Björn Spingorum liest bei den „Dragon Days“ aus seinem Roman „Herbstbringer“. Foto: Benjamin Schieler

Am Sonntag liest Björn Springorum aus seinem ersten Roman dort, wo er teilweise entstanden ist: auf dem Hoppenlaufriedhof.

S-Mitte - Nein, mit Todessehnsucht habe sie nichts zu tun, seine Begeisterung für Friedhöfe, betont Björn Springorum. Es ist die Atmosphäre, die den 30-Jährigen anzieht, „das Friedliche, das Ruhige“, wie er sagt. Die ungewöhnliche Wahl des Hoppenlaufriedhofs als Schauplatz für die Vorstellung seines Debütromans „Herbstbringer“, der von Oktober an in den Buchläden steht, ist aber noch aus weiteren Gründen plausibel: Teile der Handlung hat Springorum just dort verfasst. Und seine Protagonistin Emily wird, bevor sie 180 Jahre später in einem britischen Waisenhaus der Gegenwart wieder auftaucht, lebendig begraben.

Das Genre der Fantastik ist seit Beginn der Neunziger durch lieb gewonnene Charaktere wie Harry Potter, Bella Swan, Frodo Beutlin und seinem Onkel Bilbo massentauglich geworden. Die seit Donnerstag im Literaturhaus laufenden zweiten Stuttgarter „Dragon Days“ zelebrieren die Fantastik als eine „literarische, filmische, digitale, soziale und grafische Kunstform“. Springorum ist dabei – als Produzent und Konsument. Er findet: „Ein solches Festival hat die Stadt dringend gebraucht.“

Niemals erwachsen werden war sein Traum

Zwölf Jahre alt war er selbst, als er sich mit der Liebe zum Fantastischen infizierte. Angesteckt hat ihn der kleine Hobbit des großen Tolkien. „Cowboys und Indianer fand ich damals auch toll“, sagt er. „Es ging immer ums Abenteuer.“ Tolkiens Geschichte und seine Mittelerde-Magie aber übten eine spezielle Wirkung auf den Heranwachsenden aus, in dem tief im Innern der Wunsch wurzelte, „Peter Pan zu sein und niemals erwachsen zu werden“.

Eskapismus ist das Wort, das er heute dafür verwendet. Und die Wahl seiner Reiseziele veranschaulicht den Drang nach der Flucht in die Fremde: In Island und Indien hat er sich isoliert, in New York und London „mit Reizen bombardieren lassen“. Ilulissat in Westgrönland jedoch, ein Viereinhalbtausend-Einwohner-Nest, lässt ihn seit seiner Reise zur Mittsommerzeit im vergangenen Jahr nicht mehr los: die knackenden Eisberge und tausende, heulende Schlittenhunde nachts um halb drei haben sich in sein Gedächtnis eingefroren.

Noch ist die Schriftstellerei ein Hobby

Das Gespür fürs Atmosphärische hat Springorum auf seine jüngste literarische Arbeit übertragen. Es fiel ihm nicht schwer, für „Herbstbringer“ einen Agenten zu finden, auch Lektoren zeigten schnell Interesse. Zwei Jahre nach Vertragsabschluss mit dem zu Bastei Lübbe gehörenden Baumhaus Verlag erscheint der Jugendroman im Oktober. Die Vorstellung, am Sonntag aus ihm vorzulesen, macht ihn schon jetzt „extrem nervös“, bekennt der Debütant, der seinen Lebensunterhalt als freier Journalist bei Zeitungen und Magazinen verdient. Die Schriftstellerei sei „noch ein klares Hobby“ – mit der Betonung auf dem Noch. Nachfolgewerke sind bereits in Arbeit, andere Verlage auf den Autor aufmerksam geworden. „Einen Mittelweg zwischen dem Journalismus und der Schriftstellerei zu finden, wäre schön“, sagt der 30-jährige Björn Springorum.

Zuerst jedoch fiebert Springorum der Erstveröffentlichung entgegen – und den „Dragon Days“. Auf ihnen ist er nicht allein durch seinen Auftritt am Sonntag auf dem Hoppenlaufriedhof präsent. Bereits einen Tag zuvor ist er Teil der szenischen Lesung „Das Kosmophon“, die Fotografie, Ton, Malerei und Text zu einem ineinandergreifenden Gesamtkunstwerk verbindet. Am selben Nachmittag liest Springorum unter dem Schlagwort „Wahre Märchen“ mit seinem Autorenkollegen Christian von Aster zu den Aufnahmen der Schweizer Fotografin Annie Bertram aus seinen Kurzgeschichten.

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