In den Semesterferien fährt Lara Söldner mit dem Rad von Stuttgart nach Spanien. Der Trip führt sie in ein neues Leben als reisende Influencerin.
Lara Söldner macht, was man als hippe Stuttgarterin mit Mitte 20 halt so macht: neben dem Studium ein bisschen jobben – und am Wochenende Party. Sie trifft sich mit ihren Freunden am Palast der Republik oder am Marienplatz, es wird viel geredet, gelacht und getrunken. Nach Mitternacht geht’s weiter ins Kap Tormentoso oder einen anderen Club. Samstagnachts kommt Lara selten vor drei heim, und vor zwölf steht sie am Sonntag nicht auf. Dann braucht sie erst mal zwei, drei Tassen starken Kaffee gegen den Brummschädel.
Eines Tages beschließt Lara Söldner, ein anderes Leben auszuprobieren. Was sie dazu bewogen hat, kann sie bis heute nicht genau erklären. Sie weiß nur, dass sie unzufrieden war, oder wie sie es selbst formuliert: „Von außen betrachtet wirkte ich normal, ich erfüllte die Erwartungen meiner Umgebung. Aber innerlich fühlte ich mich am Arsch. Das Elend verschlang mich.“ Den Bachelor in Sonderpädagogik hatte sie fast schon in der Tasche. Doch wollte sie wirklich als Lehrerin arbeiten? Womöglich bis zur Rente? Solche Fragen gingen ihr im Frühjahr 21 durch den Kopf. „Ich habe damals herausgefunden, dass ich nicht mehr so weitermachen will wie bisher“, erzählt Lara Söldner.
Krafttraining am Südheimer Platz
Ihr erster Entschluss: nüchtern bleiben, die Sinne nicht mehr mit Bier und Rotwein vernebeln: „Ich will 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche mein ungefiltertes klares Selbst sein.“ Und weil das kaum klappen kann, wenn sie weiterhin mit ihrer Clique in der Stadt abhängt, radelt sie stattdessen abends zum Südheimer Platz, wo neben einem Spielplatz ein paar Trainingsgeräte für Erwachsene stehen. Lara ist keine Sportskanone. Während ihrer Zeit am Gymnasium in Schorndorf hat sie sich als Schwimmerin, Fußballerin und Gymnastin versucht – jeweils recht erfolglos. Aber das Freiluft-Krafttraining mitten im Heslacher Kiez bereitet ihr einen Mordsspaß, und vor allem: Sie spürt, dass ihr die Bewegung guttut. „Da geht doch bestimmt noch mehr“, denkt sie, kauft sich bei Ebay ein gebrauchtes Trekkingrad und beschließt, in den Semesterferien von Stuttgart nach Spanien zu strampeln.
Am 8. August 2021 geht’s los. Die erste Nacht: fürchterlich! Bei Freudenstadt, am Rand einer Wiese, hat sie ihr winziges Zelt aufgebaut. Schlaflos liegt sie auf ihrer Isomatte und lauscht. Waren das Schritte, schleicht sich da einer an? Und jetzt: Das klang, als hätte jemand ein Taschenmesser aufgeklappt. In der Morgendämmerung wird ihr klar, dass der Horror nur in ihrem Kopf stattgefunden hat. Trotzdem macht sie auch in den folgenden Nächten kaum ein Auge zu. Sie fühlt sich einsam. Der Hintern schmerzt. So hat sie sich ihre Ferien nicht vorgestellt.
Tag vier. Erschöpft ruht sich Lara an einem Fluss in Burgund auf einer Bank aus, als eine Frau auf einem voll bepackten Tourenrad neben ihr hält. Die Fremde plaudert munter drauflos: Sie heiße Johanna, sei Anfang 30, Ingenieurin aus Mannheim und – welch ein Zufall! – auf dem Weg nach Spanien. Sie wolle ein paar Wochen lang austesten, wie sich ein Dasein ohne Wecker, Deadlines und Komfort anfühlt. Eigentlich hatte Lara Söldner geplant, allein zu reisen. Doch nun ist ihr eine Gleichgesinnte begegnet – und das erweist sich als glückliche Fügung.
