Bei Alexandra Burghardt ist der Knoten geplatzt, das nutzt sie nun auch im Eiskanal. Foto: Baumann/Cathrin Müller

Alexandra Burghardt führt ab sofort ein sportliches Doppelleben. Die Sprinterin schiebt nun auch einen Bob an – und könnte sich ihren Kindheitstraum gleich noch mal erfüllen.

Innsbruck - Alexandra Burghardt (Wacker Burghausen), die schnellste deutsche Sprinterin, will sich im Februar innerhalb von sechs Monaten zum zweiten Mal ihren Kindheitstraum Olympische Spiele erfüllen. Die zweifache deutsche Meisterin über 100 und 200 Meter war im Sommer in Tokio nur um sieben Hundertstel am olympischen Finale vorbeigeschrammt und davor mit 11,01 Sekunden gleichauf mit Olympiasiegerin Annegret Richter auf Platz neun der ewigen deutschen Bestenliste gesprintet. Am Sonntag feiert Burghardt beim Weltcup in Innsbruck ihr Debüt als Anschieberin im Zweierbob von Olympiasiegerin Mariama Jamanka (Berlin). Nach ein paar Anschub-Tests im thüringischen Oberhof und gerade mal drei Testfahrten vor einer Woche im Innsbrucker Eiskanal wagt sie das Abenteuer Bobfahren, wie immer wieder Leichtathleten vor ihr.

 

Jede Menge Reize

Was reizt eine erfolgreiche Sprinterin am Bobfahren? „Es ist die neue Herausforderung, die Geschwindigkeit in einem Bob und natürlich die Chance auf eine olympische Medaille“, begründet Burghardt ihren Ausflug in den Eiskanal. Die Kräfte „im Karussell“ seien irre („da drückt dich eine unsichtbare Hand gegen den Schlittenboden“), Angst habe sie jedoch keine. Sie erfahre viel Rückenwind für ihre Entscheidung, von der Kunststoff- auf die Eisbahn zu wechseln. „Bobfahren ist die Kirsche aufs Sahnehäubchen“, sagt sie begeistert.

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„Wenn alles passt, kann ich mir vorstellen, dass Alexandra auch in Peking in meinem Bob sitzt“, sagt Olympiasiegerin Jamanka. „Bob ist geil, ich finde Alexandras Schritt sensationell“, befindet Ronald Stein, der Sprint-Bundestrainer im Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV). Der ehemalige Dreispringer aus Erfurt war in Oberhof selbst Junioren-Weltmeister im Bobfahren. Stein hat keine Bedenken gegen Burghardts „Fremdgehen“ im Winter, ist vielmehr auch begeistert. Abgesprochen sei jedoch, dass der Spint weiterhin Priorität besitze. Burghardt habe eine hohe Grundschnelligkeit und Beschleunigungsfähigkeit und mit 72 Kilo das Idealgewicht, um den 170 Kilo schweren Bob anzuschieben. „Am Ende profitieren beide Sportarten von dieser Symbiose“, so Stein.

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Das Erfolgsrezept der schnellsten deutschen Sprinterin? Bei der 1,81 Meter großen Athletin platzte in dieser Saison der Knoten. „Ich habe mit Patrick Saile den besten Trainer, den ich mir vorstellen kann“, betont Burghardt. Saile habe eine sehr bildhafte Sprache als Trainer und strahle Ruhe aus, was für sie als emotionale und impulsive Athletin einen wichtigen Ausgleich darstelle. Patrick Saile aus Remshalden, ehemaliger Sprinter beim LAC Pliezhausen, dem VfL Sindelfingen und dem LC Zürich, war als Biomechaniker in Zürich tätig und wechselte danach als Landestrainer nach München, um zu je 50 Prozent für den Bayerischen Leichtathletik- und Bob-Sport-Verband zu arbeiten. In knapp zwei Jahren führte er Alexandra Burghardt und Amelie Sophie Lederer an die deutsche Spitze: Lederer als deutsche Hallenmeisterin über 60 Meter, Burghardt mit ihren ersten Einzeltiteln im Freien. Inzwischen ist Saile Schweizer Nationaltrainer im Sprint. Burghardt und Lederer fahren alle zwei Wochen zum Training in den Letzigrund nach Zürich und wohnen bei ihrem Trainer im Gästezimmer.

Zu Hause ist’s doch am schönsten

Burghardt ist dennoch froh, wieder zu Hause im bayrischen Burghausen zu sein. „Heimat ist für mich ganz wichtig“, sagt die 27-Jährige. Die Marketing-Koordinatorin hat sich beruflich freistellen lassen und ist wieder Vollzeitsportlerin. Nach Innsbruck stehen bis Weihnachten in Winterberg und Altenberg zwei weitere Weltcups an. Der Januar ist dann wieder Leichtathletik-Monat mit zehntägigem Trainingslager in Teneriffa. Läuft mit den Olympischen Spielen alles nach Plan, könnte sie nach dem Wettbewerb in Peking am 18. Februar zurückfliegen und eine Woche später bei den Deutschen Hallenmeisterschaften in Leipzig im 60 Meter-Finale im Startblock stehen. Der emotionale Höhepunkt aber werden die Europameisterschaften in Münchener Olympiastadion (15. bis 21. August) sein. „Als schnellste Deutsche und Lokalmatadorin dort eine Medaille zu gewinnen wäre schon der Hammer“, sagt Burghardt.