Ludwig-Fans bei einem der jährlichen Gedenkgottesdienste am Starnberger See Foto: dpa

Ein frisch aufgefundener Brief des bayerischen „Märchenkönigs“ Ludwig II. widerlegt die These von seiner Geisteskrankheit, in den Augen seiner Fans jedenfalls.

München - Was heißt eigentlich „verrückt“? Im Prinzip doch so etwas ähnliches wie „toll“, für das im Grimm’schen Wörterbuch, das ab 1838 entstand, folgende Bedeutungen stehen: „des verstandes beraubt, wahnsinnig, tobsüchtig, thöricht, stumpfsinnig“. Wenn aber das Wort „toll“ seinen Charakter in den letzten eineinhalb Jahrhunderten dermaßen verändert hat, warum nicht auch der Ausdruck „verrückt“? Und was heißt das für die „Verrücktheit“, deretwegen Ludwig II. als bayerischer König im Juni 1886 entmündigt und abgesetzt worden ist? Man weiß es: Wenige Tage später fand man den armen „Kini“ ertrunken im Starnberger See und seinen Psychiater gleich mit ihm. Wie Ludwig da hineingekommen ist, aus eigenem düsterem Entschlusse oder von fremder Hand „geselbstmordet“, darum ranken sich bis heute die Spekulationen.

Ein paar Wochen zu spät für den 130. Todestag ist nun Ludwigs letzter Brief auf­getaucht, von eigener Hand in glasklarer Sprache geschrieben auf Schloss Neuschwanstein, nur drei Tage vor seinem Tod. Und nun jubelt die Fangemeinde: der Märchenkönig sei in gar keiner Weise verrückt gewesen, sondern habe bei allerdurchleuchtetstem Verstande sehr wohl mit­bekommen, wie die Seinen ihn verraten hätten: die Regierung des Johann von Lutz, welche selber angeschlagen war und zum Machterhalt einen anderen opfern musste, und „vermuthlich Prz. Luitpold“, wie ­Ludwig selber argwöhnt: sein Onkel, der ihn als Monarch noch zu Lebzeiten beerben wollte.

„Eine schändliche Verschwörung!“

Ludwig II. schreibt also am 10. Juni 1886 diesen Brief an seinen Cousin, Prinz Ludwig Ferdinand, um sich über jenen operettenhaften Absetzungs- und Entführungsversuch zu entrüsten, über diesen „Abgrund von Bosheit“, der ihm am frühen Morgen widerfahren ist. „Denke was Unerhörtes heute geschehen ist!! – Diese Nacht kam eilends einer vom Stallgebäude herauf u. meldete, es wären mehrere Menschen (darunter horribile dictu) ein Minister u. eine meiner Hofchargen in aller Stille angekommen, befahlen meinen Wagen u. Pferde wegzunehmen hinter meinem Rücken u. wollten mich zwingen nach Linder­hof zu fahren, offenbar u. mich dort gefangen zu halten, u. Gott weiß was wohl zu thun, Abdankung zu ertrotzen kurz eine schändliche Verschwörung!“

In der Tat hatte eine Delegation der Regierung versucht, dem König unmittelbar nach seiner Entmündigung den „Haft­befehl“ zuzustellen. Ludwig hatte Wind ­davon bekommen; örtliche Feuerwehr­männer und Gendarmen nahmen die Ab­gesandten aus München fest. Erst der zweiten Delegation gelang es am Tag danach, zum „Kini“ vorzudringen; man verschleppte ihn ins Schloss Berg am Ostufer des Starnberger Sees, wo der noch nicht einmal 41-Jährige bis ans Ende seiner Tage schmoren sollte – so ähnlich wie sein an schwer­ster Schizophrenie leidender Bruder Otto im nahen Schloss Fürstenried.

Psychiater beurteilen den König allein per Ferndiagnose

Ludwig II., das belegt der Brief tatsächlich, war also durchaus in der Lage, die ihm drohende Gefahr richtig einzuschätzen. Aber war er deshalb „normal“, also zurechnungsfähig genug, um ein Königreich zu ­regieren? Offen ist diese Frage bis heute.