Der Traum von einem ungebundenen Leben
Die beiden Frauen radeln zusammen weiter, schlafen nebeneinander unterm Sternenhimmel, teilen ihren Proviant und ihre Gedanken. Wie wäre wohl ein Leben ohne festen Job, ohne Wohnung und mit ganz wenig Besitz (nur dem Allernötigsten)? Wie wäre es, einfach umherzuziehen, sich von der Intuition treiben zu lassen? Würde sie ein ungebundenes Leben erfüllen? Oder würden sie manches vermissen? Die Familie, die Freunde, die Heimat, eine Karriere?
Als Lara mit ihrer Begleiterin am 19. September 2021 Alicante erreicht, weiß sie zwar immer noch nicht, was sie will, aber zumindest weiß sie, was sie auf keinen Fall will: zurück nach Hause. Den Flieger nach Stuttgart besteigt sie nur, um ihre Vergangenheit abzuwickeln. Sie kündigt ihr WG-Zimmer und verkauft ihre Sachen – lediglich ein Kuscheltier, die schönsten Liebesbriefe und ein paar Klamotten behält sie. Dann fliegt sie zurück nach Alicante, wo ihr Fahrrad auf sie wartet. Weiter geht’s, grobe Richtung: Portugal.
Ein knappes Jahr später sitzt Lara Söldner am Esstisch ihrer Schwester in Bad Cannstatt, sie kann dort für ein paar Wochen bleiben. Die hellblauen Augen stechen aus dem braun gebrannten Gesicht der 26-Jährigen hervor, erst vor wenigen Tagen ist sie von ihrer 10 000-Kilometer-Tour durch halb Europa zurückgekehrt. Sie will nicht lange in Stuttgart bleiben. Im September wird sie Tante, darauf freut sie sich. Aber sobald sie ihren Neffen in den Armen gehalten hat, will sie sich wieder auf den Sattel setzen und an einen fernen Ort radeln, wo es im Winter warm ist. „Mein Ziel ist, dass ich von dem, was ich am liebsten tue, leben kann“, sagt sie. „Ich bin sicher, dass das klappen wird.“
Ohne die üblichen Floskeln
Als sich Lara Söldner im vergangenen Sommer unter dem Benutzernamen Giant Cheerio (auf Deutsch: „Riesiges Tschüss“) bei Instagram einen Account einrichtet, denkt sie nicht daran, eine Karriere als Influencerin zu starten. Sie will lediglich ihre Familie und ihre Freunde darüber auf dem Laufenden halten, wo sie sich herumtreibt. Lara postet Fotos, die sie in Besançon vor einer Kathedrale, in Montélimar auf einer Hängebrücke oder am sonnigen Strand von Barcelona zeigen – typische Urlaubsbilder, wie sie sich trilliardenfach in den sozialen Netzwerken finden. Doch Lara Söldner kommentiert den Augenschmaus nicht mit den üblichen Floskeln („Hab gerade ’ne geile Zeit am Beach!“) und ein paar Smileys, sondern offenbart, wie sie sich auf ihrer Reise verändert hat: „Ich verschwende keinen einzigen Gedanken mehr an mein Äußeres. Ich brauche kein Make-up, um mich für den Tag bereit zu fühlen. Ich brauche keinen Schrank voller Klamotten. Ich trage mein Leben auf meinem Fahrrad mit mir herum.“
Ihre Weniger-ist-mehr-Botschaften werden mit Hunderten virtuellen Herzchen und Küsschen werfenden Emojis belohnt – was Lara Söldner wiederum dazu motiviert, ihre Berichterstattung in eigener Sache aufwendiger zu gestalten. Smartphone und Selfie-Stick reichen nicht mehr, sie verwendet nun auch ein Stativ, einen Laptop und sogar eine Drohne, mit der sie aus der Luft filmt, wie sie scheinbar in sich versunken auf der Düne von Pilat sitzt und auf den Atlantik blickt.
