Nach dem Abriss der Leonberger Bausparkasse klaffte jahrelang eine riesige Baulücke im Herzen der Stadt. Foto: / Marijan Murat/dpa

Die 1924 gegründete „Leonberger Bausparkasse“ war einst ein Begriff in der ganzen Republik. Vor 20 Jahren verschwand die Marke vom Markt – und die Stadt Leonberg verlor ihren größten Arbeitgeber und Gewerbesteuerzahler. Wie kam das Aus?

Es ist ein Jubiläum, das der Leonberger Seele immer noch wehtut: Im nächsten Jahr wäre die „Leonberger Bausparkasse“ 100 Jahre alt geworden. Doch die Geschichte lief anders. Vor 20 Jahren ist nämlich die Marke „Leonberger Bausparkasse“ nach der Fusion mit der Wüstenrot AG verschwunden, im Sommer 2008 wurden die letzten Arbeitsplätze am Stammsitz abgebaut. Die restlichen von einst mehr als 2400 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zogen nach Ludwigsburg um. Wenn es denn symbolischen Charakter hatte: Selbst das im Stadtbild dominierende Bürohochhaus hat sich bis zum Schluss gegen den Abriss gewehrt und sich mit teilweisem Erfolg der Sprengung am 30. Mai 2009 widersetzt. Am Ende aber war eines klar und unveränderlich: Leonberg hatte nicht nur eines seiner Markenzeichen eingebüßt, sondern zugleich den größten Arbeitgeber und den besten Steuerzahler.

 

Die Leonberger Bausparkasse: Begonnen hatte alles mit der christlichen Überzeugung einer interessanten Persönlichkeit aus dem Stadtteil Eltingen – dem Afrikamissionar Christian Röckle (1883–1966). Der gründete 1924 in Leonberg den Christlichen Notbund zur gegenseitigen Hilfe. Das dahinterliegende Problem klingt nach wie vor aktuell. Denn die Baugenossenschaft, die Baugeldsparverträge auf gemeinnütziger Grundlage anbot, entstand, um die Wohnungsnot zu lindern. Daraus wurde 1929 die Creditgenossenschaft des Christlichen Notbundes zur gegenseitigen Hilfe (CCN). 25 Bausparer bekamen fast 265 000 Reichsmark zugeteilt. Das erste Bausparhaus wurde gebaut.

Dem Gründer war das Unternehmertum suspekt

Röckle selbst war hin- und hergerissen zwischen Evangelisation und Unternehmertum und schied 1932 aus dem Vorstand aus. Das Geschäft aber nahm dessen ungeachtet Fahrt auf. 1929 hatte die CCN 458 Mitglieder, ein Jahr später bereits 2779. Aus der Creditgenossenschaft wurde 1930 die CCN-Bausparkasse. 1934 änderte das Unternehmen dann seinen Namen in Leonberger Bausparkasse und ließ sich vom Architekten Willem Bäumer einen Neubau an der Lindenstraße errichten. Kleine Bausparkassen aus Pforzheim, Stuttgart, Köln und Krefeld schlossen sich der Leonberger an, und man nutzte die Konzentrationsbewegung, um die Genossenschaft in eine Aktiengesellschaft umzuwandeln. Großaktionär der neuen Bausparkasse war zu dieser Zeit die Allgemeine Rentenanstalt, ein Unternehmen der Württembergischen Lebensversicherung in Stuttgart.

Auch während des Zweiten Weltkriegs lief das Geschäft gut. Viele Bausparer wollten während des Krieges Kapital ansammeln, um nach Kriegsende mit dem Bau eines Eigenheims beginnen zu können. Was sich als richtig erwies. Um der Wohnungsnot zu begegnen, bot die Leonberger Wohnsparverträge an, die auch bei der Finanzierung von Eigentumswohnungen eingesetzt werden konnten. An ihrem 25. Geburtstag zählte die Leo-Bau etwa 60 000 Bausparer mit einem Vertragsbestand von 665 Millionen Mark. Im Innendienst waren mehr als 200 und im Außendienst mehr als 300 Mitarbeitende beschäftigt. Ein halbes Jahrhundert nach ihrer Gründung beschäftigte die Leonberger Bausparkasse mehr als 2400 Mitarbeiter und hatte eine Bilanzsumme von etwa 5,3 Milliarden Mark.