Vier führende „Irrenärzte“ jedenfalls – an der Spitze der mit Ludwig gestorbene Bernhard von Gudden – hatten der Regierung Lutz ein „wissenschaftliches“ Ge­fälligkeitsgutachten über den Geistes­zustand des Monarchen erstellt, innerhalb eines einzigen Tages und ohne jemals persönlich mit dem Patienten geredet zu haben. „Paranoia“, lautete die Diagnose. Und das Fazit: der König sei amtsuntauglich.

Tatsächlich, Ludwig war verrückt. So verrückt, dass er ein Schloss nach dem anderen in die Landschaft setzte: Neuschwanstein, Herrenchiemsee, Linderhof. Schlösser, die mittelalterlich aussahen, die aus der Zeit gefallen und – vor allem – die sündteuer waren. Längst hatte der „Märchenkönig“ seine Privatschatulle bis auf den Grund geleert und seine Apanage überzogen; selbst die sehr diskreten Millionenkredite eines Erzpreußen namens Otto von Bismarck reichten nicht mehr aus. Da wollte Ludwig die widerspenstige Regierung Lutz stürzen, um vom bayerischen Staat weitere Mittel zu bekommen. Das war zu viel. Lutz zog andere Saiten auf.

Ludwig II. strebte nach erhabener Schönheit und Einsamkeit

Schrullig und schwer erträglich war Ludwig II. immer schon. Er arbeitete nur nachts, was die Kommunikation mit der Außenwelt beträchtlich erschwerte. Um nicht „dauernd angegafft“ zu werden, ritt er nur bei Dunkelheit aus und ließ sich die monumentalen Opern seines geliebten ­Richard Wagner ganz für sich allein vorspielen. Nach erhabener Schönheit, nach Einsamkeit strebte dieser König; er hing einem romantisch aufs Mittelalter zurückprojizierten „monarchischen Prinzip“ an, wo sich ein König von Gottes Gnaden vor keiner Volksvertretung zu rechtfertigen hatte. Doch in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war diese Haltung skurril.

Mit dem Eintritt ins Deutsche Reich 1871 hatte Bayern als eigenständiger Staat aufgehört zu existieren; Ludwig II. hatte das mitgemacht, mitmachen müssen auf Druck der Preußen unter Bismarck. Faktisch wehrlos, wurde Ludwig ein König ohne Land. Da vergrub er sich natürlich in eine als heil betrachtete Vergangenheit, da versuchte er durch übersteigerte Zuckerbäckerbauten (nebst einer Flucht in exzessiven Pralinenkonsum) eine Welt festzuhalten, die nicht festzuhalten war. Und dann war da auch noch seine Homosexualität, für welche er nirgendwo ein „schickliches“ oder gar legitimes Ventil fand.

Zuckerbäckerbauten und Pralinen-Exzesse

Wäre Ludwig ein extrovertierter, ein leutseliger Mensch gewesen, er hätte sich aus glanzvollem Repräsentieren einen Spaß gemacht oder sich als landesväter­licher Publikumsliebling inszeniert – wie es Prinzregent Luitpold nach ihm ja auch geworden ist, in Bayerns „Goldenen Zeiten“. Aber das lag Ludwig in keiner Weise. Und je mehr er sich der Welt verweigerte, desto stärker verlor er den Kontakt zur Realität. Aber wie pathologisch, wie krank war das? Wie unzurechnungsfähig war der König wirklich? Dazu sagt auch der frisch aufgefundene Brief nichts. Es könnte sich ja auch um einen lichten Moment gehandelt haben, wie er bei geistig Kranken durchaus vorkommt.

Seine Werke jedenfalls haben den „Märchenkönig“ überlebt. Allein Schloss Neuschwanstein zieht als Bayerns beliebtestes Touristenziel an die 1,5 Millionen Besucher pro Jahr an. Und der Bayerische Staat kassiert heute mehr Millionen, als er dem „Kini“ vor 150 Jahren versagt hat. Ist doch toll, diese Art von Verrücktheit. Oder nicht?

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