Das vor 150 Jahren eingeweihte Hotel Imperial ist eines der besten Häuser Österreichs, hier steigen Politiker, Stars und Hochadel ab. Eigentlich wurde das Palais als Privathaus für Philipp Herzog von Württemberg gebaut.
Der Löwe steht für Stärke, der Hirsch für Ausdauer. Wer genau hinschaut, findet die beiden Tiere unzählige Male im Haus. Über den Türrahmen in Stein gehauen, an den Messingklinken und auf den Aufzugkabinen eingraviert, in Glasscheiben geätzt. Das Wappen des Hauses Württemberg ist allgegenwärtig im Wiener Hotel Imperial und sorgt bei Gästen aus dem Ländle für ein vertrautes Gefühl – ach, wie dahoim.
Mega-Bauprojekt Ringstraße
Die Symbole wurden als Reminiszenz an den Bauherrn des Hauses belassen. Denn das Hotel Imperial war ursprünglich ein Privathaus: das Heim von Philipp Herzog von Württemberg und seiner österreichischen Ehefrau Maria Theresia von Habsburg. „Mitte des 19. Jahrhunderts galt Wien als der bedeutendste Ort im deutschsprachigen Raum“, sagt Michael Moser, 71, der frühere Concierge und nun Archivars des Hotels. Daher sei es in gewissen Kreisen schick gewesen, in der Hauptstadt der Donaumonarchie zu wohnen. Wien erlebte damals einen Bauboom, gegen den Stuttgart 21 wie eine kleine Renovierungsmaßnahme daherkommt.
Kaiser Franz Joseph I., besser bekannt als Ehemann von Sissi, verfügte 1857, die mittelalterliche Stadtbefestigung rund um die Wiener Altstadt abzureißen und auf der frei werdenden Fläche einen prachtvollen Boulevard anzulegen. Das Kaiserhaus ließ öffentliche Gebäude wie das Kunsthistorische Museum, die Oper oder das Parlament errichten. Die anderen Grundstücke wurden an den Adel und zahlungskräftige Bürger verkauft, darunter namhafte Bankiers wie die Familien Eprussi, Epstein oder Schey. Man lockte die Investoren, indem man ihnen Steuerbefreiung über Jahrzehnte versprach.
Philipp von Württemberg ergatterte eines der Filetgrundstücke: Kärntner Ring 16, mit Blick auf die barocke Karlskirche. Der Adlige aus dem deutschen Südwesten beauftragte 1863 den Münchner Architekten Arnold Zenetti und den Wiener Baumeister Heinrich Adam mit der Errichtung eines Palastes im Neorenaissancestil. Nach drei Jahren Bauzeit zog die Familie 1866 ein. Typisch ordentlich-schwäbisch war das Palais Württemberg als eines der ersten Häuser am Ring fertig. Doch nach wenigen Jahren verkauften sie das Haus wieder. „Wahrscheinlich störte sie der Lärm und der Staub drumherum, es wurde ja noch überall gebaut“, sagt Moser. Besonders geärgert haben den Herzog die Arbeiten am Konzerthaus des Wiener Musikvereins. Einen Teil seines Parks musste er dafür hergeben, außerdem war nun die Aussicht auf den Karlsplatz futsch.
Als der Sohn Thronfolger wurde zog die Familie nach Stuttgart
In seinem Archiv hütet Michael Moser die Menükarte des letzten Diners, das die Württembergs am 6. Mai 1872 im alten Heim gaben, bevor sie ins Palais Strudlhof im 9. Wiener Gemeindebezirk zogen. Es gab unter anderem Lachs nach Toulouse Art und Rinderfilet mit grünem Spargel, dazu Rüdesheimer Wein. Auch im neuen Quartier blieben die Württembergs nicht für immer. Sie zogen zurück nach Stuttgart. Albrecht, der älteste Sohn von Philipp, war 1903 vom nachfolgerlosen König Wilhelm II. von Württemberg zu seinem Thronerben bestimmt worden.
Vom Palais zum Luxus-Hotel
Mit dem Besitzerwechsel wurde das Haus am Kärntner Ring 16 komplett umgekrempelt. Horace Ritter de Landau erkannte messerscharf: Die Weltausstellung 1873 stand vor der Tür, und Wien hatte keine adäquaten Unterkünfte für die Gäste. Also baute er das Palais zum Luxushotel um. Aus dem Innenhof wurden Empfangshalle und Barbereich. Michael Moser führt durch den prächtig bemalten Marmorsaal, an dessen Stelle sich einst, Pferdeställe befanden. „Auch die ehemalige Garage für die Kutschen hat man zum Festsaal ausgebaut.“ Aus den Gemächern in der Beletage wurden Hotelzimmer.
Zahlreiche Promi-Gäste
Das Imperial war aus dem Stand ein Erfolg. Zu den ersten Gästen gehörten der brasilianische Kaiser Dom Pedro II., der dänische König Christian IX. und der deutsche Kaiser Wilhelm I. Ab 1945 wählte die russische Armee das Imperial als Hauptquartier. Erst ab 1955 konnten wieder Hotelgäste einchecken. Was in der Monarchie beliebt war, wird auch in der Republik geschätzt. Die österreichische Regierung bucht ihre Staatsgäste gerne im Imperial ein. Moser zeigt die Gästebücher. Es gibt Eintragungen des Schahs von Persien, des saudischen Königs Ibn Saud, von Thailands König Bhumibol, Königin Elisabeth II. von England, US-Präsident Richard Nixon oder des französischen Präsidenten Georges Pompidou.