Der Anfang vom Ende kam 1988 mit dem Bestreben der Commerzbank, ein Allfinanzkonzern zu werden – und ihrer Beteiligung an der Leonberger Bausparkasse. Die beiden Großaktionäre Commerzbank und Allgemeine Rentenanstalt hielten jeweils 39,9 Prozent des gezeichneten Kapitals, der Rest entfiel auf etwa 1100 Aktionäre im Streubesitz. Die Leonberger war die viertgrößte private Bausparkasse in der Bundesrepublik.

Mit der deutschen Einheit kamen zunächst noch rosige Zeiten. 1991 erlebte die Leo-Bau das bis dahin erfolgreichste Neugeschäft in der Firmengeschichte mit 173 563 neuen Bausparverträgen, davon 55 571 in den neuen Bundesländern. Die Bausparkasse hatte hier einen neuen Außendienst mit ortsansässigen Mitarbeitern aufgebaut.

Die Leo-Bau setzte auch innovative Maßstäbe, die die Branche revolutionierten – den „Leonberger Weg“. Der neue Bauspartarif wurde 1990 eingeführt. Er beendete das bis dahin starre Tarifmodell, bei dem sich die Bausparer von Anfang an auf eine bestimmte Finanzierungsvariante festlegen mussten. Der neue, flexible Tarif bot die Möglichkeit, bis zwei Monate vor der Zuteilung noch wesentliche Parameter des Bausparvertrags zu ändern. Statt bisher sieben möglichen Vertragsvarianten standen nun mehr als 200 Kombinationsmöglichkeiten zur Verfügung, die die Kundschaft auch rückwirkend ohne Mehrkosten ändern konnte. Die Grundidee des Bausparens als einer Solidargemeinschaft bestand weiterhin, wer allerdings Vorteile in Anspruch nahm, musste an anderen Stellen Abstriche in Kauf nehmen.

Den „Leonberger Weg“ aufzubauen hatte eine Vorbereitungszeit von vier Jahren in Anspruch genommen. Das Bundesaufsichtsamt für das Kreditwesen brauchte zwei Jahr für die Genehmigung. Das Tarifwerk war so komplex, dass die Außendienstmitarbeiter mit einem sogenannten Tarifrechner (einem Taschenrechner mit spezieller Software) ausgerüstet werden mussten.

Selbst am Schluss bestanden noch 110 000 Bausparverträge

Dunkle Wolken zogen 1998 auf, als die Commerzbank ihre Anteile an der Leo-Bau an die Württembergische Versicherungsgruppe in Stuttgart abtrat. Damit war diese nun im Besitz von rund 80 Prozent der Stimmrechte. Und so wurde ein Jahr später die Leonberger Teil des neuen Finanzkonzerns Wüstenrot & Württembergische (W&W). Der entstand aus der Verschmelzung der ehemaligen Württembergischen Versicherungsgruppe mit der Bausparkasse Wüstenrot. Weil der Konzern rund 95 Prozent der Leonberger-Anteile hielt, war eine Fusion der Bausparkassen unumgänglich.

Selbst der Schwanengesang der Leo-Bau beeindruckt. Im letzten Jahr ihres Bestehens behauptete sie ihre Marktposition. Der Außendienst war im Bauspargeschäft erfolgreicher als der Durchschnitt der Branche. Mit rund 110 000 Verträgen über Bausparsummen von 3,3 Milliarden Mark stellte das Unternehmen einen neuen Zuteilungsrekord auf. Ein Spruch der damaligen Leonberger Mitarbeiter spricht Bände: „Die Größere schluckt die Bessere“, sagten sie.

Den Rest besorgten die Abrissbagger

2000 fusionierten zunächst die Immobilientöchter, ein Jahr später die Leonberger Bausparkasse mit der Bausparkasse Wüstenrot. Die Hauptversammlung gab der Fusion am 17. Juli 2001 ihren Segen. Die Aktien wurden im Verhältnis 1:1 umgetauscht. Hinter Schwäbisch Hall und BHW-Bausparkasse rückte die „neue“ Wüstenrot Bausparkasse auf Platz drei in Deutschland. Sie hatte mehr als drei Millionen Kunden, 3,5 Millionen Bausparverträge mit 77 Milliarden Euro Bausparsumme; sie verfügte über mehr als 3400 Innendienstmitarbeiter in Ludwigsburg, Leonberg und in den Filialen sowie rund 3100 selbstständige Außendienstpartner.

Im Jahr 2003 verschwand die Marke Leonberger dann endgültig. Über dem Bürohochhaus prangte fortan das Firmenschild „Wüstenrot“. 2009 löste sich bei der Sprengung des markanten Gebäudes mit einem Knall alles auf. Fast alles, eine Mauer blieb stehen. Den Rest besorgten die Abrissbagger.