Der Friedhofsaufseher Domenico Crocco erklärt den Schülern, was von Menschen nach der Einäscherung übrig bleibt. Foto: Simone Bürkle

Schüler des GSG waren mit dem Bestatter Folkmar Schiek auf dem Leinfeldener Waldfriedhof unterwegs. Die Schüler hatten sich im Unterricht mit dem Thema Tod auseinander gesetzt.

Stuttgart - Hinter der Nummer 15 266 steht ein Leben. Domenico Crocco fischt den kleinen runden Schamottstein aus einem Aschehaufen und hebt ihn in die Höhe, so dass die jungen Leute vor ihm die darauf eingeprägte Nummer deutlich erkennen können. Einen solchen Stein mit einer fortlaufenden Zahl, so erklärt der Friedhofsaufseher, bekommt jeder Tote mit in den Sarg, der im Krematorium auf dem Leinfeldener Waldfriedhof verbrannt wird. Der Plakette kann die Hitze nichts anhaben, sie bleibt auch während der zweistündigen Einäscherung im 700 Grad heißen Ofen erhalten. Später kommt der Stein zusammen mit dem, was von dem Toten übrig geblieben ist, in die Aschekapsel, die dann in der Urne Platz findet.

„Auf diese Weise sind Verwechslungen ausgeschlossen. Aber das passiert sowieso nie. So etwas kommt nur in Märchen vor“, sagt Folkmar Schiek. Der Vaihinger Bestatter ist an diesem Vormittag zusammen mit etwa 20 Schülern des Geschwister-Scholl-Gymnasiums auf dem Waldfriedhof unterwegs. Die Zehntklässler haben sich im Unterricht mit dem Thema Tod auseinander gesetzt. Nun sind sie mit dem Ethik-Lehrer Stefan Rehm im Rahmen eines Projekttags auf den Friedhof gekommen, um die Abläufe rund um den letzten Weg des Menschen kennenzulernen.

Für manche der Schüler ist es zu viel

Es ist nicht leicht zu ertragen, was Schiek den Schülern in aller Deutlichkeit und doch mit Achtsamkeit klar macht – nämlich dass der Tod zum Leben gehört. So zeigt der Bestatter den Jugendlichen zum Beispiel die Kühlkammer. Darin sind fünf geschlossene Särge aufgereiht. Daneben steht eine Trage, auf der unter einem Tuch die Umrisse eines Leichnams zu erkennen sind. Schiek spricht über die Vorgänge der Verwesung, zeigt an einem Sarg mit Zinkeinsatz, wie Menschen in die Heimat überführt werden, die im Ausland gestorben sind.

Für manche der Schüler ist das zu viel: Ein Mädchen stürzt beim Anblick des Krematoriumsofens weinend hinaus, ein Junge wird beim Zwischenstopp an der Kühlkammer noch blasser als die meisten seiner Mitschüler und muss sich draußen kurz hinsetzen. In solcher Klarheit haben vorher wohl die wenigsten der Schüler erlebt, welche letzten Schritte vor einer Bestattung nötig sind.

„Sonst sieht man nur die schöne Seite der Friedhöfe“

Bei den rein technischen Aspekten des Sterbens allerdings belässt Schiek es nicht. Vielmehr – so wird es vor allem beim anschließenden Rundgang auf dem Waldfriedhof deutlich – hat sein Beruf auch sehr menschliche, berührende Seiten. „Der Umgang mit Toten ist in der ersten Vorstellung beängstigend. Aber es ist etwas ganz Normales, Friedvolles“, sagt der Bestatter. Für ihn stelle jeder Trauerfall eine neue Herausforderung dar. „Ich komme den Angehörigen in sehr kurzer Zeit extrem nahe. Sie schenken mir ihr Vertrauen, und damit muss ich sorgsam umgehen.“

Für den Lehrer Stefan Rehm ist der Besuch auf dem Waldfriedhof eine Bereicherung. „Natürlich ist es hart, diese Abläufe zu sehen. Aber lieber steht man mit einer Schülergruppe zum ersten Mal vor einem Krematoriumsofen, als bei einem Trauerfall.“ So geht es auch Timo. Der 16-Jährige hat vor kurzem selbst eine Trauerfeier erlebt. „Da war mir einiges nicht klar. Das verstehe ich jetzt besser“, sagt er. Und für seine gleichaltrige Mitschülerin Clara steht fest: „Sonst sieht man nur die schöne Seite der Friedhöfe. Aber es ist gut, dass einem hier der ganze Ablauf mal bewusst wird.“

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