In die Diskussion über eine kulturelle Belebung der Esslinger Innenstadt schalten sich nun auch die örtlichen Architektinnen und Architekten ein. Die Fachleute sehen eine Reihe von Chancen.
In der Debatte über die Vorschläge von OB Matthias Klopfer zur Belebung der Innenstadt hat sich der Planungsbeirat der Esslinger Architektinnen und Architekten zu Wort gemeldet. Der ehrenamtliche Kreis von Planerinnen und Planern, die zu einer guten Stadtentwicklung beitragen wollen, begrüßt Überlegungen für eine kulturelle Aufwertung der Innenstadt. „Die Aufgabe der Stadt als Zentrum von Handel und Dienstleistungen nimmt mit der Digitalisierung ab“, erklärt der Beirat. Diese Entwicklung sei mutmaßlich nicht aufzuhalten: „Die Aufgabe der Stadt als Treffpunkt und soziokulturelles Zentrum einer Stadtgesellschaft sowie der Erhalt bestehender Händler und die Förderung zur Ansiedlung neuer Händler durch gute Rahmenbedingungen müssen deshalb wesentliches Ziel sein.“ Die Entwicklungen bei Karstadt und Kögel böten neue Anforderungen zum Erhalt einer attraktiven Stadt mit Aufenthaltsqualität, aber auch neue Optionen für eine Nachnutzung.
Für offene Diskussionen
Der Planungsbeirat hat sich schon länger mit dem Gedanken einer kulturellen Nutzung der Kögel- und Karstadt-Gebäude beschäftigt, die 2024 frei werden. Dies gelte umso mehr, als es um Nahtstellen der Innenstadt gehe. „Das ist eine Chance, die man nicht verstreichen lassen darf“, findet der Architekt und Planungsbeirat Veit Schmid. Sein Kollege Stefan Bräuning, einer der Sprecher des Beirats, findet: „Wir sollten versuchen, in einer offenen Diskussion mit allen Beteiligten etwas richtig Gutes zu entwickeln.“ Ziel sei eine attraktive und langfristig angelegte Bibliothek, Richtschnur solle die Konzeption sein, die die frühere Bücherei-Leiterin Gudrun Fuchs mit ihrem Team entwickelt hatte. „Das ist ein Superkonzept“, lobt Veit Schmid.
Für einen Umzug der Bücherei an den Postmichelbrunnen sprechen nach Meinung des Beirats die zentrale Lage und eine bessere Sichtbarkeit der Einrichtung, die schon jetzt im Bebenhäuser Pfleghof ein Publikumsmagnet ist. Das Kögel-Haus sei ein offenes Gebäude, das große Stellflächen mit viel Tageslicht und Helligkeit sowie frei gliederbare Bereiche biete. Positiv seien auch die rasche Verfügbarkeit des Gebäudes für einen Umzug und eine barrierefreie Infrastruktur. Durch die Nähe zum Bebenhäuser Pfleghof sei dort „eine Weiternutzung von besonders geeigneten Räumen etwa für Lesungen, Aktionen und Veranstaltungen möglich“. Wünschenswert sei „eine ergänzende Öffnung“ des Kögel-Hauses in Richtung Postmichelbrunnen“. Derzeit hat die Kreissparkasse dort einen SB-Bereich. Die Architektin Clarissa de Ponte, eine der Sprecherinnen des Planungsbeirats, sieht bei einem Umzug ins Kögel-Haus zudem die Chance, dort „mit geringem Aufwand und ohne große Umbauten etwas Gutes zu schaffen – vielleicht auch in Etappen“. Vieles wie Teppichboden und Beleuchtung sei in sehr gutem Zustand, Bücherregale aus dem Pfleghof könnten vorerst weiter genutzt werden. Angesichts der aktuellen Situation in der Welt müsse mit Blick auf Klima und Finanzen umgedacht werden.
Bücherei- und Wissensstandort
Eine weitere Reduzierung des bereits reduzierten Medienbestands der Bücherei wäre für den Planungsbeirat nicht der richtige Weg. Vielmehr wird betont: „Sollten die vorhandenen Flächen im Kaufhaus Kögel den konzeptionellen Ansprüchen einer Stadtbücherei für Esslingen nicht entsprechen, wäre auch alternativ zu prüfen, inwieweit im Zuge einer Gesamtmaßnahme beide Gebäude, also Pfleghof und Kögel, bei so nahe liegenden Gebäudestandorten konzeptionell zu einem attraktiven Bücherei- und Wissensstandort umgesetzt werden könnten.“
Ebenso ist für die Architektinnen und Architekten klar, dass der Bebenhäuser Pfleghof in öffentlichem Eigentum bleiben und weiterhin öffentlich und bürgerorientiert genutzt werden müsse. Ein Umzug der Bücherei allein könne keinesfalls genügen. „Wir brauchen beide Orte und müssen das Beste aus ihnen machen“, betont Clarissa de Ponte, die eine besondere Verantwortung sieht: „Der Bürgerentscheid darf nicht umsonst gewesen sein.“ Wenn die städtischen Museen, die bislang in unterschiedlichen Gebäuden untergebracht sind und 2022 insgesamt etwa 19 000 Besucher zählten, im Pfleghof zusammengefasst würden, seien Synergien zu erzielen, heißt es in der Stellungnahme der Architektinnen und Architekten. Durch gemeinsame Aktionen und eine Bespielung des Hafenmarkts lasse sich die Attraktivität steigern.
Ja zu einem VHS-Umzug
Kurze Wege und eine gute Anbindung an den Nahverkehr sieht der Planungsbeirat bei einem Umzug der Volkshochschule ins Karstadt-Gebäude ebenso als Vorteil wie die Lage an einem geschützteren und belebteren Ort als bisher. Das sei vor allem abends wichtig. Die Sichtbarkeit der VHS, die ein zusätzlicher Anziehungspunkt in der Altstadt sein und die Bahnhofstraße beleben könnte, werde besser. Die bisherigen Räume der Volkshochschule könnten laut Planungsbeirat zu Wohnungen oder Büros werden, das bisherige Stadtmuseum solle in städtischer Hand bleiben und auch zu Wohnraum werden.
Aspekte der Innenstadt-Diskussion
Der Anstoß
OB Matthias Klopfer will Impulse für eine lebendige Innenstadt setzen: Die Volkshochschule soll von der Mettinger Straße ins frei werdende Karstadt-Haus, und die Bücherei soll in das bisherige Modehaus Kögel ziehen. Im Bebenhäuser Pfleghof sollen kulturelle Einrichtungen wie die städtischen Museen zusammengeführt werden, um rund um Webergasse, Hafenmarkt und Küferstraße ein Kulturquartier zu schaffen. Näheres will Klopfer im Dezember im Gemeinderat vorstellen.
Die Reaktion
Der Förderverein der Stadtbücherei hat an den Bürgerentscheid erinnert, der 2019 ein klares Votum für eine Bücherei im Pfleghof gebracht hatte. Sollte im Kögel-Haus kein Einzelhandel möglich sein, schlägt der Verein vor, dort ein Digitales Medienzentrum einzurichten, das Teile der angestrebten neuen Funktionen einer Bücherei der Zukunft erfüllen könne. Wesentliche Bereiche der klassischen Bücherei wie Familienbibliothek, Veranstaltungssaal und Café sollen in der Heugasse bleiben.