Am 24. Juni wird der langjährige Geschäftsführer und faktische Heimleiter Wolfgang Schaal verabschiedet. Foto: Granville

24 Jahre lang leitet Wolfgang Schaal das Altenheim Sonnenhalde in Böblingen. Ende Juni tritt er in Vorruhestand. Der Träger des Heims, die Evangelische Gesamtkirchengemeinde Böblingen, will das Pflegeheim unterdessen abgeben.

Hochsitz statt Bürostuhl, Gassigehen statt Teamsitzung, Ruhestand statt Full-Time-Job. Ab dem 25. Juni wird sich das Leben von Wolfgang Schaal grundlegend ändern. Nach 24 Jahren an der Spitze des Altenheims Sonnenhalde in Böblingen tritt der langjährige Geschäftsführer und Heimleiter in den Vorruhestand. Damit endet für das einzige Altenheim in Trägerschaft der Evangelischen Gesamtkirchengemeinde Böblingen eine Ära.

 

Wolfgang Schaal blickt mit gemischten Gefühlen auf das Ende seiner Tätigkeit. Kein Wunder, war der 62-Jährige ein Vierteljahrhundert mit Herzblut in der Branche tätig, die in Zeiten des demografischen Wandels zukünftig noch wichtiger werden wird, im Moment aber in einer Krise steckt. „Ich bin traurig. Ich habe ich es all die Jahre gerne gemacht. Es war ein großer Teil meines Lebens“, bilanziert Schaal.

Ein Remstaler als Feuerwehrmann in Böblingen

1999 als „Krisenmanager“ gekommen, führte der studierte Sozialarbeiter und Betriebswirtschaftler das Heim durch ruhige und turbulente Zeiten. Aktuell sieht Schaal, der aus dem Remstal fast 25 Jahre lang täglich 150 Kilometer hin und zurück fuhr, die Branche erneut in schwierigem Fahrwasser: „Die Wolken verdüstern sich wieder. Mit Corona hat sich die Situation verschärft.“ In der Beschreibung, was die Pandemie angerichtet hat, nimmt Schaal kein Blatt vor dem Mund: „Corona war eine Katastrophe. Wir haben einige Bewohner durch das Virus verloren, wegen der Impflicht und der Schutzmaßnahmen hat sich die Belegschaft entzweit. Das hat belastet.“

Sorgen bereitet dem 62-Jährigen die Entwicklung der Altenpflege allgemein, die sich denselben Problemen stellen muss, wie auch Handwerksbetriebe, Kliniken oder Kindertageseinrichtungen. „Wir haben es mit einem massiven Arbeitskräfte-, nicht nur einem Fachkräftemangel zu tun. Selbst die Stelle der Küchenhilfe kann heute nicht mehr besetzt werden“, so Schaal. Spätestens mit Einbruch der Pandemie habe sich die Personaldecke weiter ausgedünnt: „Einige wollten den Beruf nicht mehr machen. Manche haben sich geweigert, sich impfen zu lassen und haben gekündigt. Dann fehlen grundsätzlich Auszubildende und Pflegekräfte.“

Ohne Leiharbeiter kein Pflegebetrieb mehr

Das aktuelle System, in dem Arbeitende von Zeitarbeitsfirmen das dünne Personaltableau auffüllen, sorge personell zwar für etwas Entlastung, es bringe aber andere Probleme mit sich: „Die Leiharbeitenden können sich ihre Arbeitszeiten aussuchen und dann auch Nacht- oder Wochenendschichten ablehnen. Das können unsere examinierten Pflegekräfte nicht.“ Verzichten auf die Leihkräfte können Pflegehäuser wie die Sonnenhalde längst nicht mehr.

„Es kommt kaum Pflegenachwuchs nach, der die in Rente tretenden Mitarbeiter ersetzen könnte. Und hier sind die zahlenmäßig starken Babyboomer, die erst in 20 bis 30 Jahren in das pflegerelevante Alter kommen, noch gar nicht einbedacht“, prognostiziert der 62-Jährige.

Die angespannte Lage lasse sich nicht von der Politik trennen. „Wir haben in Deutschland das Problem, dass wir dringend Zuwanderung brauchen, gerade von Fachkräften. Diese wollen aber größtenteils gar nicht nach Deutschland. Und die, die zu uns kommen wollen, die wir auch ausbilden könnten, werden abgelehnt aus politischen Motiven und von Teilen der Gesellschaft“, sagt Schaal.

Die Sonnenhalde braucht einen neuen Träger

So bleibt die Personalakquise in Zukunft eine offene Frage, die sich wiederum auf die Wirtschaftlichkeit des Altenheims auswirkt. Durch die spezielle Konstellation als Einrichtung einer einzigen Kirchengemeinde, und zwar der Böblinger Gesamtkirchengemeinde, fehlen der Sonnenhalde die Optionen, über die Heime größerer Träger verfügen. Dort sind bei misslichen Finanzlagen Quersubventionen möglich. Weil der Oberkirchengemeinderat diese Ausgangslage immer wieder als riskant ansah, wurde mit dem Ausscheiden des langjährigen Geschäftsführers die Entscheidung getroffen, für die Sonnenhalde einen neuen Träger zu suchen.

Wer dies sein wird und wann der Prozess abgeschlossen sein wird, kann Dekan Markus Frasch auf Anfrage unserer Zeitung noch nicht sagen. Er versichert: „Wir sind derzeit in Gesprächen mit möglichen Trägern. Mit Sicherheit können wir sagen, dass es ein evangelischer Träger mit Nähe zur Kirchengemeinde in Böblingen sein wird. Gut ist, dass wir keinen Zeitdruck und keine Mit-dem-Rücken-zur-Wand-Situation haben.“ Dennoch sei der Beschluss „schmerzhaft“ gewesen. An die Adresse der Heim-Mitarbeitenden bekräftigt Frasch: „Niemand in der Belegschaft muss sich Gedanken machen.“

Die Nachfolge ist vorerst geklärt

Klarheit herrscht unterdessen in einem wichtigen Punkt: Regina Schneider als kommissarische Heimleiterin und Christian Lauterkorn als Interimsgeschäftsführer folgen auf Wolfgang Schaal. Die 26-jährige Schneider hat ihre ersten Berufsjahre in der Sonnenhalde verbracht, benötigt daher keine Eingewöhnungszeit. „Natürlich wird es ungewohnt sein, einen erfahrenen Ansprechpartner wie Herrn Schaal nicht an seiner Seite zu wissen. Dadurch, dass ich seit 2015 im Heim mitarbeite, kenne ich aber viele Personen und Prozesse“, erklärt Regina Schneider.

Wolfgang Schaal jedenfalls wird sich nach seiner innerbetrieblichen Verabschiedung am 24. Juni und der öffentlichen am 25. Juni in der Stadtkirche anderen Tätigkeiten widmen. „Ich freue mich darauf, wieder mehr auf die Jagd zu gehen. Ich bekomme einen neuen Jagdhund. Ich genieße es aber wieder, mehr Zeit zuhause und mit meiner Frau zu verbringen“, blickt der 62-Jährige voraus.