Hollywood kämpft gegen Streamingdienste um die Vormacht im Filmgeschäft. Experten aber sehen einen eindeutigen Trend zu Serien.
Stuttgart - Streaming ist der Sargnagel des Kinos – diese Ansicht vertreten etliche Größen der US-amerikanischen Filmbranche, allen voran Starregisseur Steven Spielberg. Er forderte, bei künftigen Oscar-Verleihungen Filme des weltweit größten Streamingdienstes Netflix nicht mehr zu berücksichtigen, da die Produktionen gar nicht fürs Kino gemacht sind. Gerade bei der Netflix-Produktion „Roma“ trifft Spielbergs Kritik aber nicht zu. Das Werk des mexikanischen Regisseurs Alfonso Cuarón hatte bei den 91. Academy Awards Ende Februar drei Oscars gewonnen. Der Film gilt narrativ sowie visuell als eines der größten Filmkunstwerke des vergangenen Jahres, ebenso wie „The Ballad of Buster Scruggs“ von den Coen-Brüdern, eine weitere hochwertige Netflix-Produktion. Dass diese Werke nun nicht mehr ausschließlich auf großen Leinwänden zu sehen sind, verschärft die Wettbewerbssituation ungemein.
In Deutschland kam es im Zuge der 69. Berlinale im Februar zu einem ähnlichen Aufbegehren der Kinobranche. Mehr als 160 unabhängige Kinobetreiber forderten in einem offenen Brief an den scheidenden Berlinale-Direktor Dieter Kosslick, die Netflix-Produktion „Elisa y Marcela“ der Spanierin Isabel Coixet aus dem Wettbewerb auszuschließen. Das Werk wurde zwar am 13. Februar auf der Berlinale gezeigt, lief bis zu diesem Zeitpunkt aber nicht im Kino. Der Coixet-Film solle aber zumindest in spanischen Kinos zu sehen sein, versicherte Kosslick.
Die bestimmenden Faktoren sind Zeit und Geld
„Kino und Streaming stehen klar in Konkurrenz zueinander“, ist sich Gregory Mohr sicher. Der wissenschaftliche Mitarbeiter des Instituts für Film-, Theater-, Medien- und Kulturwissenschaft der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz sieht allerdings die öffentliche Positionierung der Kinobranche gegen die Streaminganbieter „kritisch“. Die Krux Hollywoods bestehe darin, dass diese Meisterwerke nicht von den großen Filmstudios produziert und anschließend vermarktet werden – mehr noch, die Streamingdienste kapern mit ihren Qualitätsfilmen die großen Filmfestspiele in Cannes, Venedig oder Berlinale und gewinnen dort Preise, Prestige und nicht zuletzt Publikumsanteile.
Allein verantwortlich für die Talfahrt des Kinos seien Netflix, Amazon Prime Video oder Sky trotzdem nicht, sagt Markus Grab, Betreiber der Branchenwebseite Insidekino.de. Er sieht das Kino in einer digitalen Krise. Die Unterhaltungslandschaft bietet neben Kino und Streaming eine Vielzahl an Beschäftigungsmöglichkeiten: Social Media, Videoplattformen wie Youtube, Podcasts oder Videospiele. Noch nie war die Konkurrenz in diesem Bereich so groß wie heute. „Es entsteht ein Kampf um die Gunst des Publikums, und die bestimmenden Faktoren sind Zeit und Geld“, sagt Grab.
Der Preis für ein Netflix-Basisabonnement ist eine Kampfansage
Auf seinem Blog zeichnet der Kinoexperte zudem die Preissteigerungen für eine Kinokarte nach. Dort schreibt er: „Während die allgemeine Inflation von 2009 bis 2017 10,65 Prozent betrug, stiegen die durchschnittlichen Eintrittspreise in den Kinos um 29,4 Prozent, also fast dreimal stärker.“ Er folgert daraus: „Die meisten empfinden Kino als zu teuer.“ Dagegen wirkt der monatliche Preis von 7,99 Euro für ein Netflix-Basisabonnement wie eine Kampfansage, ist er doch vergleichbar mit dem Kauf einer einzelnen Kinokarte.
Noch dazu steigt auch die Lust der Filmschaffenden, Werke für Streamingdienste zu produzieren. Letztere, allen voran Netflix, verpflichten für ihre Eigenproduktionen im Film- und Seriensektor immer mehr große Namen. Neben Starregisseuren wie den erwähnten Coen-Brüdern und Alfonso Cuarón haben sich auch schon Schauspielgrößen wie Sandra Bullock („Bird Box“), Kevin Costner, Woody Harrelson und Kathy Bates („Highwaymen“) von Streaminganbietern als Darsteller verpflichten lassen. Für die Kinos wird der Besucherrückgang existenziell. Dabei ist nicht davon auszugehen, dass die Gesamtheit der ehemals treuen Kinogänger zu den Streaminggrößen Netflix, Amazon Prime Video oder Sky abwandert, wie Serienexperte Mohr betont. Die Entwicklung spreche für eine Verschiebung der Nutzervorlieben. Er geht davon aus, dass große Blockbuster das Publikum heute nicht mehr so begeistern würden wie noch vor einigen Jahren. Stattdessen würden sich die Menschen dem mehrteiligen Serienformat zuwenden. „Der Trend geht eindeutig zur Serie, und das nicht erst, seit der amerikanische Pay-TV-Sender HBO mit ‚Game of Thrones‘ ein weltweit erfolgreiches Serienformat realisierte.“ Als Grund nennt Mohr den Wandel der Erzählstruktur in vielen Kinofilmen, die im Vergleich zu Serienhits eher schwach wirke: „In einem zweistündigen Kinofilm kann man die erzählerische Tiefe einer mehrteiligen Serie nicht erreichen.“
Sind Streamingabonnenten gleichzeitig treue Kinogänger?
Wer einen Streamingdienst nutzt, ist fürs Kino aber nicht zwingend verloren. Zu diesem Ergebnis kommt zumindest die Studie „Kinobesucher 2017“ der Filmförderungsanstalt (FFA). Gerade Streamingdienst-Abonnenten würden im Vergleich zu Nicht-Abonnenten häufiger ins Kino gehen. Mehr als jeder zweite Abonnent, genau 55 Prozent, habe 2017 einen Kinofilm gesehen, heißt es in der Studie. Diese Gruppe würde nicht nur öfter ein Kino besuchen, sondern gebe dort auch mehr Geld aus als andere Besucher. Aber bedeutet das wirklich, dass Streaming dem Kino keine Konkurrenz macht?
Aus der FFA-Studie gingen keine Begleitumstände hervor, sagt Mohr. Die Studie würde etwa nicht beantworten, „welchen Anteil am Kinoumsatz die Gruppe der Streamer ausmacht und wie oft diese Befragten eigentlich ins Kino gehen“. Ohne die fehlende Relation könne man den Rückschluss „Streamingabonnenten sind gleichzeitig treue Kinogänger“ so nicht ziehen.
Streaminganbieter fahren auch 2019 großes Programm: Netflix bringt in diesem Jahr neue Staffeln der Serienhits „Stranger Things“ und „Haus des Geldes“ auf den Markt, Mitte April startet die achte Staffel von „Game of Thrones“ auf Sky, und im Herbst will der Apple-Konzern mit einem eigenen Streamingdienst starten. Für die Kinos wird es nicht einfacher.