Wenn der Nachwuchs sich nicht einstellen will, kann das für Paare sehr belastend sein. Wie man dem Schwangerwerden auf die Sprünge helfen kann und warum es wichtig ist, dass Frauen genau in sich hineinhören.
Stuttgart - Nicht alles ist planbar. Frauen machen heutzutage Abitur, studieren, stürzen sich dann voll in den Job. Wenn sie dann Haus, Mann und Hund beisammen haben, setzen sie die Pille ab und wollen sich ans Kinderkriegen machen – und wundern sich dann, dass sie nicht beim ersten Mal schwanger sind. Eigentlich sollten wir mit 20 schwanger werden und nicht mit 40. Aber so sieht die Lebensplanung bei den meisten Frauen eben heute nicht mehr aus. Von vornherein sollten sich Frauen deshalb bewusst machen: Nur weil ich beschließe, dass ich jetzt schwanger werden will, heißt das nicht, dass es jetzt auch sofort klappt. Das nimmt schon mal viel Druck raus.
Ich empfehle Frauen mit Kinderwunsch erst einmal, ihren Körper richtig kennenzulernen. Habe ich einen regelmäßigen Zyklus? Wann ist mein Eisprung? Das funktioniert am besten, wenn man über einen längeren Zeitpunkt morgens nach dem Aufwachen seine Basaltemperatur misst und notiert. In der zweiten Zyklushälfte steigt die Basaltemperatur an. Nach ein paar Wochen können Frauen so recht gut ablesen, wann sie ihren Eisprung überhaupt haben und wann beim Sex überhaupt ein Baby entstehen kann. Auch die Beschaffenheit des Zervixschleims ist ein guter Indikator: An den fruchtbaren Tagen wird er flüssiger, so dass die Spermien des Mannes gut durchschwimmen können.
Wenn es nach einem halben bis einem Jahr nicht geklappt hat mit dem Schwangerwerden, sollte das Paar sich ärztlichen Rat suchen.
Was kann der Mann machen?
Häufig glauben Frauen, wenn es mit dem Schwangerwerden schwierig ist, muss das an ihnen liegen. Dabei wissen wir, dass die Ursache fifty-fifty bei der Frau oder dem Mann zu finden ist. Deshalb ist es so wichtig, dass auch der Mann sich untersuchen lässt. Ein Spermiogramm liefert Klarheit über die Spermienqualität des Mannes: Ist die Anzahl ausreichend? Sind die Spermien beweglich genug? Männern ist der Gang zum Urologen oft unangenehm. Sie empfinden es als Potenzverlust, wenn ihre Partnerin nicht schwanger wird – dabei hat das eine mit dem anderen gar nichts zu tun.
Was wenn die Fruchtbarkeit des Mannes stark beeinträchtigt ist, weil zum Beispiel in der Samenflüssigkeit überhaupt keine Spermien zu finden sind? Als allerletztes Mittel können bei einer Hodenbiopsie, einer Operation am Hoden, Spermien direkt entnommen werden.
Wie kann man nachhelfen?
Ich empfehle immer eine Hormonanalye. Dabei wird der Hormonstatus der Frau am Anfang und in der zweiten Hälfte des Zyklus gemessen. Oft liegt es an einer Fehlfunktion der Schilddrüse, wenn es mit dem Schwangerwerden nicht klappt. Das lässt sich mit entsprechenden Medikamenten beheben.
Wichtig ist auch abzuklären, ob die Eileiter durchgängig und beweglich sind. Das geht am besten mit einer Bauchspiegelung, einer sogenannten Laparoskopie. Dabei lässt sich auch feststellen, ob es in der Gebärmutter Verwachsungen gibt, die eine Einnistung verhindern.
Als ersten Schritt einer Fruchtbarkeitsbehandlung können Frauenärzte den Eisprung kontrollieren. Per Ultraschall wird die Eireifung und der Aufbau der Gebärmutterschleimhaut beobachtet. Ist das Ei sprungreif und die Schleimhaut für die Einnistung gut aufgebaut, kann der Eisprung mit Medikamenten ausgelöst werden – und dann heißt es für das Paar: Sex haben.
Welche Möglichkeiten der künstlichen Befruchtung gibt es?
Insemination: Dabei wird Spermium des Mannes in die Gebärmutter der Frau eingebracht. Die Insemination eignet sich vor allem dann, wenn die Spermienqualität des Mannes eingeschränkt ist. Denn die Samenflüssigkeit kann vorher auch entsprechend im Labor aufbereitet werden. Zum Beispiel werden unfruchtbare Samenzellen herausgefiltert. Auch lesbische oder alleinstehende Frauen können sich mit einer Samenspende so ihren Kinderwunsch erfüllen.
In-vitro-Fertilisation (IVF): Bei einer IVF-Behandlung werden die Eierstöcke der Frau hormonell stimuliert, so dass mehrere Follikel reifen. Dann wird der Eisprung eingeleitet und die Eizellen werden mit Hilfe einer feinen Nadel entnommen. Meistens bekommt die Patientin für den kurzen Eingriff durch die Scheide eine Vollnarkose. Die Befruchtung der Eizellen findet dann im Reagenzglas statt: Zu der Eizelle werden Spermien des Mannes gegeben – schwimmen müssen die Spermien bei dieser Methode aber selbst. Die befruchtete Eizelle wird dann in die Gebärmutter der Patientin eingesetzt.
Intrazytoplasmatische Spermieninjektion (ICSI): Die ICSI-Behandlung läuft praktisch gleich ab wie eine In-vitro-Fertilisation. Nur wird das Spermium mit einer ganz feinen Nadel direkt in die Eizelle gespritzt. Inzwischen ist die ICSI häufiger als eine bloße IVF-Behandlung. Der Vorteil der ICSI liegt auf der Hand: Die Spermien müssen nicht selber schwimmen und die Wand der Eizelle überwinden.
Kinderwunschbehandlungen können sehr belastend sein
Geschlechtsverkehr mit Wecker ist der Tod der Zärtlichkeit. Das Thema unerfüllter Kinderwunsch kann für Paare psychisch sehr belastend sein. Die Frau sucht die Schuld bei sich, der Mann fühlt sich als Versager. Mit jedem vergeblichen Versuch steigt die Frustration. Man sollte sich bewusst machen: Die Wahrscheinlichkeit, mit einer der oben genannten Methoden schwanger zu werden, liegt bei 25 Prozent. Das ist nicht viel. Nach dem dritten Versuch sinkt die Wahrscheinlichkeit gegen Null.
Paare sollten miteinander im Gespräch bleiben: Wollen wir das noch? Wann ist es Zeit, die Notbremse zu ziehen? Manche Paare ruinieren sich finanziell, weil die Krankenkasse längst nicht mehr zahlt. Andere suchen Hilfe in Österreich oder Tschechien. Im Gegensatz zu anderen Ländern sind Eizellspenden und Leihmutterschaft in Deutschland nämlich verboten.
Ich versuche, meinen Patientinnen zu vermitteln: Es gibt auch andere Wege, sich seinen Wunsch nach einer Familie zu erfüllen – Adoption zum Beispiel oder eine Pflegschaft. Und auch ohne Kinder kann man ein glückliches Leben führen.