noch passender erscheinen könnte als vor bald zwanzig Jahren, „and it’s never gonna be the same, ’cause the years are falling by like the rain“ heißt es in dem Stück allerdings auch – und mit diesen zwei Zeilen wäre die Ambivalenz des Abends sowie vielleicht sogar die ganze Karriere Liam Gallaghers perfekt umrissen.

Die Mischung macht’s?

Denn einerseits hat der Mann aus Manchester sich ja seit dem sehr abrupten Ende von Oasis im August 2009 (am Vorabend eines geplanten Konzerts beim Rock-am-See-Festival in Konstanz) und einer langen anschließenden Selbstfindungsphase mit seinen zwei Soloalben „As you were“ von 2017 und „Why me? Why not.“ von 2019 als Solokünstler etabliert, als ein so erfolgreicher sogar, dass selbst sein Bruder Noeljüngst mit ein wenig Neid auf ihn blickte, was angesichts des legendären Zwists der beiden fast schon dem größtmöglichen Adelsschlag gleichkommt. „Wall of Glass“ und „Greedy Soul“ vom ersten sowie den Titeltrack und drei weitere Stücke vom zweiten Album spielt er in Stuttgart auch.

Andererseits sind ebendiese Tracks die einzigen aus seinem Œuvre als Solokünstler, die auf dem Schlossplatz erklingen. Der Rest des mit achtzig Minuten karg bemessenen Auftritts, nämlich exakt die andere Hälfte der Songs, sind eine Art halber Best-of-Oasis-Abend. Nach „Hello“ kommen zum Auftakt „Rock ’n’ Roll Star“ und „Morning Glory“, zwischendurch „Go let it out“ und zum Ende „Supersonic“ und „Live forever“, ehe es zur Auskehr in der Ein-Song-Zugabe den klassischsten aller Oasis-Klassiker zu hören gibt, „Wonderwall“.

Was ist schon normal?

Spielt ein einstiges Mitglied einer ehedem sehr bekannten Band auf einem Solokonzert zwei oder drei der größten Songs seiner früheren Gruppe, ist dies normal und zigfach geübte Praxis. Bestreitet er aber die Hälfte seines Konzerts nur mit den einstigen Erfolgen, könnte man sich schon fragen, ob er damit die Erwartungshaltung seines Publikums bedienen möchte oder doch eher Zweifel an der Durchschlagskraft seines eigenen Solorepertoires hegt. Man kann das Grübeln aber auch bleiben lassen. Denn Gallaghers eigenes Material, auf dem Schlossplatz sehr druckvoll von der fünfköpfigen Band nebst zwei Backgroundsängerinnen vorgetragen, kann sich absolut hören lassen. Für die legendären, längst zum kultisch verehrten Popmusikgut gewordenen Ausnahmesongs von Oasis, am Mittwochabend sehr nahe an den Originaleinspielungen serviert, gilt das ja sowieso. Und Liam Gallagher bringt dem Publikum zwar, wie man es von ihm betrüblicherweise gewohnt ist, nicht gerade übermäßige Wertschätzung entgegen – aber bei hervorragender Stimme ist er definitiv.

Ein volles Haus sieht anders aus

So gesehen gibt es an diesem Konzert, dem man gerne noch deutlich länger gelauscht und dem man einen etwas weniger misanthropischen Sänger gewünscht hätte, ganz und gar nichts auszusetzen. Nur den Publikumszuspruch muss man als sehr bescheiden bezeichnen. Dass die Konzerte auf der großen Bühne der Jazz Open nicht samt und sonders ausverkauft sein würden, war angesichts der pandemischen Begleitumstände von vornherein klar. Dass aber der Auftakt, zumal mit dem nominell größten der in diesem Jahr vertretenen Künstler, so schwach besucht gewesen ist, hat dann schon überrascht. Auf den Stehrängen war das Areal noch ganz respektabel gefüllt, die Sitzplatztribüne war jedoch gerade einmal zu einem Viertel besetzt. Liam Gallagher, der noch vor wenigen Tagen beim legendären und von über hunderttausend Menschen besuchten Zwillingsfestival in Leeds und Reading auf der Bühne stand, wird zwar um die komplett unterschiedlichen Startvoraussetzungen gewusst, aber dennoch selbst gestaunt haben.

Über die Gründe zu spekulieren ist müßig, höchste Zeit wird’s dennoch, dass sich da was zum Besseren ändert. Am schönsten wäre freilich, wenn sich die zwei Streithahnbrüder Liam und Noel Gallagher endlich aussöhnen, zusammenraufen und ihre grandiose Band Oasis wiedererwecken würden. Aber das ist leider, im wahrsten Sinne des Wortes, Zukunftsmusik.

Oasis und die Gallagher-Brüder

Band
Die britische Band Oasis wurde 1991 gegründet und gilt nicht nur wegen ihrer Hits wie „Wonderwall“ oder „Don’t look back in Anger“ sowie rund achtzig Millionen verkauften Alben als Aushängeschild des Britpop.

Solokarrieren
Der Bandgründer und Sänger Liam Gallagher hat seit der Auflösung von Oasis 2009 bisher zwei Soloalben und ein Unplugged-Livealbum vorgelegt, sein Bruder, Mitgründer und Gitarrist Noel Gallagher drei Soloalben sowie diverse EPs. juw