Die Krebsgasse erschließt das Baugrundstück. Foto: Helmut Pangerl

Zwei Acht-Familien-Häuser werden derzeit in Ingersheim gebaut. Die Anwohner werfen der Verwaltung vor, mögliche Verkehrsprobleme zu ignorieren.

Nicht immer stoßen Bauprojekte auf Zustimmung. Das trifft insbesondere auf zwei Acht-Familien-Häuser der Firma Layher im Ingersheimer Ortskern zu. Zu groß, zu verkehrsträchtig, ja gefährlich – so lauten die Sorgen der Anwohner in der Krebsgasse und darüber hinaus. Schon früh machten die Gegner mobil und sammelten mehr als 100 Unterschriften. Inzwischen sind die Bagger angerollt, aber die Nachbarn wollen nicht klein beigeben.

 

Gemeinderätin ist Nachbarin und widerspricht dem Ortsgremium

Am Verständnis für dringend erforderlichen Wohnraum mangelt es nicht. „Natürlich kann hier gebaut werden, aber maßvoll und verträglich“, sagt Martina Spahlinger, eine der Nachbarn, die seit 2019 in der Gruppe „Mit“ im Gemeinderat vertreten ist, den Kurs des Gremiums gegenüber dem Bauträger Layher aber als willfährig betrachtet.

Spahlinger sieht enorme Probleme auf die Anwohner zukommen, sollten täglich die 120 Bewohnerfahrten von und zur Tiefgarage, von denen der Projektleiter gesprochen habe, die enge Gasse belasten. „Die Probleme sind schon jetzt an der Baustelle groß – es werden Fußgänger noch mehr gefährdet, unter ihnen Kinder und alte Menschen.“ In der Nähe befänden sich Kindergarten, Spielplatz und das Gemeindehaus einer Kirche, es gebe aber keine Gehwege.

Ist der Neubau ein reines Renditeobjekt?

Nach Meinung von Martina Spahlinger hätte die Gemeinde viel früher reagieren müssen. Die Hofbesitzer seien bereits vor 2010 gestorben. „Ein Bebauungsplan hätte diese Art der Bebauung verhindern können.“ Solche riesigen Wohngebäude würden optisch überhaupt nicht in historische Ortskerne passen – die Firma Layher sei bekannt dafür Räume auszumosten. „Der große Bedarf an Wohnraum führt dazu, dass Gemeinden Bauträgern viel zu viel Spielräume geben.“ Spahlinger sieht in dem Bau ein Renditeprojekt. „Diese beiden Gebäude haben nichts mit der Umgebungsbebauung oder gar einer Baukultur zu tun.“

Die Sorge: Bauträger verändern den Charakter des Viertels

Eine weitere Sorge Martina Spahlingers: Bauträger könnten sich auf diese Weise weitere Grundstücke unter den Nagel reißen und den ganzen Charakter des Ortskerns verändern. Sie vermute: Layher werde mit einer Scheune auf einem Nachbargrundstück weiter einsteigen und das „Quartier“ für sich profitabel umgestalten.

In der Tat gab es für das 16 Ar große Anwesen keinen Bebauungsplan und auch keine Bauleitplanung, bestätigt die Ingersheimer Bürgermeisterin Simone Lehnert. Über diese Unterlassung wurde im Gemeinderat schon kontrovers diskutiert – dennoch sehe sie die Bebauung als rechtens an. „Ich möchte die Nachbarn mit ihren persönlichen Ansichten nicht verletzen, doch es wird auch viel Angst gemacht“, sagt sie. So könne man auf dem Youtube-Video der Gegner zur Krebsgasse sehen, dass die alten Gebäude genauso groß seien wie die geplanten. Ein Begegnungsverkehr sei schon immer nicht möglich gewesen. „Man muss anhalten und aufeinander warten.“ Feuerwehr und Müllentsorger hätten jedoch keine Einwände gegen die Planung gehabt.

Die Bürgermeisterin fordert Respekt vor Mehrheitsentscheidung

Über den anhaltenden Widerstand ist die Bürgermeisterin nicht glücklich. „Es geht auch darum, bestehende Entscheidungen demokratisch gewählter Gremien zu akzeptieren.“ Das Regierungspräsidium Stuttgart habe die Rechtmäßigkeit bestätigt. Keineswegs sei die Gemeinde inaktiv gewesen. Mehrmals habe Layher seinen Bauentwurf ändern müssen, das Gebäude sei von der Krebsgasse abgerückt worden. Auch habe die Kommune auf einen hohen Stellplatzfaktor von 1,8 pro Wohneinheit gepocht, damit kein Parkchaos entstehe. In einem Ort wie Ingersheim bräuchten die Menschen Autos, da die ÖPNV-Anbindung nicht optimal sei.

Die Firma Layher sei nicht bevorzugt behandelt worden, teilt die Bietigheimer Stadtverwaltung mit. Deren Planungsamt ist für die Nachbargemeinde zuständig. „Das Gebäude ist – auch nach Hinweisen an den Bauträger – so geplant worden, dass es sich einfügt“, erklärt die Pressesprecherin Anette Hochmuth. Zwei Mehrfamilienhäuser veränderten die Verkehrsbelastung nicht wesentlich. „Die Fahrer bleiben zur gegenseitigen Rücksichtnahme aufgefordert, eine Grundregel des Straßenverkehrsrechts, die in allen engen Altstadtgassen gilt und nicht von vornherein das Wohnen ausschließt.“

Immer noch nicht überzeugt von der Sicherheit in der Krebsgasse ist der Nachbar Wolfgang Karas. „Layher hat den Baukran auf die Straße gestellt, obwohl uns gesagt wurde, er käme auf das Baugrundstück.“ Karas vermutet, dass Feuerwehr und Müllabfuhr nun große Probleme haben, am Kran vorbeizukommen. Andere Nachbarn teilen die Bedenken, sie warnen eindringlich davor, Kinder könnten verletzt werden.

Firma Layher verzeichnet großes Interesse an Wohnungen

Die Firma Layher sieht sich im Recht. Sie verzeichnet nach eigenen Angaben eine hohe Nachfrage von Ingersheimern, die eine Wohnung suchten, darunter viele Paare und Familien. Man habe 35 Quadratmeter vom Grundstück abgegeben, um die Straße zu verbreitern. Es würden auch vier Besucherstellplätze im Außenbereich geschaffen.

Was besagt das Einfügungsgebot?

Baurecht
 Für Gebiete ohne Bebauungsplan gilt das Einfügungsgebot nach Paragraf 34 im Baugesetzbuch. Es besagt, dass sich das Gebäude in die nähere Umgebung einfügen muss. Das prüft das jeweilige Bauamt.

Problem
 Die Begriffe „nähere Umgebung“ und „einfügen“ sind nicht eindeutig geklärt. Zumindest für die Einfügung gelten vier Parameter: Art der Nutzung (Wohnen, Gewerbe), Maß der Nutzung (Kubatur, Bauhöhen), Bauweise und überbaute Fläche.