Der 22-jährige schwedische Stabhochspringer Armand Duplantis scheint alle Grenzen zu sprengen. Allein der Weltmeister-Titel fehlt ihm noch in seiner Sammlung. Knackt der Überflieger die 6-Meter-Marke auch in Karlsruhe?
Karlsruhe/Stuttgart - Wunderkind, Überflieger, Superstar – die Lobeshymnen für den Stabhochspringer Armand Duplantis überschlagen sich. „Ihn in einem Meeting zu haben ist das Sahnehäubchen“, sagt Alain Blondel, ehemaliger Zehnkampf-Europameister und Meeting-Macher vor der 38. Auflage des Karlsruher Hallenmeetings heute Abend.
Nur ein großer Titel fehlt dem 22-Jährigen noch
Olympiasieger, Europameister, Weltrekordler – Duplantis hat mit gerade 22 Jahren schon fast alles erreicht und zudem Fragen nach Limits in seiner Disziplin aufgeworfen. In den elf verrücktesten Tagen seines Lebens im Februar 2021 steigerte er sich in der Halle von sechs Metern auf zuvor unvorstellbare 6,17 Meter und 6,18 Meter. Nach seinem Weltrekordsprung im polnischen Torun wurde der Schwede von seinen Konkurrenten auf den Schultern aus der Halle getragen. Was ist das für eine Entwicklung! Ein aufstrebender Rivale war im Eiltempo zum Idol geworden.
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15 Jahre lang war der Ukrainer Sergej Bubka mit einer Bestleistung von 6,14 Metern als Olympiasieger, 35-facher Weltrekordler und zehnfacher Weltmeister Herrscher der Lüfte. Der Franzose Renauld Lavillenie steigerte als Olympiasieger den Weltrekord auf 6,16 Meter. Bubka und Lavillenie sprangen ihre Bestleistungen im Alter von 30 bzw. 28 Jahren.
14 Mal knackte er bereits die magische Marke
„Ich kann nicht sagen, wo meine Grenzen liegen, aber sie sind definitiv höher als meine derzeitigen Weltrekorde“, sagt der Jungspund, der in Lousiana (USA) lebt. Bei den Europameisterschaften 2018 im Berliner Olympiastadion hielten 50000 Zuschauer den Atem an, als Duplantis mit 6,05 Metern seinen ersten von inzwischen 14 Sechsmeter-Sprüngen absolvierte und dabei sein Idol Lavillenie vom Thron stieß. Stabhochsprung ist der ständige Kampf der Athleten mit der Schwerkraft. Beim Überwinden der Latte entladen sich die Emotionen. Je höher die Latte liegt, desto tiefer der Fall, desto größer die Glücksgefühle.
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Der Trumpf des Armand Duplantis ist seine Anlaufgeschwindigkeit mit dem Stab. „Meine Schnelligkeit ist tatsächlich der Grund, dass ich so hoch springen kann“, weiß er um das Geheimnis seiner Höhenflüge. Und mit diesem Geheimnis scheint er bei seinen Sprüngen der Schwerkraft immer wieder entrücken zu können. „In den Sekunden des Sprungs und der Lattenüberquerung denke ich überhaupt nichts“, gesteht der Athlet, der von seinem Vater Greg Duplantis, auch ein ehemaliger Stabhochspringer, trainiert wird.
Die Konkurrenz traut ihm alles zu
In welche Dimensionen kann dieser 1,81 Meter große und 29 Kilo schwere Duplantis, der gerade in Schweden zum zweiten Mal zum Sportler des Jahres gewählt wurde, vorstoßen? „6,20 Meter sind greifbar, 6,25 Meter denkbar“, wagt Konkurrent Renauld Lavillenie eine Prognose. Weil Stabhochsprung viel mit Erfahrung zu tun hat, könnte sich Duplantis` Limit in einigen Jahren sogar Richtung 6,30 Meter verschieben.
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In seiner Erfolgsliste fehlt ihm nur noch der WM-Titel, sonst hat er schon alles gewonnen. 2019 hatte er in Doha höhengleich mit dem Amerikaner Sam Kendricks „nur“ die Silbermedaille gewonnen. „Es ist Zeit, dass ich einen WM-Titel im Freien hole, ich bin sehr motiviert“, startet der Leichtathletik-Profi in ein außergewöhnliches Jahr mit der WM in Eugene (USA, 15. bis 24. Juli) und der EM in München (11. Bis 15. August) direkt hintereinander. „Ich habe magische Erinnerungen an die EM in Berlin, deshalb freue ich mich sehr auf die Rückkehr nach Deutschland zur EM in München“, betont er wenige Tage vor seinem Start in Karlsruhe.
Duplantis ist ein Superstar der Szene
„Armand Duplantis ist derzeit neben dem Norweger Karsten Warholm der Topstar der Leichtathletik“, gibt sich Meetingmacher Blondel ein wenig stolz über die Verpflichtung des Schweden. Neben den Weltrekordlern Haile Gebrselassie, Wilson Kipketer und Jonathan Edwards zähle der schwedische Stabhochsprungartist zu den ganz großen Weltstars in der 38-jährigen Meetinggeschichte, so Blondel.
Duplantis möchte am liebsten mit einem neuen Meetingrekord in Karlsruhe Spuren hinterlassen. 5,95 Meter stehen bislang von Lavillenie zu Buche. „Wenn hier noch niemand sechs Meter gesprungen ist, wird es höchste Zeit“, macht der Springer der Superlative eine klare Ankündigung.