Sarah Jäger Foto: Lichtgut/Zophia Ewska

In der Waldschule haben die Schülerinnen und Schüler der 10. Klassen viele Fragen an Sarah Jäger, die Verfasserin des Romans „Nach vorn, nach Süden“, der in diesem Jahr Pflichtstoff für den Realschulabschluss im Land ist.

Sie heißen Marie, Vika, Can, Otto, Pavel, Marvin, Leroy und Lena, die von allen nur Entenarsch genannt wird. Und sie hängen regelmäßig im Hinterhof vom Penny-Markt ab. Zwischen Holzpaletten und Mülleimern. Einer fehlt: Jo, 16 Jahre alt. Seit sechs Monaten verschwunden. Einfach abgehauen. Und Marie allein gelassen. Sie will ihn suchen. Aber wie? Ohne Auto? Ohne Führerschein? Und wo? Lena wird Jo nie verzeihen, dass er sie als erster Entenarsch genannt hat. Trotzdem geht sie mit Can und Marie auf Tour, weil sie als einzige den Führerschein hat. Und einen uralten Corsa. Die Road Story endet wieder im Hinterhof vom Penny. Immer noch ohne Jo. Aber mit seiner Handynummer. Und einem neuen Blick auf die Welt und das Leben.

 

Sarah Jäger (45), geboren in Paderborn und in Essen zu Hause, hat an diesem Tag schon zwei Lesungen in Stuttgart hinter sich: In der Pestalozzischule in Vaihingen und in der Anne-Frank-Schule in Möhringen. „Nach vorn, nach Süden“ ist 2020 als ihr erster Roman erschienen und brachte ihr gleich einen Preis und ein Jugendliteratur-Stipendium ein. Sie trifft den Ton, ihr Stil ist pointiert, ihre Dialoge sind witzig, klug und mit Tiefgang. „Niemals habe ich damit gerechnet“, beteuert sie vor den 50 Schülerinnen und Schülern der Klassen 10 a/b in der Aula der Waldschule, „dass ich jetzt durch Baden-Württemberg fahre und hoffe, dass mein Besuch ein kleiner Beitrag zum Erfolg Eurer Prüfung sein kann.“ Als sie vom Verlag hörte, dass ihr Buch Pflichtstoff sei, war sie erschrocken: „Die werden mich alle hassen, weil sie mein Buch lesen müssen.“ Aber nein! „Es ist sehr unterhaltsam“, lobt Ben Amor (15), „mit unerwarteten Wendungen.“ Er hat auch Jägers zweiten Roman „Die Nacht so groß wie wir“ schon gelesen. „Es geht ja um eine Clique in unserem Alter“, fühlt sich Paul Kaminski (16) angesprochen.

„Na ja, einige haben schon gemurrt, aber nicht über das Buch, sie haben es nicht so mit dem Lesen“, verrät Sarah Uran, Klassenlehrerin der 10a. Sie und ihre Kollegin Constanze Bachmann von der 10b haben das Buch mit ihren Klassen nach allen Regeln der Didaktik erarbeitet. „Wir haben sogar kleine Szenen aus dem Buch nachgespielt“, erzählt Ben. Und die Story obendrein in verschiedenen Formaten dargestellt: Als Comic und als Fotoroman, für den sie selbst vor der Kamera posierten. „Toll“, ist Sarah Jäger von dieser intensiven Rezeption begeistert.

Sie selbst hat ein Power Point mitgebracht und nimmt ihr Publikum virtuell mit in den Hinterhof vom Penny Markt, auf die Stationen der Tour wie Münster und Fulda und zwischen kurzen Textpassagen immer wieder ins Theater von Heilbronn, wo es der Roman schon auf die Bühne geschafft hat, und die jungen Darsteller die Figuren Marie, Can und Lena lebendig werden lassen. Die Autorin, die sich als ausgebildete Theaterpädagogin in dem Metier auskennt, ist mit der Inszenierung einverstanden, „nur den Can habe ich mir anders vorgestellt.“

Die Schüler fragen auch nach dem Geld

Dazu passt eine der Fragen, die Yella Martin und Leni Krieg aus einem vorbereiten Katalog an die Autorin haben: „Welche von Ihren Figuren lieben Sie besonders?“ „Vielleicht Lena, die Außenseiterin, aber sie müssen einem alle ans Herz wachsen“, versichert Jäger. Sie erzählt aus ihrem Schriftsteller-Leben, ihre Neigung zu „sperrigen Charakteren - wie ich selbst“, wie lange sie für ein Buch brauche, dass ihr erstes Manuskript seit sechs Jahren in der Schublade liege, weil es keinen Verlag fand, und die Geschichte auch schon im Hinterhof vom Penny spielte: „Der Penny-Markt liegt in meiner Nachbarschaft in Essen.“ Ob sie den Roman verfilmen wolle? „Wäre toll, aber das liegt nicht an mir.“ Junge Leute reden im Gegensatz zu den Erwachsenen auch übers Geld: „Was verdient man mit einem solchen Roman?“, will Raffael Matthes wissen. „Was denkst Du“, lässt Jäger raten. Dass von den zehn Euro für das Taschenbuch gerade mal 40 bis 50 Cent an die Autorin gehen, verblüfft dann doch.

Romantisch sind sie aber auch: Ob sich wohl Marie und Jo, den Lena ganz allein an der Nordsee findet, trotz des offenen Endes irgendwann kriegen? „Ich bin für meine Figuren optimistisch“, verspricht Sarah Jäger und wünscht zum Abschied viel Erfolg bei der Prüfung. Am 14. Mai ist es so weit. Was soll bei dieser Unterstützung aus erster Hand noch schief gehen.