Helfen Nichterfüller, also Berufseinsteiger ohne Lehramtsstudium, den Lehrermangel an den doppelstädtischen Schulen zu beseitigen? Unser Foto zeigt symbolhaft die Klosterringschule in Villingen. Foto: Huber

Die Not und der Lehrermangel sind groß: Warum sollten nicht auch Erzieher oder Journalisten unterrichten? Ja, warum nicht? Wenn es da nicht ein paar "skandalöse" Begleiterscheinungen im Zusammenhang mit Nichterfüllern gebe, wie Elternvertreter finden.

Villingen-Schwenningen - Seit Jahren zieht sich ein Aufreger-Thema quer durch fast alle Schularten. Lehrer fehlen vor allem in eher ländlich strukturierten Räumen wie dem Schwarzwald-Baar-Kreis und damit auch in Villingen-Schwenningen, mal abgesehen von den noch ordentlich mit Lehrpersonal ausgestatteten Gymnasien.

 

Berthold kritisiert

Nun sollen neben Seiteneinsteigern und Direkteinsteigern auch Nichterfüller die Vakuen füllen, also Berufseinsteiger ohne Lehramtsstudium, mit befristeten Verträgen. Tino Berthold, Vorsitzender des Gesamtelternbeirates (GEB) für die städtischen Schulen in Villingen-Schwenningen, beschäftigt sich schon seit Jahren mit dem chronischen Problem, schreibt E-Mails an Behörden und kommentiert auch den recht neuen Ansatz, unter anderem mit Nichterfüllern die Lehrernot zu mildern.

Berthold sieht weniger im fehlenden Abschluss ein Problem, sondern darin, dass Nichterfüller bislang ohne Fortbildungen oder Anlernphase gleich in die Schulen kommen und "vor die Klasse" gestellt werden. "Ich habe nichts gegen diese Leute", stellt Berthold klar, "aber die brauchen eine pädagogische Vorbereitung". "Haben denn nicht auch alle Referendare Lehrer an ihrer Seite, wenn sie frisch an die Schule kommen?", ergänzt er.

Als skandalös empfindet der städtische GEB-Vorsitzende noch andere Begleiterscheinungen: "Wenn Schulleitungen ihre Lehrerversorgung mit 100 Prozent angeben, kommt dies nur zustande, weil Personen mit einem erzieherischen Hintergrund, aber ohne Lehramtsbefähigung mit einbezogen werden", also mit den Nichterfüllern. "Diese Personen geben ihr Bestes, aber qualitativ hochwertiger Unterricht kann aus unserer Sicht erst nach mehreren Jahren unter einer Förderung und Führung erfolgen", bekräftigt er.

Zehn Jahre "vergeigt"

Wer sich in gut unterrichteten schulischen Kreisen umhört, der bekommt noch ganz andere Kommentare zu hören: "Die Nichterfüller retten uns den Hintern", ansonsten wäre aufgrund eines eklatanten Lehrermangels der Unterricht nicht mehr zu gewährleisten. "Ohne sie würden wir uns schulisch an die Wand fahren." Unersetzbar also, aber was hinter den Kulissen ablaufe, sei ein "Skandal". Diese befristeten Stellen werden als "volle Lehrerstellen" mitgezählt und dies sei nicht korrekt, heißt es weiter. "Skandalös" sei aber noch anderes: "Nichterfüller übernehmen Lehraufträge, für die sie nicht qualifiziert sind", spielt auch ein erfahrener Pädagoge darauf an, dass Nichterfüller "ohne jegliche Vorbereitung" vor die Klasse gestellt werden.

Voraussetzung sollte aber eine Vorbereitung von mindestens neun Monaten sein und "dann könnte man diesen Leuten auch unbefristete Verträge anbieten". Ansonsten sinke die Qualität des Unterrichtes. "Bislang werden entsprechende Vorbereitungen auf freiwilliger Basis angeboten." Schulinterne Kreise haben die Schuldigen in der Lehrermangel-Causa ausgemacht: die Landesregierung, die "haben zehn Jahre vergeigt".