Lara Söldner ist ihr eigenes Model, ihre eigene Regisseurin, ihre eigene Kamerafrau und ihre eigene Cutterin – und diese selbstbestimmte, kreative Arbeit erfüllt sie mehr als alles, was sie bisher getan hat. Ihr gefällt, dass sie ihre Erfahrungen mit anderen teilen und gleichzeitig ihren privaten Raum schützen kann. Ungeschminkt beschreibt sie ihren Reisealltag in der freien Natur, etwa die Morgentoilette: „Ich benutze meinen Mund als Wasserhahn, nehme einen Schluck aus der Flasche und spucke einen kräftigen Strahl auf die Hände. Das Gesicht reinige ich mit einem gebrauchten Kamillenteebeutel.“ Anschließend packt sie ihre Sachen und verlässt den Lagerplatz „so, wie ich ihn am Abend zuvor vorgefunden habe“.
Schöne Zeiten, schwierige Zeiten
Schon nach einigen Monaten hat sie mehr als 25 000 Follower, die die Hochs und Tiefs ihrer Tour mitverfolgen – überwiegend junge Menschen, die sich wie sie nach Freiheit und Unabhängigkeit sehnen. Sie hören zu, wenn Lara Söldner alias Giant Cheerio am Strand auf der Ukulele spielt und „Follow me and everything is alright“ singt. Sie fiebern mit, wenn sie mutterseelenallein in ihrem Zelt eine Corona-Infektion auskuriert. Sie leiden, wenn ihr Rad in der andalusischen Pampa einen Platten hat oder sie sich in Galicien bei strömendem Regen pitschnass unter einem Vordach verkriechen muss. Sie freuen sich über die netten Hippies, die ihr den Abschied von Gran Canaria schwer machen, oder den Mechaniker, der ihr in Tarifa den Gepäckträger kostenlos repariert. „Es ist unglaublich, wie viele warmherzige Menschen ich unterwegs kennengelernt habe“, sagt Lara Söldner. Aber manchmal, auch das verschweigt sie nicht, muss sie sich gegen schmierige Kerle wehren, die sich an sie heranmachen wollen. Für den Ernstfall hat sie neben dem Schlafsack ein Messer liegen.
Irgendwie muss Lara Söldner ihre Reiselust finanzieren. Auf der amerikanischen Social-Payment-Plattform Patreon hat sie eine Art Spendenkonto für sich selbst eingerichtet. Ab vier Euro im Monat kann man ihr Supporter, also Unterstützer, werden. VIP-Supporter zahlen 25 Euro und erhalten dafür regelmäßig eine handgeschriebene Postkarte von ihr. Mittlerweile sind auch Unternehmen aus der boomenden Fahrradbranche auf die Stuttgarterin aufmerksam geworden, die auf Instagram in englischem Jugendslang – „I felt anxious because I didn’t know what the fuck was going on“ – eine internationale Zielgruppe erreicht. Ihre nächste Tour wird Lara Söldner nicht mehr mit ihrem Gebrauchtrad machen, sondern mit einem fabrikneuen Bike, das ihr ein Sponsor zur Verfügung stellt. Manche Instagram-Posts muss sie künftig als Werbung kennzeichnen.
Im vergangenen Sommer wollte Lara Söldner nur ein paar Wochen in die Pedale treten, um den Kopf frei zu bekommen und ihre Grenzen auszuloten. „Damals hätte ich mir nicht vorstellen können, die Frau zu werden, die ich heute bin“, sagt sie. „Die Kilometer, die ich gefahren bin, die Erfahrungen, die ich gemacht habe, und die Menschen, die ich getroffen habe, haben mich verändert.“ Das unzufriedene Stadtmädchen Lara Söldner lebt nun als abgeklärte Weltenbummlerin.