Auch Künstler steigen im Imperial ab, wegen der Nähe zum Wiener Musikverein viele Dirigenten. „I’ll be back“, notierte Arnold Schwarzenegger im Gästebuch – den berühmtesten Satz aus dem Film „Terminator“. Moderator Thomas Gottschalk wettete, „dass er in die Betten passt“. Die Musiker Billy Joel und Prince gaben zu später Stunde Privatkonzerte am Flügel in der Bar. Allerdings unabhängig voneinander. Komiker Charlie Chaplin fand das Haus „beautiful and splendid“. Modezar Karl Lagerfeld malte im Gästebuch eine Doppelseite voll. Sänger Michael Jackson unterschrieb versehentlich zweimal. Dafür verweigerte der japanische Kaiser den Eintrag. „Der Tenno unterschreibt nur offizielle Dokumente, das muss man verstehen“, erklärt Michael Moser.
Der gebürtige Kärntner kümmerte sich 31 Jahr lang so gut um seine berühmten Gäste, das er irgendwann selbst zur Berühmtheit wurde. Regisseur Wes Anderson setzte ihm mit „The Grand Budapest Hotel“ ein filmisches Denkmal. Vor sieben Jahren ging er in Pension, er kommt aber noch immer fast täglich ins Haus, um sich um das Archiv zu kümmern. Vielleicht wird irgendwann ein kleines Museum draus.
Im Laufe seiner Geschichte hat das Haus zwei Weltkriege überstanden und zahlreiche Umbauten mitgemacht, unter anderem wurde es um drei Etagen aufgestockt. Heute hat das Hotel 138 Zimmer und Suiten, die royale Eleganz Zeiten versprühen. Gemälde, Antiquitäten, Stuckdecken, seidenstoffbespannte Wände und glitzernde Kristallkronleuchter sorgen für das Gefühl, in einem königlichen Palast zu logieren. Die jeweils neueste Technik hielt immer wieder Einzug. Erst kamen Badezimmer hinzu, dann Klimaanlagen, heute gibt es natürlich WLAN und in den Louis-Seize-Kommoden verstecken sich Minibar und Safe.
Das beste Zimmer kostet 7000 Euro – pro Nacht
Die schönsten Quartiere des Hauses sind die drei Fürstensuiten im ersten Stock. Für besondere Gäste kann man die Räume dank Verbindungstüren zu einem einzigen großen Gemach vereinen. Das wurde zum Beispiel gemacht, als Königin Elisabeth II. von England im Imperial wohnte. Eine Nacht kostet hier 7000 Euro. Ein normales Doppelzimmer ist ab 500 Euro zu haben. Man kann aber auch einfach nur ein Stück der berühmten Imperial-Torte im Café essen. Für 11 Euro das Stück.
Das Hotel gehört heute einem Investor aus Dubai
Das Imperial hat im Laufe der letzten anderthalb Jahrhunderte mehrfach den Besitzer gewechselt. Seit 2016 gehört es einem Investor aus den Emiraten. Daher weht die Fahne der Firma Al Habtoor Investment neben den Flaggen Österreichs, Dubais, der USA und der Europäischen Union über dem Eingang. Um den Hotelbetrieb kümmert sich der Marriott-Konzern.
Der württembergischen Herkunft wird noch immer höchster Respekt gezollt. Zur Begrüßung und zum Abschied lächelt Philipp von Württemberg den Gästen von einem mannshohen Ölgemälde entgegen. „Wir haben ihm extra eine blaue Hose angezogen, damit er nicht mit Franz Joseph I. verwechselt wird“, sagt Michael Moser und lacht verschmitzt. Der Kaiser trägt rote Hosen.
Das Haus Württemberg
Stammvater
Philipp Herzog von Württemberg (1838-1917) ist der Begründer der heute amtierenden Linie des Hauses Württemberg. Gemeinsam mit seiner Frau Maria Theresia von Habsburg hatte er fünf Kinder und lebte die meiste Zeit in Wien. Durch seine französische Mutter kam er zum katholischen Glauben.
Thronfolge
1903 bestimmte König Wilhelm II. von Württemberg (1848-1921), dass Albrecht Herzog von Württemberg, der älteste Sohn Philipps, ihm auf den Thron folgen sollte. Der letzte König von Württemberg hatte zwar eine Tochter namens Pauline, aber keinen männlichen Erben. 1880 war sein Sohn Prinz Ulrich im Alter von nur fünf Monaten gestorben. 1882 kam seine Frau, Prinzessin Marie aus dem Hause Waldeck Pyrmont, bei einer Niederkunft mit nur 25 Jahren ums Leben. Auch das Kind überlebte nicht. Der König heiratete ein zweites Mal, doch die Verbindung mit Prinzessin Charlotte von Schaumburg Lippe brachte nicht den ersehnten Erben. Als der Sohn zum Thronfolger bestimmt wurde, zogen Philipp und Maria Theresia von Wien nach Stuttgart und verbrachten den Lebensabend dort. Bevor Herzog Albrecht jedoch regieren konnte, wurde die Monarchie 1918 abgeschafft.
Oberhaupt
Wilhelm Herzog von Württemberg (geboren 1994) ist der derzeitige Chef der Dynastie. Er musste diese Funktion frühzeitig übernehmen, da sein Vater Friedrich Herzog von Württemberg (1961–2018) bei einem Autounfall tödlich verunglückte. Zuvor hatte sein Großvater Carl Herzog von Württemberg (1936-2022) die Geschicke des Hauses jahrzehntelang geleitet.