Lehrer bleiben zu Hause

Das Problem ist chronisch geworden, oder wie es Reinhard Benedikt, Pressesprecher im Kultusministerium, formuliert: "Die Unterrichtsversorgung ist im ganzen Land angespannt, wozu natürlich auch die Pandemiesituation beiträgt, weil Lehrerinnen und Lehrer sich infizieren und in Quarantäne müssen oder weil Lehrkräfte zu Risikogruppen gehören oder schwanger werden und dann nicht mehr für den Präsenzunterricht zur Verfügung stehen."

Tino Berthold würde hier Einspruch rufen: "Corona ist nicht Schuld am Lehrermangel, sondern hat die Situation noch verschärft." Doch wie begegnet das Kultusministerium des Landes Baden-Württemberg dem gravierenden Lehrermangel? Unter anderem damit, dass Lehrkräfte ihre Teilzeitdeputate aufstocken, dass Versetzungen und Abordnungen erfolgen, um weniger gut versorgte Regionen auch zu versorgen, und dass Arbeitsverträge von bewährten Nichterfüllern entfristet und diese dauerhaft eingestellt werden.

Wie sind diese Kräfte qualifiziert?

Wie sieht es mit der Qualifikation dieser Kräfte aus? Nichterfüller, so Benedikt, werden nur in Ausnahmefällen eingesetzt. Schulen und Schulverwaltung prüfen vor deren Einsatz im Unterricht, ob sie dafür auch geeignet sind. Begleitet und unterstützt werden diese von den Kollegien vor Ort. Darüber hinaus seien Qualifizierungsreihe für Nichterfüller in Planung. Dabei gehe es zunächst um eine Maßnahme für insgesamt 80 Personen im Sommer 2022 in den Seminaren Rottweil und Offenburg. Langfristig habe die Landesregierung bereits reagiert und die Studienanfängerplätze im Bereich des Lehramts Grundschule schrittweise deutlich erhöht. Dennoch werde sich die Lage nicht allzu schnell entspannen.

Was sagt das Schulamt?

Wie angespannt sieht Susanne Cortinovis-Piel, Amtsleiterin im Staatlichen Schulamt Donaueschingen, die Lage? Gerade fehlen acht Prozent der Gesamtdeputate, berichtet sie. Etwa zwei Drittel davon können mit Nichterfüllern besetzt werden. Der Prozess der Stellenbesetzung sei jedoch momentan noch nicht abgeschlossen. Voraussetzung für Nichterfüller sei eine pädagogische Ausbildung, pädagogische Erfahrung und gute Deutschkenntnisse. "Wir konnten überwiegend positive Erfahrungen machen: Sie bringen hohe Motivation mit und sind bereit, sich in die neue Aufgabe hineinzufinden."

Quer in den Schuldienst einsteigen

In Baden-Württemberg gibt es grundsätzlich zwei Möglichkeiten, quer in den Schuldienst einzusteigen: Personen, die einen nicht-lehramtsbezogenen Studiengang erfolgreich absolviert haben, können sowohl über den Seiteneinstieg als auch über den Direkteinstieg in den Schuldienst einsteigen. Der Seiteneinstieg in den Vorbereitungsdienst ist an den allgemein bildenden Gymnasien und den beruflichen Schulen in Fächern geöffnet, in denen besonderer Bedarf besteht. Der Vorbereitungsdienst dauert 18 Monate. Nach Abschluss sind die Seiteneinsteiger den angehenden Lehrkräften mit einem Lehramtsstudium gleichgestellt. Neben dem Seiteneinstieg ist an beruflichen Schulen ebenfalls ein Direkteinstieg möglich. Voraussetzung dafür ist ein adäquater Hochschulabschluss und eine mehrjährige einschlägige Berufserfahrung in der entsprechenden Fachrichtung.