Gemüse ist gesund - allerdings nicht, wenn es verschimmelt ist, wie die Paprika in einer Stuttgarter Pizzeria. Foto: Stadt Stuttgart

Ratten, Mäuse, Kakerlaken und Obstfliegen waren in einem Betrieb heimisch, den die Lebensmittelüberwacher der Stadt Stuttgart kontrolliert hatten. Die Bilanz für 2013: Wegen katastrophaler Hygienezustände wurden 65 Betriebe geschlossen.

Stuttgart - Lebensmittelkontrolleure müssen wohl über eine gute Portion Ironie verfügen, um ihren Job erledigen zu können. „In dem anheimelnd dunklen Restaurant hatten sich Ratten, Mäuse, Kakerlaken und Obstfliegen häuslich eingerichtet, von zahlreichen Lebensmitteln genascht und ihre Ausscheidungen hinterlassen“, heißt es blumig-spöttisch an einer Stelle im Bericht 2013 der städtischen Lebensmittelüberwacher. Beschrieben wird ein Betrieb, den die Stadt wegen der dortigen katastrophalen Hygienezustände dichtgemacht hat – einer von 62 im vergangenen Jahr, so weist es das Tagebuch des Ekels von Thomas Stegmanns aus.

Wie meistens in den vergangenen Jahren kreiste die Bilanz des Chefs der städtischen Lebensmittelüberwachung am Montag hauptsächlich um zwei Themen: die teils unglaublichen Funde an Ungeziefer und Verdorbenem in manchen Restaurants und die gleichzeitig magere Personalausstattung seiner Abteilung. Tenor: Zahlreiche Ekeletablissements kamen 2013 ungeschoren davon, weil von 11 759 Lebensmittel verarbeitenden Betrieben mangels ausreichend Kontrolleuren nur 4613 überprüft werden konnten. Eigentlich sind in der Abteilung Lebensmittelüberwachung des Ordnungsamts 20 Planstellen angesiedelt. Davon waren 2013 lediglich 14 besetzt. Kontrolle sei deshalb „nur in eingeschränktem Maß“ möglich gewesen, klagte Ordnungsbürgermeister Martin Schairer (CDU) am Montag. Allerdings handle es sich dabei nicht um ein- Problem, das nur die Stadt Stuttgart habe. Es fehle bundesweit an ausgebildeten Kontrolleuren, so Schairer.

Dabei gilt offenbar die Gleichung: Mehr Personal ist gleich mehr entdeckte Verstöße. 2013 wurden in geringem Maß mehr Kontrollen vorgenommen und dabei in ebenso geringem Maß mehr Verstöße festgestellt. In diesem Jahr arbeiten 16 Lebensmittelüberwacher beim Stuttgarter Ordnungsamt, diese haben im Jahr 2014, Stand Montag, 65 verdreckte Betriebe geschlossen. Die Zahl des Vorjahrs ist damit bereits in der ersten Jahreshälfte 2014 überschritten.

Von 2015 an sind laut Schairer alle Planstellen der Lebensmittelüberwachung besetzt. Das Personal rekrutiert die Stadt vornehmlich bei Köchen, Metzgermeistern, Bäckern und schult sie in einer zweijährigen Ausbildung zu Lebensmittelkontrolleuren. „Erfahrenes Personal gibt der Markt nicht her, wir müssen die Leute erst selber ausbilden.“

In Form dieser personellen Schieflage wirkt bis heute die Verwaltungsreform 2003 des damaligen Ministerpräsidenten Erwin Teufel (CDU) nach. Die Lebensmittelüberwachung, bis dahin Teil der Polizei, wurde bei Städten und Gemeinden angesiedelt, begleitet von einem Personalabbau. Elf Jahre später sei Stuttgart im Vergleich zu anderen Städten zwar gut ausgestattet, „aber um alle Aufgaben zu 100 Prozent erledigen zu können, bräuchten wir 34 Leute“, so Schairer.

Zu tun hätten auch 34 Kontrolleure genügend, wie die Liste des Grauens von Thomas Stegmann belegt. In 128 Fällen mussten große Mengen (teils mehr als eine Tonne) an Lebensmitteln entsorgt werden. Einmal mussten die Lebensmittelüberwacher anrücken, weil Zollfahnder einen Lieferwagen kontrolliert und im verschmutzten Laderaum offenes Schlachtfleisch zwischen Altkleidersäcken entdeckt hatten. Kakerlaken, von Ratten oder Mäusen angefressene Lebensmittelverpackungen oder Uraltfett in einer Pommes-Fritteuse zählen zu den übelsten Entdeckungen der Kontrolleure. Nichts zu beanstanden hatten die Kontrolleure übrigens in der Burger-King-Filiale in Bad Cannstatt. Das dortige Schnellrestaurant wird von einem bundesweit tätigen Lizenznehmer des amerikanischen Fast-Food-Konzerns betrieben, der jüngst wegen Verstößen gegen Hygieneregeln überregional in die Schlagzeilen geraten war.

Eine der Herausforderungen fürs Ordnungsamt ist 2014 das alle vier Jahre stattfindende landwirtschaftliche Hauptfest im Herbst, da die Lebensmittelüberwacher auch für Tierschutz, den Schutz vor Tieren und Tierseuchenbekämpfung zuständig sind. Untersucht werden Nutztiere aus ganz Baden-Württemberg. Wird hier im Hinblick auf Maul- und Klauenseuche etwas übersehen, „versenken wir an einem Tag die komplette Landwirtschaft im Land“, so Thomas Stegmanns. Derzeit blicken die Veterinäre mit einer gewissen Sorge nach Polen, „wo zwei Fälle von Afrikanischer Schweinepest bekannt geworden sind“, so Schairer.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: