Timo Grupp ist einer von neun Ingenieuren bei Farming Revolution, die den autonomen Hackroboter entwickelt haben. Foto: STZN/Michael Bosch

Das Unternehmen Farming Revolution aus Ludwigsburg hat einen Roboter entwickelt, der die Landwirtschaft nachhaltig verändern könnte. Er ist ein Beispiel, wie Künstliche Intelligenz künftig helfen kann.

Mit gerade einmal einem Kilometer in der Stunde zuckelt das Gefährt über den Acker. Als Fußgänger kommt man locker hinterher. Manchmal hält der Zweiachser an, fährt seine Hackscharen ein, ruckelt ein bisschen, so fallen Erde und Steine ab. „Vergleicht man das, was der Roboter vollautomatisch macht, mit dem, was man von Hand mit der Hacke schafft, wäre die Maschine utopisch schnell“, sagt Timo Grupp.

 

Der 27-Jährige ist Teil des neunköpfigen Teams von Farming Revolution aus Ludwigsburg, das den Roboter entwickelt hat. Die Maschine des einstigen Start-ups, das aus dem Bosch-Konzern hervorging, könnte die Landwirtschaft revolutionieren – zumindest ein Stück weit. „Im Grunde macht sie das, was noch vor 50 Jahren im Ackerbau üblich war und bis heute zur Gartenarbeit gehört“, sagt der Agrartechniker. „Sie jätet Unkraut.“ Dank Künstlicher Intelligenz (KI) aber eben hundertfach schneller.

Drei Kameras scannen die Pflanzen am Boden

Drei Kameras scannen jede Pflanze, über die das rund viereinhalb Meter lange Gerät fährt. Jede Zehntelsekunde wird ein Bild geschossen. Der Computer gleicht dieses mit einer weltweit einzigartigen Datenbasis aus mehr als 18 Millionen Pflanzenbildern ab. Anhand von Farbe, Wuchshöhe, Blattkontur und anderen Merkmalen erkennt der Rechner Zuckerrüben, Kohl, Salat, Raps, Mais oder Ackerbohnen – und Unkraut. „In 99 Prozent der Fälle liegt die KI richtig“, sagt Grupp. Was nicht aufs Feld gehört, wird dann mit mehreren Werkzeugen aus dem Boden gelöst. Trotz seiner Größe agiert der Roboter dabei extrem präzise.

Groß müssen die Pflanzen nicht sein. Die Maschine unterscheidet „richtige“ und „falsche“ Pflanzen auch bei einer Größe, bei der das menschliche Auge schon Probleme bekommt. Es reicht eine Höhe von nur einem Zentimeter. Der Computer errechnet zudem die Mitte der Pflanze, sodass auch Unkraut, das nah am Stamm wächst, millimetergenau entfernt wird. Die Hackwerkzeuge fahren dabei unter die Blätter der Nutzpflanzen, ohne diese zu schädigen.

Ohne Künstliche Intelligenz: keine Zukunft für die Landwirtschaft

„Das hinzubekommen, war eine Herausforderung“, sagt Timo Grupp. „Wir haben große Fortschritte seit der Markteinführung vor etwa zwei Jahren gemacht.“ Grupp spricht dabei gerne von „Robustheit“. Was er damit meint: Die Maschine funktioniert inzwischen bei fast allen Wetterbedingungen, auf verschiedensten Böden und – weil mit allen vier Rädern gelenkt wird – auch problemlos am Hang.

KI ist derzeit in aller Munde – und nicht unbedingt nur positiv belegt. Sorgen werden beispielsweise im Hinblick auf den Arbeitsmarkt und dass die Technologie massenweise Arbeitsplätze vernichtet, geäußert. Grupp hält Künstliche Intelligenz im Agrarbereich dagegen künftig für unverzichtbar. „Ohne autonome Fahrzeuge wird es den Sektor bei uns in 20 bis 30 Jahren nicht mehr geben“, sagt er. Dabei spiele auch der demografische Wandel und die schwierige Suche nach Nachfolgern in vielen Betrieben eine Rolle.

Grupp ist selbst Landwirt im Nebenerwerb. Auf einem seiner Felder bei Lauterstein (Kreis Göppingen) sind derzeit zwei der Maschinen zu Testzwecken im Einsatz. Zwölf Roboter – bereits die fünfte Generation – vermietet das Unternehmen derzeit an Betriebe in Deutschland, Österreich, der Schweiz und Frankreich, im Winter sind sie in Portugal und Spanien im Einsatz. Kaufen kann man sie noch nicht.

Biobauern nutzen die Roboter schon

Bisher nutzen die Maschinen vor allem Biobetriebe, die keine chemischen Pflanzenschutzmittel verwenden dürfen. Vorschriften der Europäischen Union verlangen künftig auch von konventionellen Betrieben den Einsatz von Herbiziden deutlich herunterzufahren. Ziel sei es, sagt Timo Grupp, die „Verfahrenskosten“ des „Farming GT“ – der Name ist übrigens eine Hommage an den in der Landwirtschaft allseits beliebten Fendt Geräteträger (GT) – soweit herunterzuschrauben, dass die Landwirte nicht mehr dafür zahlen als fürs Spritzen. „Aber dafür werden wir noch einige Jahre brauchen.“

Bis dahin dürfte die Technik weiterhin vor allem bei Biobauern Anklang finden. Grupp zählt eine ganze Reihe von Vorteilen auf: allen voran, dass man nicht auf teure Saisonarbeitskräfte angewiesen und die Maschine deutlich schneller sei. Rund einen halben Hektar schafft sie pro Stunde. Im Vergleich zu herkömmlichen Traktoren, die circa das zehnfache wiegen, schont der Farming GT mit seinen 1,5 Tonnen Gewicht den Boden. Und auch in Sachen Energie ist die Maschine ein Leichtgewicht. „Sie verbraucht gerade einmal ungefähr so viel wie ein Föhn“, sagt Grupp. Die Batterien halten fünf bis sechs Stunden, danach lädt sich der Roboter über einen Generator selbstständig auf.

Die Entwicklung ist noch lange nicht am Ende, getüftelt wird immer noch: Derzeit arbeiten Grupp und seine Kollegen daran, der Maschine beizubringen, dass sie Unkräuter, die förderlich für die Biodiversität sind, stehen zu lassen. Die Entwicklung zeige, wie technikaffin der Landwirtschaftssektor im Allgemeinen sei, sagt Grupp. „Vor Künstlicher Intelligenz hat da niemand Angst.“

Unternehmen unter dem Dach von Bosch gegründet

Auszeichnung
Die Farming Revolution GmbH ist kürzlich mit dem VR-Innovationspreis Mittelstand der baden-württembergischen Volksbanken und Raiffeisenbanken ausgezeichnet worden. Der mit 20 000 Euro dotierte Preis ist nach Angaben der Bank einer der wichtigsten und höchst dotierten für den Mittelstand im Südwesten.

Unternehmen
Farming Revolution wurde im Jahr 2019 von den treibenden Köpfen des „Bosch-Deepfield“-Teams gegründet. Es hatte sich seit 2014 mit Zukunftsstudien beschäftigt.

Mehr Infos unter: www.farming-revolution.com